Interview

«Vielleicht versucht er, Sabine W. aus der Reserve zu locken»

Nach dem Prozess in Mannheim will Jörg Kachelmann mit allen rechtlichen Mitteln um seine Ehre kämpfen. Strafrechtsprofessorin Brigitte Tag äussert sich zu den Chancen von möglichen Klagen.

Freigesprochen, aber nicht zufrieden: Jörg Kachelmann.

Freigesprochen, aber nicht zufrieden: Jörg Kachelmann. Bild: Keystone

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In zwei Interviews hat Jörg Kachelmann angekündigt, gegen alle vorzugehen, «die Lügen gegen mich verbreitet haben». Könnte er nun gegen seine Ex-Geliebte Sabine W. eine Klage wegen Ehrverletzung einreichen?
Brigitte Tag: Ja, das kann er. Aber auf Grund der Äusserungen im Prozess wird er da kaum weiterkommen. Das Urteil hat in diesem Zusammenhang grosse Bedeutung. Das Landgericht Mannheim hat ja selbst festgehalten, dass es an den Aussagen von beiden Seiten Zweifel gibt. Es hat gesagt, dass an der Schuld von Kachelmann Zweifel verbleiben. Es hat aber nicht gesagt, dass die Nebenklägerin gelogen hat. Ein neues Gericht, das den Sachverhalt zu beurteilen hätte, würde nicht anders entscheiden. Das heisst: Für beide gilt «in dubio pro reo».

Was könnte Kachelmann sonst noch unternehmen?
Im Zivilrecht käme eine Klage wegen Persönlichkeitsverletzung in Betracht. Doch eine solche Klage würde wegen der Äusserungen im Strafprozess kaum Erfolg haben. Vielleicht versucht er nun mit seinen Interviews, sie aus der Reserve zu locken. Sollte sie öffentlich etwas Beleidigendes sagen, könnte er Klage gegen sie erheben.

Würde es aus taktischer Sicht überhaupt Sinn machen, eine neue rechtliche Front zu eröffnen, solange das Mannheimer Urteil nicht rechtskräftig ist?
Nein, das wäre eine reine Überschätzung. Mit den Interviewäusserungen verschafft er sich Luft, indem er seine Position so in der Welt verbreitet. Dabei ist jedoch zu bedenken, dass er damit von seiner Persönlichkeit viel Preis gibt. Das kann durchaus tückisch sein, da der deutsche Bundesgerichtshof über die Sache noch entscheiden muss, wenn Staatsanwaltschaft und Nebenklägerin an der Revision festhalten. Wenn durch die Interviews neue Fakten ans Licht kommen, kann das bedeuten, dass die Tatsachen gegebenenfalls nicht vollständig erhoben wurden. Dann ginge das Ganze wieder ans Landgericht zurück – mit der Folge, dass der gesamte Prozess neu stattfinden würde. Ob das gut ist für eine der Parteien, darüber kann man schon streiten.

Was könnte Kachelmann mit Klagen überhaupt erreichen?
Publizität und Stressabbau. Klagen wären aber auch mit neuen Kosten verbunden.

Nach dem Prozess in Mannheim streiten sich Kachelmann und seine Ex-Geliebte über die Medien. Können Sie erklären, was hier eigentlich abläuft?
Nicht zuletzt geht es um emotionale Verarbeitung und finanzielle Verwertung. Es sieht ganz danach aus, dass jetzt wieder erwirtschaftet wird, was für den Prozess ausgegeben wurde. Zudem kann es von beiden Seiten auch Taktik sein: Jetzt wird das gesagt, was man schon immer sagen sollte, aber nicht sagte, um das Urteil des Landgerichts Mannheim nicht negativ zu beeinflussen. Damit kann man versuchen, die Revisionsinstanz zu beeinflussen – indem man den anderen in einem möglichst ungünstigen Licht zeigt. Aber: Das Pendel kann zurückschlagen.

Was ist Ihre persönliche Sicht der Dinge in diesem Fall?
Es wird Zeit, dass hier mehr Ruhe einkehrt. Denn die Sache, um die es geht – Strafbarkeit von Vergewaltigung und sexueller Nötigung –, ist viel zu gewichtig, als dass man sie so zum Spektakel machen sollte.

Erstellt: 18.06.2011, 09:02 Uhr

«Das Landgericht Mannheim hat nicht gesagt, dass die Nebenklägerin gelogen hat»: Brigitte Tag, Professorin für Strafrecht, Strafprozessrecht und Medizinrecht an der Universität Zürich. (Bild: Uni Zürich)

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