Waadt trauert um Patrons

Mehrere Schweizer Bauunternehmer starben bei einem Helikopterabsturz in Frankreich.

Der Helikopter habe sich wild im Kreis gedreht, bevor er abstürzte: Nur zwei der sieben Passagiere überlebten. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

Der Helikopter habe sich wild im Kreis gedreht, bevor er abstürzte: Nur zwei der sieben Passagiere überlebten. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

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Für die Vorstandsmitglieder des Waadtländer Baumeisterverbands hätte es eine gemütliche Geschäftsreise werden sollen. Der Präsident eines befreundeten Wirtschaftsverbands aus dem französischen Jura hatte sie eingeladen, in Sochaux die Werke des Autoherstellers Peugeot zu besuchen. Also traf sich die Verbandsspitze gestern Morgen beim Regionalflugplatz Blecherette ob Lausanne: Präsident Jean-Pierre Rosselet (55), Vizepräsident Christian Michoud (61), die Direktionsmitglieder Bernard Steck (63) und Cédric Frossard (45), Verbandsdirektor Georges Zünd (56) und dessen Assistentin Anne-Marie Bauer (47). Mit dabei war auch Fabrice Schneider, Besitzer einer Landschaftsgärtnerei und mit 500 Flugstunden ein erfahrener Helikopterpilot. Er sollte die Gruppe nach Frankreich bringen und hatte dafür einen Helikopter des Typs EC 130, einen sogenannten Eurocopter, gemietet.

Pilot sendete Notsignal

Nach einem Kaffee im Flugplatzrestaurant hob die Gruppe um 8.49 Uhr in Lausanne ab. Fabrice Schneider pilotierte die Maschine in Richtung Flugplatz Montbéliard – bei nicht wirklich idealen Wetterverhältnissen. Es herrschte dichter Nebel. Schneider ging dennoch davon aus, sicher in Montbéliard landen zu können. Kurz vor halb zehn Uhr meldete er den französischen Fluglotsen, er warte im Nebel auf ein Loch, um sinken zu können. Doch dann geriet Schneider in Not. Er gab noch ein Notsignal ab. Zu spät. Der Helikopter krachte nur vier Meter von einem Wohnhaus entfernt in einen leerstehenden Schuppen.

Ein Augenzeuge berichtete, der Helikopter habe sich wild im Kreis gedreht, bevor er abstürzte. Ein anderer gab an, zwei kurz aufeinanderfolgende Knalle gehört zu haben. Bereits zehn ­Minuten nach dem Absturz traf ein Grossaufgebot von Polizisten, Feuerwehrmännern und Sanitätern am Unglücksort ein.

Für fünf Passagiere kam jede Hilfe zu spät. Sie waren beim Aufprall gestorben. Zwei überlebten das Unglück hingegen schwer verletzt: Georges Zünd und Cédric Frossard. Sie wurden in die Unispitäler Besançon und Basel gebracht. Gemäss Recherchen der Zeitung «24 Heures» schweben beide nicht in Lebensgefahr und konnten mit ihren Gattinnen sprechen.

Pariser Experten vor Ort

Die Unfallursache war bis gestern Abend unklar. Helikopterunternehmer Patrick de Preux sagte in einem Interview mit dem Westschweizer Fernsehen, Fabrice Schneider habe bei ihm schon mehrfach Helikopter gemietet, er sei ein erfahrener Pilot gewesen. Der Helikopter mit Baujahr 2006 hatte zwischen 1200 und 1300 Flugstunden hinter sich und wurde gemäss de Preux stets nach 50 Flugstunden von neuem kontrolliert. Er sei noch am Mittwoch benutzt worden – «ohne Probleme».

Gestern Abend waren im Jura bereits Flugunfallexperten aus Paris eingetroffen, um das Unglück zu untersuchen. Die französische Justiz wird die schweizerische nun um Rechtshilfe er­suchen, um die Unfallursache lückenlos aufklären zu können.

Historisches geleistet

Die Regierung des Kantons Waadt reagierte auf das Drama umgehend mit einer Medienmitteilung, in der sie den Opferfamilien kondolierte. Auch die Gewerkschaft Unia drückte ihre Anteilnahme aus.

Die verstorbenen Unternehmer hinterlassen immense Lücken. Der gebürtige Lausanner Jean-Pierre Rosselet als Beispiel leistete im Kanton Waadt Historisches: beim Bau von Tunneln, Autobahnen und der Konstruktion von Bahnlinien. Bekannt wurden Rosselet und seine Baufirma Dénériaz mit ihren rund 100 Angestellten durch Tunnelbauten für die Lausanner Metrolinien M1 (in den 1990er-Jahren) und M2 (ab 2003). Auch über die geplante Konstruktion der Linie M3 hatte sich Rosselet bereits sehr konkrete Gedanken gemacht und wollte seinen Anteil an dem Bau leisten. Nun wird er sich diesen Traum nicht mehr erfüllen können.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.10.2014, 22:25 Uhr

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Helikopterabstürze

Unfälle der letzten 15 Jahre

1. Juli 2013: Ein Helikopter der Swiss Helicopter Group zerschellt im Kanton Uri beim Anflug auf die Kröntenhütte im Erstfeldertal. Vier Personen sterben.

29. Juni 2013: Ein Helikopter der Tessiner Firma Heli-TV wird bei einer missglückten Landung auf einer Alp beschädigt. Auf dem Rückflug stürzt die Maschine bei Iragna ab. Der Pilot und drei Passagiere kommen ums Leben.

24. Mai 2012: Ein Helikopter der Heliswiss durchtrennt in einem Seitental des Kandertals ob Reichenbach im Berner Oberland ein Drahtseil und gerät beim Aufschlag in Brand. Ein Fluglehrer und zwei Piloten sterben.

26. März 2005: Bei einem Helikopterabsturz am Steingletscher im Berner Oberland kommen der Pilot und drei Heliskiing-Passagiere ums Leben.

12. Oktober 2001: Beim Absturz eines Alouette-III-Helikopters oberhalb von Montana VS nach der Kollision mit einem Kabel werden alle vier Insassen tödlich verletzt. Beim Aufprall geht der Helikopter in Flammen auf.

25. Mai 2001: Bei einem Grenzüberwachungsflug touchiert ein Alouette-III-Helikopter bei Delsberg JU ein Kabel und stürzt ab. Der Pilot und drei Grenzwächter sterben.

26. September 2000: Beim Zusammenstoss von zwei Helikoptern der Air Glacier sterben oberhalb von Beuson im Walliser Val Nendaz acht Personen, sieben indische Touristen und ein Pilot.

28. Februar 1999: Ein Helikopter der Air Glacier stürzt zwischen Stalden und St. Niklaus VS ab: Drei Menschen kommen ums Leben.

29. Januar 1999: Beim Absturz eines Helikopters des Typs MD 520N im Skigebiet Hoch-Ybrig kommen alle vier Insassen ums Leben. Die Männer waren für Lawinensprengungen ausgerückt. (SDA)

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