«Verzweifelte Frauen sind nicht weniger radikal als Männer»

Gleich zwei mutmassliche Entführungsfälle beschäftigen die Schweiz. Die Täter: Männer. Experte Oliver Hunziker kann die Verzweiflung der Entführer nachvollziehen.

Ungeklärt: Während sich der Fall in Zug nicht als Entführung herausstellte, suchen Beamte in Cerignola nach wie vor nach den vermissten Mädchen.

Ungeklärt: Während sich der Fall in Zug nicht als Entführung herausstellte, suchen Beamte in Cerignola nach wie vor nach den vermissten Mädchen. Bild: Keystone

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Herr Hunziker, innerhalb von nur kurzer Zeit sind zwei Familienväter mit ihren Kindern verschwunden. Können Sie sich vorstellen, dass die Männer von der Angst vor den Folgen einer Scheidung getrieben waren?
Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Auch wenn ich es anders formulieren würde: Männer werden nicht zu einer Tat getrieben, es ist am Ende immer eine persönliche Entscheidung. Die heutigen Verhältnisse im Scheidungsrecht bergen aber ein grosses Gefahrenpotenzial, dass es zu solchen Kurzschlusshandlungen kommt.

Wie gross ist das Frustpotenzial solcher Männer?
Das ist eben das Verrückte. Sie sind nicht frustriert, sie sind verzweifelt. Aus finanziellen Gründen: Sie haben unter Umständen kaum mehr Geld zum Leben. Und aus emotionalen Gründen: Möglicherweise ist alles, wofür sie gelebt haben – Frau, Kinder, Haus, Job – weg. Und sie wissen vielleicht nicht mal genau, warum. Und niemand scheint ihnen zuzuhören.

Sie können also nachvollziehen, dass Männer in solchen Situationen ausrasten?
Nachvollziehen ja, verstehen nein. Ich kann nachvollziehen, wie es so weit kommen kann. Aber bei Frauen kann das genauso gut passieren wie bei Männern. 71 Prozent der Kindesentführungen werden von Frauen begangen.

Bei den aktuellen Fällen sind es zwei Männer.
In rund 80 Prozent der Trennungen und Scheidungen liegt die Obhut über die Kinder bei den Frauen. Das heisst, es gibt per se viel mehr Männer, die mit diesem Problem umgehen müssen.

Männer neigen auch zu radikalerem Verhalten, etwa zum erweiterten Suizid.
Das hat man untersucht. Wenn sie verzweifelt sind, tendieren Männer offenbar wirklich eher dazu, ihre Angehörigen ebenfalls in den Tod zu nehmen, weil sie diese als nicht mehr überlebensfähig betrachten. Das ist zwar ein totaler Denkfehler, aber ein möglicher Hintergrund.

Sie glauben aber nicht, dass es eine Geschlechterfrage ist?
Nein. Ich möchte den Versuch nicht wagen, wie eine Frau in derselben Situation reagiert. Ich kenne Frauen, deren Ex-Männer die Obhut über die Kinder haben und die ihnen das Besuchsrecht verweigern. Glauben Sie mir, die sind nicht weniger wütend oder radikal als Männer. Es ist vielmehr eine subjektive Frage, wie man damit umgeht: Der eine engagiert sich in Betroffenenorganisationen, der andere springt in den See, viele resignieren aber und wenden sich aus Verzweiflung von den Kindern ab.

Haben Sie tagtäglich mit Menschen zu tun, die jederzeit ausflippen könnten?
Nein, so ist das nicht. Wir haben es hier nicht nur mit wandelnden Zeitbomben zu tun. Dennoch erlebe ich immer wieder, wie vernünftige und bodenständige, verankerte Männer plötzlich die Contenance verlieren.

Angesichts des Abstimmungswochenendes sei diese Frage auch erlaubt: Finden Sie es da bedenklich, dass in fast jedem Schweizer Haushalt ein Sturmgewehr herumliegt?
Bei diesen beiden jüngsten Fällen kam kein Sturmgewehr vor. Ich persönlich bin zwar nicht der Meinung, dass das Gewehr in die eigenen vier Wände gehört. Ich würde deswegen aber nicht auf die Barrikaden gehen. Was mich hingegen stört, ist, dass von einigen Initiativ-Befürwortern jeder Mann als potenzieller Täter betrachtet wird. Männer sind quasi von sich aus schon gefährlich. Und das ist eine schlimme Verallgemeinerung.

Erstellt: 10.02.2011, 10:31 Uhr

«Die heutigen Verhältnisse im Scheidungsrecht bergen ein grosses Gefahrenpotential»: Oliver Hunziker, Präsident des Vereins verantwortungsvoll erziehender Väter und Mütter (VeV).

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