Vom Lehrer zum Nachtclub-Besitzer

Peter Senn gehört der Night Club Red Palace in Basel. Er ärgert sich über die Blau­äugigkeit der Politiker, die das Geschäft nicht kennen.

«Ich rauche und trinke ja nicht». Peter Senn im «Red Palace» an der Steinentorstrasse.

«Ich rauche und trinke ja nicht». Peter Senn im «Red Palace» an der Steinentorstrasse. Bild: Kostas Maros

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Als Peter Senn noch ein kleiner Junge war, wurde im Elternhaus viel getrunken. Mag sein, dass der 52-Jährige aus diesem Grund heute keinen Tropfen Alkohol anrührt. Dabei bewegt er sich in einem Milieu, in dem das Trinken zum Alltag gehört.

Zu Geld gekommen ist Senn durch das Geschäft mit der käuflichen Liebe. Es sind Männer, die hungrig nach Zuneigung und auf der Suche nach einer Auszeit vom Alltag sind. Dann setzen sie sich an die Bar, hören sich Komplimente von schönen Frauen an und geben vielleicht eine Flasche Champagner aus. Sie sehen zu, wie Frauen geschmeidig an der Stange tanzen, bevor sie sich ganz entkleiden, sich daran räkeln, lasziv, sinnlich, aufreizend. Fünf Kinder hat Peter Senn, zwei eigene und drei Stiefkinder – später vielleicht wird er ihnen erzählen, von welchem Geschäft er lebt. Seine Frau stammt aus Kolumbien.

«Ich habe mich aus der Geschäftsführung zurückgezogen», sagt Senn. Für das Management des «Red Palace» hat er Hans-Jörg Dellenbach geholt. Das «Red Palace» ist von aussen ein kleiner, eher unscheinbarer Schuppen an der Steinentorstrasse. Fünf Mädchen sitzen an der Bar. «Sie arbeiten lieber als Artistinnen als in einem hierarchischen System», sagt Senn, und eine der Damen fügt hinzu: «In der Ukraine reichte mein Lohn als Musiklehrerin nicht zum Leben und nicht zum Sterben.»

Wie ein Handwerker

Peter Senn wirkt nicht wie ein Mann aus dem Rotlichtmilieu, eher wie ein Handwerker – allzeit bereit, den tropfenden Wasserhahn zu reparieren oder das Klavier zu zügeln. Sein Gesicht wirkt jungenhaft, verschmitzt fast, wäre da nicht diese Ernsthaftigkeit in den Augenwinkeln. Aufgewachsen ist er als Sohn eines Wirteehepaars. Sein Vater führte den «Kings Club», die «Markthalle», in Luzern das «Opera» und das «Lido». Er selber wollte nie Wirt werden, und auch das Rotlichtmilieu zog ihn nicht an. «Für mich ist es kein einfaches Geschäft, ich rauche und trinke ja nicht», sagt er. Er studierte Ökonomie, arbeitete als Lehrer und später neun Jahre in einem Treuhandbüro als Lohnbuchhalter. Doch im Alter von 75 Jahren übernahm sein Vater die Steinen-Bar. Es war ein schwieriges Geschäft, da es an einen Vertrag mit dem Rotlichtmilieu gekoppelt war. So übernahm Peter Senn.

Eine Statistik gibt an, dass jeder vierte Mann für Sex bezahlt. Es dürften wesentlich mehr sein, da viele Freier bestreiten, die Dienste einer Prostituierten in Anspruch zu nehmen. Heute sei das Rotlichtmilieu kaputt, sagt Senn. Während vor 15 Jahren hauptsächlich Thai-Frauen, Latinas und Afrikanerinnen im Geschäft waren, sind es seit der Öffnung der Grenze im Jahr 1991 die Osteuropäerinnen. Und das Lohngefälle zwischen da und dort ist riesig. Doch auf der Gasse ist das Leben hart. Diejenigen Frauen, die in der Weber- und Ochsengasse arbeiten, verlangen 30 bis 40 Franken pro Freier – Dumpingpreise.

«Das stimmt nicht»

Die Arbeit in den Cabarets ist anders. Dort verkehrt eine zahlungskräftigere Kundschaft. Peter Senn sagt, er verdiene lediglich an den Getränken und bezahle den Mädchen einen Grundlohn. Diesen werten sie auf, indem sie sich prostituieren. Doch Senn trägt sich mit dem Gedanken, das Geschäft aufzugeben. Zu sehr reibt er sich an den bürokratischen Hürden und politischen Entscheiden auf. An der kürzlich vom Bundesrat beschlossenen Abschaffung des Tänzerinnen-Statuts beispielsweise, das es Frauen aus Drittstaaten erlaubt, während maximal acht Monaten pro Jahr als Cabaret-Tänzerin tätig zu sein. Bundesrätin Simonetta Sommaruga argumentiert, dass in diesem Bereich akute Missstände herrschen würden. Das Statut erlaube Missbräuche, die Situation der Frauen sei «haarsträubend». Vielerorts würden die Tänzerinnen zur Prostitution und zu Alkoholkonsum gezwungen, auch unter Anwendung von Gewalt.

«Das stimmt nicht», sagt Peter Senn. Ohne die Aussicht, sich prostituieren zu können, hätten die Frauen gar kein Interesse zu kommen. «Ich habe soeben wieder fünf SMS auf dem Handy von Frauen, die anfragen, ob sie kommen dürfen.» Er ärgert sich über die Blau­äugigkeit der Politiker, die das Geschäft nicht kennen und das Bild vom bösen Freier im Hintergrund und der Frau als Opfer sehen wollen. «Ein Verbrechen muss sich auszahlen. Frauen zur Prostitution zu zwingen, lohnt sich nicht.»

Tatsächlich sind auch seine Tänzerinnen dieser Meinung. «Was ist daran falsch? Es ist doch eine saubere, anständige Sache, Männer zufriedenzustellen», sagt Halla. Hier verdiene sie zumindest genug, um anständig leben zu können, sagt die sorgfältig zurechtgemachte Ukrainerin. Einen Zuhälter habe sie nicht und auch nie gehabt.

Doch wie steht es mit dem Alkoholkonsum? Die Frauen wüssten durchaus, wie sie ohne übermässiges Trinken durch die Nacht kommen, sagt Senn. «Wir haben auch alkoholfreien Champagner.» Und einiges werde weggeschüttet. Er kann sich noch an die goldenen Cabaret-Zeiten erinnern, in den 80er-, 90er-Jahren. «Da gab es ein Kanalsystem unter dem Flaschenkühler», sagt er. Dorthin ging der Champagner, der den Mädchen zu viel wurde.

Schikanen für die Branche

Er sieht die zunehmenden staatlichen Eingriffe in die Unternehmens­freiheit als Schikanen für die Branche. «Es geht Richtung indirektes Verbot der Prostitution», sagt er. Doch dies werde der Branche nur nützen statt schaden. «Alles, was illegal ist, wird sofort attraktiver.»

Doch natürlich ist es ein hartes Geschäft, in dem die Protagonisten einander nicht mit Samthandschuhen anfassen. So wurde vor vielen Jahren eine von Senns Bardamen erschossen. Und im November 2002 griff er selber zur Waffe. Damals hielten sich Manchester-United-Fans in der Stadt auf. Vier von ihnen begehrten sturzbetrunken Einlass ins «Red Palace» und begannen zu randalieren, als der Türsteher es ihnen verwehrte. Da schoss Peter Senn. Zwar nur in den Asphalt, doch die Kugel prallte ab und verletzte einen der Männer.

Erstellt: 16.12.2014, 09:25 Uhr

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