«Vielleicht werden wir die genaue Unfallursache nie wissen»

Die Walliser Staatsanwaltschaft schliesst technisches Versagen als Grund für das Carunglück in Siders praktisch aus. Das macht das Busdrama mit 28 Toten noch rätselhafter.

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Vielleicht war der Chauffeur einen Moment unaufmerksam gewesen, als er am Abend des 13. März 2012 im Autobahntunnel bei Siders einen belgischen Car mit 52 Insassen in eine Mauer am Ende einer Nothaltebucht lenkte. Vielleicht war plötzlich ein gesundheitliches Problem aufgetaucht, das zum schlimmen Crash führte, bei dem 28 Menschen, die meisten Kinder, ihr Leben verloren. Die Walliser Staatsanwaltschaft ist drei Monate nach dem Unfall auf der A9 noch nicht in der Lage, den Grund für das Busunglück zu benennen.

«Es kann auch sein, dass wir die genaue Unfallursache nie wissen werden», sagte der Walliser Staatsanwalt Olivier Elsig heute Nachmittag in Brüssel, wo er in einer halbstündigen Medienkonferenz über den Stand der Ermittlungen zum Busunglück berichtete. Im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet gab sich Elsig sehr vorsichtig. Er wollte sich nicht zur Frage äussern, welche Hypothese die wahrscheinlichste sei - ob der Chauffeur des belgischen Cars einen Fehler gemacht habe oder ob ihm unvermittelt unwohl geworden sei.

Drei Monate sind keine lange Zeit für Untersuchung

Staatsanwalt Elsig betonte, dass die Ermittlungen zum Unglück von Siders erst seit drei Monaten in Gang seien. Und er gab zu verstehen, dass die Suche nach der Unfallursache sehr schwierig sei, obwohl technisches Versagen praktisch ausgeschlossen werden könne. «Aber wir versuchen, das Maximum aus der Untersuchung herauszuholen.» Die Angehörigen der Opfer hätten ein Recht darauf zu wissen, was am 13. März im Autobahntunnel bei Siders passiert sei. Der Grund für den Unfall sei im Zusammenhang mit dem Chauffeur zu suchen, heisst es gemäss dem aktuellen Stand der Ermittlungen. Beim Crash sass ein 34-jähriger Fahrer am Steuer, er hatte kurz zuvor seinen 52-jährigen Kollegen abgelöst. Der 34-Jährige galt als besonnener Profi, und er war ausgeruht. Beim Unfall spielten weder zu schnelles Fahren noch Alkoholkonsum eine Rolle.

Obwohl bei beiden Chauffeuren bereits kurz nach dem Unfall kein Alkohol im Blut festgestellt wurde, können andere Substanzen wie Drogen oder Medikamente erst in einer genauen Analyse nachgewiesen werden. Dies brauche seine Zeit, sagte Staatsanwalt Elsig. Nun werde das medizinische Dossier des 34-jährigen Chauffers mit den toxikologischen Analysen verglichen, die in den letzten Monaten erstellt wurden.

Witwe weiss nichts von gesundheitlichen Problemen

Die Witwe des Busfahrers sagte am Rande der Medienkonferenz in Brüssel, dass ihr Mann gesund gewesen sei, keinerlei Beschwerden gehabt habe. Mit Ausnahme der Frau des verunglückten Chauffeurs blieben andere Familienangehörige der Todesopfer der Medienkonferenz fern. Staatsanwalt Elsig hatte die Trauerfamilien am Freitagvormittag persönlich über den Stand der Ermittlungen informiert. Vor allem für das direkte Gespräch mit den Betroffenen war er nach Brüssel gereist.

Ihnen und den weit über hundert gekommenen Journalisten von TV, Radio, Online-Medien und Zeitungen teilte Staatsanwalt Elsig mit, dass eine technische Unfallursache praktisch ausgeschlossen werden könne. Es gebe «keinerlei Indizien dafür, dass der Unfall durch einen technischen Defekt oder Wartungsmängel verursacht oder begünstigt wurde». Geprüft wurden Reifen, Bremsen, Lenkung, Radaufhängung und Gaspedal - alles ohne Ergebnis. Dasselbe gilt für mögliche Einflüsse durch andere Fahrzeuge, Strassenschäden oder bauliche Mängel am Tunnel. Gerade weil technisches Versagen keine Rolle spielt, erscheint das Busdrama von Siders noch rätselhafter. Die Untersuchung will Elsig bis Ende Sommer abschliessen.

Erstellt: 15.06.2012, 19:04 Uhr

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