Tourist in Flüchtlingsheim gibt Rätsel auf

Ein Chinese habe versehentlich statt einer Diebstahlanzeige einen Asylantrag unterzeichnet. Doch nun fehlen für Teile seiner Geschichte die Beweise.

Ein chinesischer Tourist wird in Deutschland irrtümlich für zwei Wochen zum Flüchtling.
Video: Reuters

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Ein Chinese fliegt nach Stuttgart. Er will Europa bereisen. Stattdessen strandet er auf mysteriösen Wegen in einem Flüchtlingsheim. Was ist geschehen? Spurensuche nach einer kuriosen Odyssee.

Christoph Schlütermann kann die Aufregung nicht glauben. Er ist Kreisvorstand beim Deutschen Roten Kreuz, das ein Flüchtlingsheim in Dülmen (Nordrhein-Westfalen) betreibt, eigentlich ist sein Alltag relativ ruhig.

«Sie glauben nicht, was heute hier los ist»

Aber im Augenblick steht Schlütermann im Fokus der Weltpresse. New York Times, BBC, Journalisten aus China. «Sie glauben nicht, was heute hier los ist», sagt er. Die Geschichte wirkt im Rückblick so kurios, dass sie keiner glauben mag.

Sie geht so: Ein Chinese reist durch Deutschland. Dabei setzt er ein Asylverfahren in Gang. Er kann weder Deutsch noch Englisch, wird missverstanden, strandet für zwei Wochen in einem Flüchtlingsheim im wetdeutschen Münsterland - Schlütermanns Flüchtlingsheim.

Aufklärung bereitet Schwierigkeiten

Doch die wundersame Reise durch den deutschen Asyldschungel wirft viele Fragen auf. Im Rückblick scheint es, als habe ein Geist den Behördenparcours genommen. Und es gibt kaum Aufzeichnungen, um den verwunderlichen Fall zu rekonstruieren. Die Behörden sind um Aufklärung bemüht, tun sich aber schwer.

Was ist geschehen? Schlütermann spricht von einer «Maschinerie», in der der Chinese gefangen gewesen sei. «Da wäre er aufgrund seiner Sprachprobleme nicht mehr rausgekommen.»

Asylantrag statt Diebstahlanzeige

Der 31-Jährige aus einer Provinz in Nordchina wollte demnach kein Asyl - er wollte nach Frankreich und Italien reisen. Der Mann habe im Heim hilflos gewirkt, mit einer Übersetzungsapp habe er sich schliesslich verständlich machen können, erzählt Schlütermann.

Laut einem hinzugerufenen Dolmetscher berichtete der Chinese, ihm sei der Geldbeutel am Stuttgarter Flughafen bei der Ankunft abhanden gekommen - rund 1000 Euro, erzählt Schlütermann. Zuerst hiess es, der Chinese habe statt einer Diebstahlanzeige einen Asylantrag unterzeichnet.

Keine Belege in den Akten

Nach Angaben des Bundesamts für Migration (Bamf) stellte der Chinese aber nie einen Asylantrag. «Sonst hätten wir ein Aktenzeichen und wüssten was Sache ist. Wir haben absolut keine Daten zu diesem chinesischen Touristen», sagte eine Sprecherin. «Aber er kam gar nicht zum Bamf durch.» Es gebe kein Aktenzeichen.

Auch der Diebstahl lässt sich nicht bestätigen. «Wenn er sich an uns gewendet hätte, wüssten wir davon», sagt ein Sprecher der Bundespolizei am Stuttgarter Flughafen. Schlütermann erklärt sich das dadurch, dass der Diebstahl wohl nie zur Anzeige gebracht wurde.

In Heidelberg als Flüchtling registriert

Laut Regierungspräsidium Karlsruhe kommt der Chinese am 4. Juli um 14.30 Uhr mit sechs weiteren Landsmännern in der Erstaufnahmestelle in Karlsruhe an und meldet sich an der Pforte. «Die Herkunft ist völlig unklar», sagt Sprecherin Irene Feilhauer.

Am 6. Juli wird er ins Patrick-Henry-Village nach Heidelberg gebracht. Dort wird er als Flüchtling registriert. Nach dem Verteilschlüssel wird festgelegt, dass er in Nordrhein-Westfalen untergebracht werden soll. Ein Mandarin sprechender Übersetzer hilft beim Ausfüllen eines Personalisierungsbogens.

«Es muss ihm klar gewesen sein, wo er ist»

Nach Ansicht des Regierungspräsidiums sprechen deshalb viele Punkte dafür, dass der Chinese wirklich bewusst Asyl beantragen wollte. «Es muss ihm klar gewesen sein, wo er ist.» Eine Diebstahlanzeige unterscheide sich sehr vom Asylprozess. «Der ganze Prozess ist eine freiwillige Angelegenheit, es wir niemand gezwungen», sagt Feilhauer.

Sein Pass wird ihm abgenommen und direkt in die Erstaufnahmestelle Dortmund geschickt. «Wir behalten bei der Registrierung Dokumente ein, weil viele verloren gehen», sagt Feilhauer.

Kein Widerstand

Am 7. Juli fährt er demnach aus freien Stücken mit einer Fahrkarte nach Dortmund. «Er fügte sich allen Anweisungen und bezog ohne Widerstand sein Zimmer», berichtet ein Sprecher der Stadt Dortmund. Er wird erneut registriert und geröntgt. Am 12. Juli kommt er nach Dülmen.

Hier soll er auf seine Zuweisung in eine Kommune warten. Am 15. Juli geht eine Mail aus Dülmen an die Aufnahmeeinrichtung in Dortmund, dass man eine Kopie seiner Unterlagen haben wolle.

Viele Fragen, wenig Antworten

In einer Erklärung im Mail-Anhang macht der Chinese klar, dass er kein Asyl beantragen wolle, berichtet der Sprecher der Stadt Dortmund. Am 26. Juli treffen die Unterlagen in der Erstaufnahme-Einrichtung in Dortmund ein, eine Kopie wird noch am selben Tag in das Heim in Dülmen versandt.

Hat er sich durch simple Obrigkeitshörigkeit von den Behörden von einer Einrichtung in die nächste schieben lassen? Blieb er im Flüchtlingsheim aus Geldnot? Weil er keinen Pass mehr hatte? Wieso suchte er nicht aktiver Hilfe von Landsmännern, etwa in einem chinesischen Restaurant ums Eck? «Die Geschichte hat faktisch viele Fragezeichen», sagt Feilhauer.

Auf dem Weg zum Generalkonsulat

Auch Schlütermann erkennt Ungereimtheiten. «Er hat durch sein merkwürdiges Verhalten entscheidend zur Story beigetragen», sagt er. Aber er habe glaubhaft versichert, dass er kein Flüchtling, sondern Tourist sei und reisen wolle. «Wir wollten dem Mann nur helfen.»

Er habe ihm vor der Abreise den Kontakt vermittelt zum Generalkonsulat in Frankfurt. «Ob er dort je angekommen ist, wissen wir nicht.» (woz)

Erstellt: 08.08.2016, 18:06 Uhr

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