Verteidiger will Akten «in den Ofen schmeissen»

Der Anwalt des wegen Mordes angeklagten Erstfelder Barbetreibers hielt eine teils theatralisch vorgetragene Brandrede gegen die Urner Strafverfolgungsbehörden.

Das ganze Verfahren sei von der Unwahrheit angesteckt: Anwalt Linus Jaeggi wird vor dem Rathaus in Altdorf interviewt. (19. Oktober 2015)

Das ganze Verfahren sei von der Unwahrheit angesteckt: Anwalt Linus Jaeggi wird vor dem Rathaus in Altdorf interviewt. (19. Oktober 2015) Bild: Alexandra Wey/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Im Prozess gegen den wegen zweier Tötungsdelikte beschuldigten Erstfelder Barbetreiber hat die Verteidigung der Urner Staatsanwaltschaft die Integrität abgesprochen. Deren Akten seien in ihrer Gesamtheit nicht verwertbar, weshalb sein Mandant freizusprechen sei.

Verteidiger Linus Jaeggi forderte am Mittwoch das Obergericht auf, den Beschuldigten im Sinne «Im Zweifel für den Angeklagten» freizusprechen, falls sich der Verdacht bestätige, die Strafverfolgungsbehörden hätten das Verfahren unrechtmässig beeinflusst.

Bei Jaeggi hat sich dieser Verdacht zur Gewissheit verdichtet, wie seine Replik auf das Plädoyer der Staatsanwaltschaft vom Montag zeigte. Diese habe mit ihren Aussagen eine rote Linie überschritten, die den Rechtsstaat vom Unrechtsstaat trenne, sagte er.

Wertlose Akten

Der Verteidiger warf den Urner Behörden vor, seit Jahren mit aller Sturheit etwas beweisen zu wollen, das es nicht zu beweisen gebe, nur weil sie den Beschuldigten einsperren wollten. Das ganze Verfahren sei von der Unwahrheit angesteckt, sagte er. Auf die Dokumente der Staatsanwaltschaft könne man sich nicht mehr verlassen. «Wir können sie in den Ofen schmeissen.»

Jaeggi bezog sich in seiner teils theatralisch vorgetragenen Rede ausführlich auf den Hauptbelastungszeugen, gegen den 2010 der Beschuldigte geschossen haben soll. Gemäss seinen Ausführungen hat die Staatsanwaltschaft alles daran gesetzt, damit der Mann nicht mehr vor Gericht befragt werden konnte. Dabei könnte sie gemäss Jaeggi auch rechtswidrig auf das Verfahren Einfluss genommen haben, indem sie täuschend Informationen zurückgehalten habe.

Hauptbelastungszeuge verstorben

Oberstaatsanwalt Thomas Imholz hatte am Montag in seinem Plädoyer das Verhalten seiner Behörde als rechtmässig bezeichnet und diesbezügliche Vorwürfe der Verteidigung zurückgewiesen.

Für das Bundesgericht war 2014 die Unauffindbarkeit des Zeugen ein Grund gewesen, den Schuldspruch des Obergerichtes von 2013 aufzuheben. Es forderte das Gericht auf, weitere Anstrengungen zu unternehmen, um den Hauptbelastungszeugen ausfindig zu machen. Dieser ist nun verstorben.

Staatsanwalt zu belastet

Jaeggi stellte den Antrag, dass sämtliche Akten zu diesem Zeugen zu dem Verfahren beigezogen werden. Um sicherzustellen, dass der Staatsanwalt alle Akten zur Verfügung stelle, solle er allenfalls durch einen unbelasteten, am besten ausserkantonalen Staatsanwalt ersetzt werden.

Der 47-jährige Beschuldigte soll 2010 nicht nur auf einen Gast geschossen, sondern auch einen Auftragskiller auf seine damalige Frau angesetzt haben. Diese wurde durch mehrere Schüsse schwer verletzt. Der Barbetreiber wurde vom Obergericht 2013 wegen versuchter vorsätzlicher Tötung und Mordversuches zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren verurteilt, doch hob das Bundesgericht das Urteil 2014 wieder auf, weshalb es zu einem neuen Prozess kam. (sda)

Erstellt: 28.10.2015, 14:18 Uhr

Artikel zum Thema

Ignaz Walker ist wieder auf freiem Fuss

Reportage Ignaz Walker wurde aus der Sicherheitshaft entlassen. Im Januar war der Barbetreiber, der einen Killer auf seine Frau angesetzt haben soll, schon einmal frei. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Blogs

Sweet Home Best of Homestory: Ein Mann, ein Hund, ein Haus

Tingler Für immer Madge

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Kampf gegen Rassismus: Ein Demonstrant protestiert gegen die Kundgebung «Liberty of Death», eine Versammlung von Rechtskonservativen vor der Seattle City Hall in Seattle, Washington. (18. August 2018)
(Bild: Karen Ducey/AFP/Getty) Mehr...