Teilnehmen statt abseitsstehen

Was treibt uns 2015 um? Partizipation als Mittel gegen Vereinzelung.

Was bringt die Zukunft? Je mehr wir über die Welt erfahren, umso weniger wissen wir über sie. Foto: Sandro Campardo / Keystone

Was bringt die Zukunft? Je mehr wir über die Welt erfahren, umso weniger wissen wir über sie. Foto: Sandro Campardo / Keystone

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Um diese Jahreszeit haben die Wahr- und Vorhersager Hochsaison. Und wir alle stellen uns – manchmal allein, manchmal in Gesellschaft – Fragen. Sie lassen sich in zwei Kategorien einteilen.

In der ersten Kategorie wollen wir zum Beispiel wissen: Ist der FCB noch zu schlagen? Können wir uns den Urlaub auf den Malediven leisten? In der zweiten Kategorie hingegen beschäftigen uns Fragen wie: Wird sich Ebola auch in der Schweiz ausbreiten? Hat die Eurokrise bald ein Ende?

Vorstellungen darüber, wie es privat und beruflich weitergeht, haben sich die Leute schon immer gemacht. So heikel sie für den Einzelnen sind, so irrelevant sind sie für die anderen. Diese Fragen betreffen eine Zukunft, in der das eigene Ich Hauptakteur ist.

Afrikanische Epidemien jedoch, chinesische Umweltprobleme oder globale Wirtschaftsdaten betreffen uns als Gesellschaft und beschäftigen uns mehr denn je. Etwa im Internet, auf Displays an S-Bahnhöfen, im Fernsehen. Nachrichtenagenturen produzieren im Minutentakt Meldungen, in denen es um CIA-Folterer im Irak geht oder um entsorgte Weihnachtsbäume als Ziegenfutter.

Das menschliche Gehirn, dessen Fassungsvermögen sich seit der Steinzeit nicht wesentlich erhöht hat, gerät in dem Nachrichtentumult schnell an seine Belastungsgrenzen.

Paradox: Je mehr wir über die Welt erfahren, umso weniger wissen wir über sie – dies beunruhigt uns. 1960 haben drei Milliarden Menschen auf dem Planeten gelebt, inzwischen sind es mehr als sieben Milliarden. Die Zusammenhänge sind komplexer geworden. Jedes Einzelnen Zukunft hängt ab von allen anderen Zukünften.

Kommt der Weltsimulator?

Kein Wunder, dass Wissenschaftler mehr Geld für innovative Vorhersagetechniken fordern. Ein Beispiel der kühnen Art ist Futur ICT, ein Projekt zur Entwicklung techno-sozio-ökonomischer Modelle. Es brauche Systeme, die erkennbare Krisen rechtzeitig identifizieren und zugleich helfen, nicht erkennbare Krisen rasch zu beheben: So lautet eine Begründung für Futur ICT.

Teil des Ganzen soll ein «Living Earth Simulator» sein. Eine Maschine, die die Welt in Realzeit simuliert und uns sagt, worauf wir zusteuern.

Das Projekt, an dem auch Forscher der ETH Zürich beteiligt sind, ist ein besonders markantes Beispiel für eine Wissenschaft, die daran glaubt, dass die Zukunft kontrollierbar wird. Dieser Optimismus steht in krassem Widerspruch zur Untergangsstimmung des Alltags angesichts von Klimawandel, Überbevölkerung, Terrorismus und Krieg.

Endzeit als Gewinnspiel

Und gleichzeitig wird die Katastrophe zur Unterhaltung. Ein aktuelles Beispiel ist die – multimedial erweiterte – Buchtrilogie «Endgame», in der zwölf Meteore die Erde getroffen haben und ebenso viele Kulturen im Endspiel ums Überleben stehen. «Endgame»-Fans können in einem Begleitspiel 500'000 Dollar gewinnen.

Der Schriftsteller Jonathan Swift hat schon 1735 die Marsmonde fiktiv vorausgesagt, Jules Verne vor hundert Jahren das elektrische U-Boot angekündigt. Und H. G. Wells hat die Atombombe erahnt. Technische Vorhersagen sind bis heute oft zutreffend und erfolgreich. Grosse Gesellschaftsprognosen haben sich dagegen selten bewahrheitet. Weder haben sich die Proletarier aller Länder gemäss Karl Marx gegen den Kapitalismus vereinigt, noch ist das Ende der Geschichte gekommen, wie es Francis Fukuyama prophezeite.

Politische Zukunft wird in ruhigen Zeiten als ein Schicksal begriffen. Als das, was Politiker, Superhirne oder schlicht «das System» machen. Man gibt sich mit dem sporadischen Urnengang zufrieden. Aber die letzte Zeit war nicht so ruhig. Menschen finden sich nicht länger ab mit dem Schicksal. Sie fordern Partizipation, aktive Teilnahme, um die heutige soziale Anonymität zu überwinden. So entstehen global und lokal Bewegungen gegen Ungerechtigkeit und für bedrohte Rechte; sie machen aus der einsamen Zukunftssorge des Einzelnen eine kollektive Mission.

Man ist bestimmt kein Wahrsager mit der Vermutung, dass uns das Prinzip Partizipation 2015 mehr denn je beschäftigen wird.

* Michael Schindhelm, früherer Direktor des Theaters Basel, hat gerade seine eigene Zukunftsvision entworfen: die fiktive Mittelmeerinsel Lavapolis. Buch bei Matthes & Seitz, www.lavapolis.com

Erstellt: 02.01.2015, 20:04 Uhr

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