Veganer sind häufiger depressiv

Laut einer Umfrage geht es Menschen, die keine tierischen Produkte mehr essen, gesundheitlich besser. Auf die Psyche trifft das jedoch nicht zu.

Vielleicht ­wenden sich latent depressive Menschen eher dem Veganismus zu, weil sie sich Linderung erhoffen. Foto: Keystone

Vielleicht ­wenden sich latent depressive Menschen eher dem Veganismus zu, weil sie sich Linderung erhoffen. Foto: Keystone

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Für Veganer ist es wohl eine schwer verdauliche Schlagzeile: Gemäss einer Umfrage sind sie häufiger depressiv als Menschen, die auch tierische Produkte essen. Die Tierrechts­organisation «Tier im Fokus» hat rund 2500 Veganerinnen und Veganer in der Deutsch- und der Westschweiz befragt und die Szene erstmals um­fassend analysiert. Gesundheitlich gehe es ihnen mit einer veganen Diät eher besser, gab dabei die Mehrheit an. Auf die psychische Gesundheit trifft das jedoch nicht so zu. Neun Prozent gaben an, unter Depressionen zu leiden – fast doppelt so viele wie in der Gesamtbevölkerung.

Die Zahlen sind, selbstverständlich, mit Vorsicht zu geniessen. Sie stützen sich auf Selbsteinschätzungen, und viele Menschen geben an, unter ­Depressionen zu leiden, ohne zu unterscheiden zwischen depressiven Verstimmungen oder klinischer ­Depression – ein wesentlicher Unterschied. Auch handelt es sich um eine Korrelation, die unterschiedlich interpretiert werden kann. Vielleicht ­wenden sich latent depressive Menschen eher dem Veganismus zu, weil sie sich Linderung erhoffen. Zudem ist der Frauenanteil unter den Befragten mit 79 Prozent besonders hoch – und Frauen haben ein höheres Risiko für Depressionen.

Aus Sorge und Ohnmachtsgefühlen

Entscheidend dürfte aber etwas ­anderes sein: Die meisten Befragten haben sich aus ethischen Gründen für den Veganismus entschieden, aus Mit­gefühl für die leidenden Kreaturen, aus Sorge um Umwelt und Klima, was für eine besondere Sensibilität und Empfindsamkeit spricht. Der Gedanke an die industrialisierte Grausamkeit an unschuldigen Kreaturen ist ­tatsächlich niederschmetternd.

Dazu kommen ein Gefühl von Machtlosigkeit, daran etwas zu ändern,und die Frustration, mit welcher Gedankenlosigkeit sich die Mehrheit der Menschen über diese Tatsachen hinwegsetzt. Ja, sich sogar noch lustig macht über jene, denen das eben nicht am Allerwertesten vorbeigeht, sondern die ihre Lebensweise aktiv umstellen, weil sie diese Grausamkeit nicht verantworten wollen.

Solche Ohnmachtsgefühle finden sich aber nicht nur bei Veganern. Auch unter Klimabewegten sind sie weit verbreitet, denn auch hier scheint die Lage zum Verzweifeln zu sein: Selbst wer auf jegliche Flugreisen verzichtet oder als Selbstversorger auf einem Bauernhof lebt und weder den Zug noch das Auto benutzt, wird an ­diesem globalen Problem nichts Grundsätzliches ändern.

Wir müssen anerkennen, dass es Dinge gibt, die zu beeinflussen nicht in unserer Macht steht. 

Sicher: Auf politische Massnahmen, wie Steuern auf Kerosin zu erheben oder Kurzstreckenflüge zu verbieten, haben wir in der Schweiz als Stimm- und Wahlberechtigte einen gewissen Einfluss. Entscheidend aber wird das Verhalten von China, Indien, den USA und Afrika sein. Paradox ist auch, dass die Klimasensibilität bei vielen ­Menschen erst durch Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder ausgelöst wird.Kinder, die die Umwelt letztlich auch nur belasten. Ein Teufelskreis.

Haben wir also nur die Wahl zwischen «Scheissegal-Mentalität» und De­pression? Es gibt auch den pragmatischen Ansatz: Sich darauf konzentrieren, was man verändern kann, etwa das eigene Verhalten – was Veganer ja tun. Darüber hinaus müssen wir anerkennen, dass es Dinge gibt, die zu beeinflussen nicht in unserer Macht steht. Eine heitere Akzeptanz dieses Faktums und eine Armlänge Abstand zu inflationären apokalyptischen Zukunftsprognosen helfen dabei. Denn erstens wissen wir, dass wir nichts wissen. Und zweitens kommt es sowieso anders, als man denkt.

Erstellt: 26.08.2019, 14:04 Uhr

Den Kopf hängen lassen, weil man doch nichts ändern kann? Foto: Nina Shannon (Getty)

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