Vierfachmord: Eine Schweizer Waffe und Spuren zu Saddam Hussein

Der Täter im Vierfachmord von Chevaline hat offenbar eine alte Schweizer Armeewaffe benutzt. Und der Vater des getöteten Saad al-Hilli soll in Genf ein Konto mit Geldern von Saddam Hussein geführt haben.

Mord mit einem Sammlerstück: Der Täter von Chevaline benutzte eine Luger P06.

Mord mit einem Sammlerstück: Der Täter von Chevaline benutzte eine Luger P06.

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Saddam Hussein soll 840'000 britische Pfund auf ein Konto bei einer Genfer Bank überwiesen haben, das auf den Vater des getöteten Saad al-Hilli lautete, berichtet «The Guardian». Hillis Vater Kadhim habe der Baath-Partei des ehemaligen irakischen Diktators nahegestanden. In den 1970er-Jahren sei er dann mit seiner Familie nach Grossbritannien gezogen. Das Genfer Konto mit den angeblichen Vermögen von Saddam Hussein könnte eine Rolle im Vierfachmord von Chevaline gespielt haben. Wie «Le Monde» berichtet, hätte der deutsche Nachrichtendienst BND der Antiterroreinheit der französischen Polizei Informationen übermittelt.

«Die Idee einer versteckten Erbschaft Saddam Husseins ist ein reines Hirngespinst», sagt einer von Hillis französischen Anwälten, Emmanuel Ludot. Die einzige Spur, die Sinn machen würde, wären Gelder, die im Rahmen des «Oil for Food»-Programms von der irakischen Regierung auf Schweizer Banken einbezahlt worden wären, so der Anwalt zu «Le Monde». Eine Verbindung zwischen Saddam Hussein und der Familie Hilli dementiert zudem der leitende Ermittler Benoît Vinnemann gegenüber «Le Matin». Der deutsche Nachrichtendienst habe keinerlei Elemente den französischen Antiterroreinheiten übermittelt.

Professionelle Killer benutzen andere Waffen

Während der Täter und das Motiv beim Vierfachmord von Chevaline noch unbekannt sind, konnten die französischen Ermittler den Tathergang grösstenteils rekonstruieren. Am 5. September erschoss ein Unbekannter auf einem Waldparkplatz im französischen Chevaline Saad al-Hilli (50), seine Frau, seine Schwiegermutter sowie den Radfahrer Sylvain Mollier (45), und verletzte Hillis siebenjährige Tochter schwer. Laut einem Untersuchungsbericht, den die französische Zeitung «Le Monde» einsehen konnte, wissen die Ermittler zwar noch nicht, ob die Schüsse Hilli oder Mollier galten. Sie konnten aber herausfinden, dass der Täter alleine war und eine einzige Waffe benutzte. Eine Luger P06, eine Pistole, welche die Schweizer Armee zwischen 1920 und 1930 verwendete. Professionelle Killer würden diese Waffe nicht benutzen. Sie sei heute ein Sammlerstück, in der grenznahen Schweiz dürfte es einige Besitzer solcher Modelle geben, vermuten die Ermittler.

Der Täter habe gegen 15.30 Uhr auf dem Waldparkplatz auf Silvain Mollier, Saad al-Hilli und dessen Tochter Zainab geschossen. Hilli und Zainab hätten sich da ausserhalb des Autos beim Radfahrer aufgehalten. Laut Aussagen von Zainab habe ihr Vater sie an der Hand mitgerissen und sei zum Auto gerannt. Die Spuren am Tatort erzählen die weitere Geschichte. Zainab schaffte es offenbar nicht ins Auto, möglicherweise, weil sie von einer Kugel in der Schulter verletzt worden war. Ihr Vater legte den Rückwärtsgang ein und fuhr los. Dabei schleifte er den Körper von Sylvain Mollier mit. Der Täter schoss dabei auf die rechte hintere Scheibe und traf entweder Hillis Frau Iqbal (47) oder deren Mutter Suhaila al-Allaf (74), die mit der vierjährigen Zeena auf dem Rücksitz sassen. Zeena versteckte sich unter den Beinen ihrer Mutter, wie es ihr diese befohlen hatte, als die ersten Schüsse fielen.

25 Patronenhülsen am Tatort

Hilli gelang es nicht, den BMW aus dem Waldstück zu fahren, er steckte fest. Der Täter näherte sich dem Fahrzeug und schoss seinen Opfern gezielt in den Kopf. Die Ermittler fanden am Tatort 25 Patronenhülsen, der Täter musste laut Bericht mehrmals nachladen. Nachdem der Täter mit den Hillis fertig war, schoss er noch mehrmals auf den am Boden liegenden Radfahrer. Dann, schreibt «Le Monde», sei es zur «zweifellos grausamsten Phase» des Tathergangs gekommen. Als der Täter feststellte, dass er keine Munition mehr hatte, schlug er Zainab die Waffe ins Gesicht. Weshalb er plötzlich von ihr abliess, ist unklar. Möglicherweise fühlte er sich bedroht oder er bemerkte den auf dem Rad herannahenden RAF-Veteranen William Brett Martin. Dieser traf gegen 15.45 Uhr am Tatort ein.

Laut eigenen Aussagen brachte er erst Zainab, dann Molliers Leiche ausserhalb der Reichweite des BMW, dessen Räder immer noch am Durchdrehen gewesen seien. Dann habe er den Motor abgestellt und sich vom Tatort entfernt, um Hilfe zu holen. Der Notruf ging um 15.48 Uhr ein.

Erstellt: 29.10.2012, 14:18 Uhr

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