Tödlicher Sommer in den Alpen

Selten kamen in einem Sommer so viele Menschen in den Alpen ums Leben. Der Grund: Bergtouristen brechen oft trotz schlechtem Wetter und mangelhafter Ausrüstung zu Bergtouren auf, Warnungen werden überhört.

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Im Juli verloren innerhalb von nur zwei Wochen 15 Menschen ihr Leben in den Schweizer Alpen. Im 1670 Meter hoch gelegenen Bergdorf Zinal scheint dies die Touristen wenig zu kümmern. Der idyllische Ort im Wallis ist für Wanderer und Bergsteiger noch immer ein Paradies.

Warnungen werden nicht immer ernst genommen

In einem Sportgeschäft des Bergdorfes rüstet sich der 41-jährige Marcel Mathon für eine Tour auf das Bishorn aus. Die Ereignisse der letzten Wochen halten den Jurassier nicht vom Aufstieg auf den Viertausender ab. Dennoch will er sich mit einem Bergführer auf den Weg machen – als Sicherheitsgarantie. Laut Mathon passieren Unfälle nur «leichtsinnigen Bergsteigern», die alleine und ohne entsprechende Ausrüstung unterwegs sind.

Die Eigentümerin des Sportgeschäfts, Fabienne Genoud, hat schon Tausende Wanderer und Bergsteiger an ihrer Kasse bedient. Die meisten seien tatsächlich leichtsinnig, meint die Walliserin. «Viele brechen alleine auf und sind schlecht ausgerüstet. Sie kommen mit alten Bergschuhen hierher und denken, das sei genug – dabei haben sie keine Ahnung.» Auch Warnungen werden oft nicht ernst genommen: «Vor einigen Jahren habe ich sogar Leute gesehen, die mit Flipflops zur Berghütte gewandert sind. Als sie oben ankamen, waren sie total erschöpft – fast hätte man die Rega rufen müssen», erzählt Genoud.

Junge ignorieren Risiken

Die Berghütte Bella-Tola liegt direkt über dem Dorf Saint-Luc. Viele Bergsteiger brechen von hier in Richtung Gipfel auf. Während Familien und Rentner meist mit Rucksäcken, Wanderstöcken und Sonnenschutz unterwegs sind, scheinen die jungen Leute die Berge weniger ernst zu nehmen und verzichten oft auf die nötige Ausrüstung.

Auf der Terrasse der Berghütte bestellen die Touristen Rösti und geniessen die Aussicht. Der 65-jährige Marcel Cerf ist mit seiner Familie ins Wallis gereist, für einen «gemütlichen Eintagesmarsch» zum Arpitettaz-See. Trotzdem wurden Sicherheitsvorkehrungen getroffen: Cerf hat Notfallapotheke, Decken und Regenjacken dabei. «Wenn man mit Kindern unterwegs ist, ist so etwas Pflicht», erklärt Cerf, bevor er mit seiner Familie aufbricht.

Im Schneesturm verlaufen

Die Inhaberin eines Chalets, Betty Hamy, zeigt sich trotz der tragischen Ereignisse der letzten Wochen optimistisch: «Die meisten Bergsteiger haben alles Wichtige dabei und gehen keine unnötigen Risiken ein», meint die Walliserin. Trotzdem sieht auch sie ab und zu waghalsige Touristen: «Einmal hatte der Wetterbericht Sturm vorhergesagt. Ich hatte Wanderer bei mir, die trotzdem aufbrechen wollten. Ich versuchte vergeblich, sie davon abzuhalten. Dabei waren auch Kleinkinder dabei. Als der Sturm aufkam, haben sie sich im Schneegestöber verlaufen. Das ist doch Leichtsinn». Hamy fällt auch ein weiterer Fall ein: «Da war noch diese Frau, die sich am Kopf verletzt hatte. Aus finanziellen Gründen wollte sie nicht, dass ich die Rega rufe. Sie ist mit offener Wunde ins Tal gelaufen.»

In Zinal treffen wir auf eine Gruppe Wanderer aus Lausanne und Freiburg. Sie scheinen an alles gedacht zu haben und sind sich der Risiken bewusst. «Wir sind Schweizer, wir lieben und kennen die Berge und wissen, was wir uns zutrauen können und was nicht», tönt es. «Die Berge sind weder ein Spielplatz noch ein Vergnügungspark», sagt ein Wanderer und fügt hinzu: «Wir informieren uns über die Wettervorhersage, verlassen die markierten Wege nicht und reden miteinander.» Würden sie auf den Gipfel verzichten, wenn sich das Wetter plötzlich verschlechtern würde? Keine Frage, meint die Gruppe.

Zwischen 500 und 1000 Franken für einen Bergführer

Dennoch zweifeln viele Profis an der Vernunft der Bergtouristen. Claude Melly arbeitet seit über 15 Jahren als Bergführer. «Unfälle sind immer möglich. Wenn ich unterwegs bin, überlege ich mir oft: Wenn ich jetzt ein Problem habe oder der Kunde plötzlich stürzt, was passiert dann? Man muss die Lage permanent richtig einschätzen und die Risiken vorzeitig erkennen. Ich setze mein Leben genauso aufs Spiel wie jenes des Kunden», erklärt der 39-jährige Profi. Seine Grundregel: «Aufgeben, wenn es die Umstände erfordern.» Aber sind alle Kunden hörig? «In den meisten Fällen schon. Aber einige wetten mit Freunden, dass sie den Viertausender erklimmen, und machen es deswegen trotzdem», erzählt Melly. Für den Bergführer ist klar: Die Begleitung durch einen Profi verringert das Unfallrisiko um ein Mehrfaches. Eine Sicherheitsmassnahme, die ihren Preis hat: Ein Bergführer kostet zwischen 500 und 1000 Franken pro Wanderung. Viele Touristen verzichten deswegen auf die Begleitung, weiss Melly.

Auch der Siegeswille vernebelt manchem Bergsteiger die Sinne: «Viele Touristen wollen immer schneller und immer weiter hinaufsteigen. Dabei ist der Berg immer mächtiger als sie», erklärt Pierre Mathey vom Walliser Bergführerverband. «Wir begegnen oft Risikosituationen. Aber wenn man die Leute darauf anspricht und sie vor der möglichen Gefahr warnen will, hören viele nicht zu.»

Am 12. Juli forderte eine Lawine am Mont Maudit in den französischen Alpen neun Tote. 2011 verloren in der Schweiz laut dem Schweizer Alpen-Club (SAC) 151 Menschen ihr Leben, als sie in den Bergen unterwegs waren – das sind 20 Prozent mehr als in den Jahren zuvor.

Erstellt: 20.07.2012, 14:27 Uhr

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