Hintergrund

«Waffen waren ihr Hobby»

Nancy Lanzas Sohn richtete in Newtown ein Blutbad an. Bekannte beschreiben sie als grosszügig und gesellig, aber distanziert. So liess sie niemanden in ihr Haus.

«Ich hätte nicht mit ihr tauschen wollen»: Nancy Lanza, die Mutter des Täters von Newtown.

«Ich hätte nicht mit ihr tauschen wollen»: Nancy Lanza, die Mutter des Täters von Newtown. Bild: Reuters

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Nancy Lanza besass fünf Waffen: zwei Pistolen, zwei Jagdgewehre und ein halb automatisches Sturmgewehr. Mit einer dieser Waffen wurde sie am Freitag von ihrem Sohn Adam erschossen, bevor dieser in die Sandy-Hook-Grundschule fuhr und dort 20 Kinder tötete. Bekannte der 52-Jährigen zeichnen das Bild einer Frau, die zwar äusserst grosszügig war und sich um ihren Sohn sorgte, die aber auch ungewöhnlich zurückgezogen lebte und selten über ihr Familienleben sprach.

Die Unterhaltungen mit Nancy Lanza hätten sich meist um ihre Lieblings-Baseballmannschaft, die Boston Red Sox, das Gärtnern und ihre wachsende Begeisterung für das Zielschiessen gedreht, sagen Anwohner, mit denen sie sich regelmässig in einer Bar in Newtown traf, gegenüber der «Huffington Post». «Sie kam, um sich Essen zum Mitnehmen zu kaufen, blieb aber meistens noch auf einen Schwatz und ein Glas Wein.»

Stolz, aber besorgt

Nancy Lanza habe ihren Sohn Adam zwar manchmal in die Bar mitgebracht, so der Bekannte John Tambascio. Der 20-Jährige habe aber nie ein Wort gesprochen und stattdessen auf den Boden gestarrt. Alle hätten mitbekommen, dass Adam die Schule schon mehrmals gewechselt und dass Nancy sogar einmal versucht hatte, ihren Sohn zu Hause zu unterrichten. Mehrmals habe sie ihn aus der Highschool abholen müssen, weil es zu «Zwischenfällen» gekommen sei. Sie habe oft erzählt, wie klug ihr Sohn sei, dass sie sich jedoch um ihn sorge, weil er so ängstlich und scheu sei. «Ich hätte nicht mit ihr tauschen wollen», sagt Tambascio. «Aber ich dachte mir: ‹Wow, sie trägt es mit Fassung.›»

Trotz der Probleme mit dem jüngeren ihrer beiden Söhne habe Nancy von aussen betrachtet ein komfortables Leben geführt. Als sie und ihr Ex-Mann Peter Lanza vor fünfzehn Jahren nach Newtown zogen, kauften sie sich ein rund 280 Quadratmeter grosses Haus im Kolonialstil. Nancy habe vorher als Börsenmaklerin gearbeitet, Peter sei Geschäftsleitungsmitglied gewesen. Ihre Söhne Ryan (24) und Adam kamen beide in der kleinen Gemeinde Kingston im US-Bundesstaat New Hampshire zur Welt, wo Nancy Lanza bis zum Umzug nach Newtown lebte.

Als die beiden sich 2009 scheiden liessen, habe Peter seiner Ex-Frau das Haus überlassen und ihr versprochen, sie weiterhin finanziell zu versorgen, wie Marsha Lanza, die Tante von Adam, gegenüber der «Huffington Post» sagt. Nancy Lanza sei in den letzten Jahren deshalb auch keinem regulären Job nachgegangen. Berichte, dass sie zwischenzeitlich an der Sandy-Hook-Grundschule gearbeitet hätte, wurden nicht bestätigt. Die Scheidung sei nicht feindselig gewesen, und Adam habe danach sowohl mit seiner Mutter als auch mit seinem Vater Zeit verbracht.

Niemand durfte das Haus betreten

Nancy sei diejenige gewesen, die die Rechnung für andere bezahlte, wenn diese kein Geld mehr hatten, erzählen die Bekannten. Die 52-Jährige sei äusserst grosszügig gewesen und habe oft gemeinnützige Arbeit geleistet. «Als sie einmal mit anhörte, wie ein Bekannter einen anderen um ein Darlehen bat und dieser zögerte, schritt Nancy ein – und stellte ihm an Ort und Stelle einen Check aus», erzählt ein Anwohner von Newtown.

Trotz ihrer Grosszügigkeit hat Nancy Lanza offenbar immer eine gewisse Distanz zu ihren Mitmenschen gewahrt: Kaum jemand habe ihr Anwesen je betreten dürfen, erzählen Nachbarn, geschweige denn ihr Haus. Sie habe ihn jeweils draussen im Hof für seine Arbeit bezahlt, sagt der Gärtner Dan Holmes gegenüber der «Washington Post». Auch als sie ihm ein antikes Gewehr zeigen wollte, das sie sich erst kürzlich gekauft hatte, habe sie ihn nicht ins Haus eingeladen, sondern es nach draussen gebracht.

«Waffen waren ihr Hobby», sagt Holmes. «Sie mochte die Zielstrebigkeit, die man beim Schiessen braucht.» Und sie habe ihre Begeisterung dafür an ihren Sohn weitergeben wollen.

Nancy Lanza hatte eine umfangreiche Waffensammlung, auf die sie offenbar sehr stolz war. Die 52-Jährige habe nach der Scheidung von ihrem Ehemann damit angefangen, sich Waffen zu kaufen, sagt Marsha Lanza. Sie habe sich schützen wollen, weil sie von diesem Zeitpunkt an allein mit Adam in dem grossen Haus wohnte. Der ältere Sohn Ryan ist laut Berichten schon vor Jahren ausgezogen.

«Kein Kind mit Problemen sollte Zugang zu Waffen haben»

Die Polizei berichtete am Wochenende, dass Nancy Lanza regelmässig Schiessstände in der Region besucht hatte. Noch nicht bestätigt sind Berichte, dass sie ihren Sohn ab und zu mitgenommen hat. Laut einer ersten Untersuchung hat auch Adam mehrmals auf Schiessplätzen trainiert.

Auch die Spekulationen, dass Adam Lanza an einer Form von Autismus litt, wurden noch nicht offiziell bestätigt. Klar scheint jedoch, dass er erhebliche Probleme im sozialen Umgang hatte. Autismus werde zwar gemeinhin nicht mit gewalttätigem Verhalten in Verbindung gebracht, sagt eine Expertin gegenüber der «New York Post». «Aber kein Kind mit psychischen Problemen sollte in einem Haushalt leben, in dem es Zugang zu Waffen hat.» (fko)

Erstellt: 17.12.2012, 10:33 Uhr

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