Suizid vor 1500 Kathedralenbesuchern

Zur besten Besucherzeit beging ein Publizist in der Pariser Notre-Dame Selbstmord – angeblich aus Protest an Homo-Ehe und Islamisierung. Die Rechtspolitikerin Le Pen zollte ihm dafür «Respekt».

War zwischenzeitlich für die Besucher gesperrt: Notre-Dame in Paris. (21. Mai 2013)

War zwischenzeitlich für die Besucher gesperrt: Notre-Dame in Paris. (21. Mai 2013) Bild: Keystone

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Vor den Augen zahlreicher Besucher hat sich in der Pariser Kathedrale Notre-Dame ein bekannter rechtsnationaler Publizist aus Frankreich das Leben genommen. Der 78 Jahre alte Dominique Venner erschoss sich nach Polizeiangaben am Dienstagnachmittag vor dem Altar der Kathedrale mit einer Pistole. Die Chefin des rechtsextremen Front National (FN), Marine Le Pen, sprach Venner über den Kurznachrichtendienst Twitter ihren «Respekt» aus.

Laut Polizei feuerte Venner, der zuvor im Internet die kürzlich eingeführte Homo-Ehe kritisiert und vor einer Islamisierung Frankreichs gewarnt hatte, aus einer Pistole kurz nach 16 Uhr einen Schuss auf sich ab. Nach Angaben eines Verantwortlichen der Kathedrale, Patrick Jacquin, legte er zuvor noch einen Brief auf dem Altar ab, vor dem er sich das Leben nahm. Jacquin sagte, dies sei seines Wissens der erste Selbstmord in der weltberühmten Kathedrale.

Gut gefüllte Kathedrale

Die Kathedrale wurde nach dem Selbstmord Venners rasch evakuiert und abgesperrt. Zum Zeitpunkt des Selbstmordes sollen sich rund 1500 Besucher im Kirchengebäude aufgehalten haben. Die Notre-Dame ist eines der bekanntesten Monumente der französischen Hauptstadt, jährlich besuchen fast 14 Millionen Touristen und Gläubige die Kathedrale, deren 850-jähriges Jubiläum dieses Jahr gefeiert wird.

Ein US-Tourist sagte der Nachrichtenagentur AFP, die Kathedrale sei zum Zeitpunkt des Selbstmordes voll gewesen. Panik sei nicht ausgebrochen, als das Kirchengebäude geräumt worden sei.

Kritik gegen Homo-Ehe

Venner hatte noch am Dienstag in seinem Internetblog die am Samstag offiziell in Frankreich eingeführte Homo-Ehe als «verwerflich» und «abscheulich» kritisiert. Die Gegner der Homo-Ehe dürften sich bei ihren Protesten aber nicht auf die umstrittene Reform beschränken; die wahre «Gefahr» sei eine Islamisierung Frankreichs infolge der Einwanderung aus Nordafrika. Im Kampf dagegen seien «neue, spektakuläre und symbolische Gesten» notwendig. «Wir kommen in eine Zeit, in der die Worte durch Taten beglaubigt werden müssen.»

Venner genoss in Frankreich in rechtsextremen Kreisen grosses Ansehen. Er war früher in der Geheimorganisation OAS aktiv, die Algerien als französische Kolonie beibehalten wollte. Er ist Autor von Schriften über Geschichte und Waffenkunde. FN-Chefin Le Pen erklärte über Twitter, Venners Selbstmord sei «höchst politisch». Er habe «versucht, das französische Volk aufzuwecken».

Vor wenigen Tagen hatte der Selbstmord eines Mannes in einer Pariser Grundschule für Entsetzen gesorgt. Der Mann richtete vergangenen Donnerstag in der Eingangshalle der Schule im vornehmen siebten Bezirk vor rund zehn Schülern und mehreren Erwachsenen ein Gewehr mit abgesägtem Lauf gegen sich und drückte ab.

(mrs/AFP)

Erstellt: 21.05.2013, 23:15 Uhr

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Der Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoë und Familienministerin Dominique Bertinotti nahmen an der Feier teil. Auf der Bühne stand unter anderen der französisch-britische Musiker Mika, der sich im September geoutet hatte.

Das Gesetz, das neben dem Trauschein für gleichgeschlechtliche Paare auch ein Adoptionsrecht einführt, hat die französische Gesellschaft gespalten. Vor einem Monat war es nach hitziger und teils erbitterter Debatte vom Parlament gebilligt worden.

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