Reportage

Sprung ins Restrisiko

Der Sprecher der Basejump-Szene, Markus Wyler, ist tot. Er hinterlässt seinen Kollegen ein besseres Lauterbrunnental. Besuch an der Wallfahrtsstätte einer Sportart, bei der nur Fehler verboten sind.

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Brandon zählt von drei herunter auf null. Dann springt er, öffnet wie ein Flughörnchen seinen Wingsuit und taucht nach links entlang der Felswand ab. Zum zweiten oder dritten Mal an diesem Tag lässt er sich von der Absprungstelle High Nose hoch über dem Lauterbrunnental fallen, und er wird es so oft tun, bis es der aufkommende Wind am Nachmittag verunmöglicht.

Der 30-jährige Amerikaner lebt und arbeitet sechs Monate im Jahr als Hardware-Ingenieur in Australien. Die restliche Zeit arbeitet er als Fallschirminstruktor und springt von Gebäuden, Antennen, Brücken, Felsvorsprüngen. Das Kürzel – BASE – steht in Englisch für Building, Antenna, Span (für Brücke), Earth. Brandon fliegt jedes Jahr für Tickets im Wert von rund 10'000 Dollar von Thailand nach Norwegen nach Malaysia nach Tasmanien in die Schweiz oder sonstwo hin, wo das Wetter und die Voraussetzungen für sein Hobby stimmen.

Fallhöhen zu gering für den Notschirm

Im Lauterbrunnental im Berner Oberland tun sie das. Die Felswände links und rechts sind hoch und gerade abfallend. Die Wiesen im Tal flach. Die Absprungstellen bequem mit den verschiedenen Bähnlein zu erreichen. Und: Die Basejumps sind – im Unterschied zu vielen anderen Weltgegenden – legal.

Je nach Schätzung werden im Lauterbrunnental pro Saison zwischen 15'000 und 20'000 Sprünge gemacht, sagt der Bergführer und Air-Glacier-Rettungsarzt Bruno Durrer. Damit hätte sich die Zahl der Basejumps im Lauterbrunnental innert weniger Jahre verdoppelt, was zeigt: Die Sportart boomt. «Ich habe viele Kunden, die lernen Fallschirmspringen nur, weil sie Basejumpen wollen», sagt Brandon. Worüber er, wie alle anderen Basejumper auch, nicht reden will, ist der Tod, der bei jedem Sprung mitfliegt. Die Fallhöhen beim Basejump sind zu klein, als dass sich Notschirme noch öffnen könnten. Deshalb springt man ohne. Öffnet sich der Hauptschirm nicht, bedeutet das den fast sicheren Tod des Springers.

Drei bis fünf Unfälle enden tödlich

Die von der Szene selbst geführte Statistik zeigt jedoch, dass nebst Fehlfunktionen von Wingsuits menschliches Versagen die Hauptursache tödlicher Unfälle ist. Die meisten tödlichen Unfälle ereignen sich, wenn die Springer überdrehen, kopfüber den Fallschirm ziehen müssen und in die Felswand prallen. Oder wenn sie den Fallschirm zu spät oder gar nicht ziehen.

Die Zahl der Todesfälle nimmt weltweit zwar von Jahr zu Jahr auf zwanzig tödlich Verunfallte im Jahr 2011 zu. Doch gemessen an der Zahl der weltweit absolvierten Sprünge, die bei weit über 100'000 liegen dürfte, hätten die Todesfälle nicht proportional zugenommen, sagt Rettungsarzt Durrer. «Auch hier im Lauterbrunnental gibt es Tote. Aber es werden nicht mehr, obwohl es mehr Sprünge gibt», sagt er. Seit 2008 habe sich die Zahl der Unfälle zwischen 23 und 24 eingependelt, wovon drei bis fünf tödlich ausgingen.

Zweites Aushängeschild der Schweizer Szene gestorben

Am Wochenende vor Pfingsten starb auch Markus Wyler (37), als sich nach dem Sprung von der Absprungstelle Via Ferrata sein Schirm nicht öffnete. Dass mit Wyler der Sprecher der Swiss Base Association (SBA) und nach Ueli Gegenschatz das zweite Aushängeschild der Schweizer Szene gestorben ist, ist in Lauterbrunnen auch am Tag seiner Beerdigung kein grosses Thema. Jeder Unfall sei tragisch, egal wen es treffe, sagt der Kalifornier Rod, der in Frankreich als Notarzt arbeitet, bevor er – gleich wie Brandon – vom Kaffee zum nächsten Sprung eilt.

Dass Wyler massgeblich daran beteiligt ist, dass Brandon und Rod im engen Lauterbrunnental so oft springen können, wie sie wollen, wissen die beiden nicht. Noch im Jahr 2006 stritten sich wegen zweier tödlicher Unfälle innert einer Woche die Gemeinde und die Marketingverantwortlichen der Tourismusbüros. Letztere drängten auf ein Verbot des Basejumpens, weil ihnen die Sensationspresse bei jedem Todesfall die Imagewerte zu verhageln drohte. Ein Nationalrat bemängelte, dass die Basejumper «nicht einmal anständig versichert» seien. Für die Berggemeinden, deren Vertreter auf Nachrichten von toten Alpinsportlern etwas unaufgeregter reagierten, war ein Verbot indes kein Thema. Jungen Leuten, die Sport treiben, verbiete man das Sporttreiben prinzipiell nicht, äusserte sich damals ein Gemeindevertreter.

Lebensversicherung und Rega

Wyler war massgeblich daran beteiligt, dass das Basejumpen im Lauterbrunnental auch heute noch von so vielen Leuten gleichzeitig betrieben werden kann und die Basejumper den Ruch der todessehnsüchtigen Kamikaze-Abenteurer ein wenig verloren. Unter Wylers Führung hat die Szene den Kritikern Schritt für Schritt den Wind aus den Segeln genommen. So führte die Szene eine Landekarte für Basejumper ein. Sie kostet 25 Franken pro Saison. Auch Brandon und Rod besitzen eine. Die Einnahmen aus dem Kartenverkauf werden unter den Bauern verteilt, die ihre Wiesen als Landeflächen zur Verfügung stellen, diese regelmässig mähen und dort, wo gelandet werden darf, Windsäcke ausstecken.

Zusammen mit einer grossen Versicherungsgesellschaft hat Wyler den Basejumpern auch den Abschluss einer Lebensversicherung ermöglicht, die allfällige Ansprüche Dritter deckt. Sie kostet 110 Franken im Jahr. Und es gibt für ausländische Basejumper eine Website, über die sie ihre Ankunft ankündigen und sowohl auf Landekarte als auch Rega-Gönnerschaft und Lebensversicherung hingewiesen werden. Man findet in Lauterbrunnen nur wenig Basejumper, die weder über eine Landekarte noch eine Rega-Gönnerschaft verfügen. Auch das Bundesamt für Zivilluftfahrt hat sich nach einer Häufung von Unfällen für den Flugbetrieb im Lauterbrunnental interessiert. Als die Beamten mit den Basejumpern reden wollten, war die Kommunikation mit Air-Glacier durch Wylers SBA schon institutionalisiert.

Sicherer, aber ohne Illusionen

Auch Brandon ruft kurz vor seinem Absprung die Air-Glacier-Basis im Tal an, um seinen Sprung anzumelden. «So wissen sie, wo ich bin, und ich bin sicher, dass ich nicht in einen Helikopter springe», sagt Brandon. An seiner Absprungstelle High Nose hängt ein Schild, das über den Schwierigkeitsgrad des sogenannten Exit informiert und die physikalischen Daten wie Falldauer und Höhe enthält. Ist er zu wenig routiniert, rät ihm das Schild vom Sprung ab.

Die von Wylers SBA aufgestellten Regeln, das bessere Material und das wachsende Know-how haben das Basejumpen in Lauterbrunnen sicherer gemacht. Aber das so oft zitierte Restrisiko bleibt. Auch die Basejumper geben sich keinen Illusionen hin: «Ich will nicht mehr als fünf Freunde in der Szene haben», sagt einer. «Das Risiko, einen zu verlieren, ist grösser als anderswo.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.05.2012, 19:13 Uhr

Die Todesspringer von Lauterbrunnen (Video von 2010) (Video: Keystone )

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