Interview

«Theoretisch könnte er nach 15 Jahren freikommen»

Daniel H., der Mörder von Lucie Trezzini, wurde zu lebenslanger Haft und anschliessender Verwahrung verurteilt. Strafrechtler Peter Albrecht erklärt, was das bedeutet.

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Daniel H. wurde zu lebenslanger Haft mit anschliessender einfacher Verwahrung verurteilt. Was heisst das?
Erst muss das Urteil rechtskräftig werden. Dann wird zunächst die Freiheitsstrafe vollstreckt und anschliessend über den Vollzug der Verwahrung entschieden. Der Verurteilte müsste also mindestens 15 Jahre im Strafvollzug bleiben. Wenn man ihm dann eine günstige Prognose stellt, kann er vorzeitig entlassen werden. Ist die Prognose hingegen ungünstig, muss er damit rechnen, allenfalls bis zum Tod im Gefängnis zu bleiben.

Das heisst, Daniel H. könnte nach 15 Jahren wieder auf freiem Fuss sein?
Theoretisch könnte er nach 15 Jahren frei kommen. Aber die Praxis ist strenger geworden. Die Chance, bei lebenslänglich nach 15 Jahren schon aus dem Gefängnis zu kommen, ist sehr gering. Bei lebenslänglicher Freiheitsstrafe muss man heute damit rechnen, auch lebenslänglich im Gefängnis zu bleiben. Dann spielt es faktisch keine Rolle mehr, ob er zusätzlich noch verwahrt ist.

Was wäre bei einer Verurteilung zu einer lebenslangen Verwahrung anders gewesen?
Der zentrale Unterschied ist, dass bei der lebenslangen Verwahrung die Entlassung praktisch ausgeschlossen ist. Nur wenn neue wissenschaftliche Erkenntnisse, das heisst neue therapeutische Methoden auftauchen, könnte eine Neubeurteilung erfolgen. Nur Fortschritte im Strafvollzug reichen nicht, um eine neue Beurteilung zu erwirken.

Die Gutachter haben die Diagnose «dauerhaft nicht therapierbar» vermieden. Was müsste denn für eine solche Einschätzung gegeben sein?
Ich bin kein Psychiater, habe aber gelesen, dass das vor allem bei gewissen Sexualdelikten der Fall sein kann. Wenn ich Richter wäre, könnte ich mir jedoch nicht vorstellen, eine dauerhafte Nichttherapierbarkeit anzunehmen.

Die Psychiater wollten nicht die schlimmste Diagnose stellen, der Richter hat daraufhin nicht die schlimmste Strafe – eine lebenslange Verwahrung – ausgesprochen. Haben Richter und Psychiater vor allem darauf geschaut, dass ihnen später kein Fehler angelastet werden kann?
Das ist eine sehr heikle Frage, die ich aber bejahen kann. Der Druck in einem solchen Prozess ist insgesamt sehr gross, auch von der Öffentlichkeit. Niemand möchte sich dem Vorwurf aussetzen, einen schlimmen Fehler gemacht zu haben. Tendenziell führt das dazu, dass Menschen eher als gefährlicher eingestuft werden, als sie es tatsächlich sind. Wenn ein Psychiater sagt, jemand sei sehr gefährlich und die Person dann im Gefängnis bleibt, kann man kaum überprüfen, ob die Einschätzung richtig war. Bei solchen Prognosen ist das Risiko von Fehlurteilen relativ gross.

Erstellt: 29.02.2012, 23:39 Uhr

Peter Albrecht

Peter Albrecht ist ehemaliger Strafgerichtspräsident in Basel und heute Professor für Strafrecht an den Universitäten Basel und Bern.

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