«Wahrscheinlich hat ein Alpinist ein Schneebrett ausgelöst»

Nach dem Tod von neun Alpinisten am Mont Blanc äussert sich Bruno Jelk, Rettungsobmann des SAC Zermatt, zu den möglichen Ursachen des Unglücks. Haben die Alpinisten fahrlässig gehandelt?

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Als Rettungsobmann des SAC Zermatt kennen Sie auch den Mont Maudit, wo neun Alpinisten ums Leben gekommen sind. Wie ist die Situation dort oben?
Bruno Jelk: Der Mont Maudit ist ein Schneeberg auf über 4000 Metern Höhe, der auf dem Weg zum Mont Blanc liegt. Diese Traversierung ist technisch nicht sehr schwierig. Aber je nach Witterungsbedingungen kann im Steilgelände sehr schnell Schneebrettgefahr entstehen. Beim Unglück am Mont Maudit hat wahrscheinlich ein Alpinist ein Schneebrett ausgelöst. Es kann aber auch sein, dass eine Spontanlawine abgegangen ist. Aus der Ferne kann ich das natürlich nicht beurteilen.

Gemäss Medienberichten hatte der französische Wetterdienst keine Lawinenwarnung ausgegeben.
Im Sommer gibt es eigentlich keine Lawinenbulletins, sondern Neuschneewarnungen. Es ist in erster Linie Sache der Bergführer und Alpinisten, das Risiko einzuschätzen. In den letzten Wochen und Tagen hat es auf diesen Höhen immer wieder Neuschnee gegeben. Eine Beurteilung der Gefahren ist trotzdem nicht immer einfach.

Was hat dies zu bedeuten?
Neuschnee und Winde führen zu Triebschneeansammlungen. Wenn es dann warm wird, wird der Schnee feucht und schwer. Und damit steigt auch die Gefahr von Nassschneelawinen, die alles Tiefe reissen. Bei solchen Bedingungen sind Schneebretter immer möglich. Im Sommer gehen viele Alpinisten auf den Mont Blanc. Wenn dann ein Unglück passiert, kommen meistens mehrere Personen ums Leben. So wie dies jetzt am Mont Maudit geschehen ist.

Haben die verunglückten Alpinisten fahrlässig gehandelt?
Nein, sicher nicht. Vermutlich haben in den letzten Tagen viele Alpinisten diese Route begangen. Ich kann mir vorstellen, dass eine gute Spur vorhanden war. Vielleicht waren ja sogar ein Bergführer direkt an der Auslösung der Lawine beteiligt. Man weiss ja im Moment nicht, wer verschüttet und wer mitgerissen wurde.

Was empfehlen Sie Alpinisten, die auf den Mont Blanc steigen wollen?
Der Mont Blanc ist auf der Normalroute eine Schneetour auf Gletschern. Da ist bei Neuschnee in den Steilhängen immer eine Lawinengefahr möglich. Auf dieser Route kann es auch Eisabbrüche geben, die dann eine Lawine auslösen. Das Risiko von Eisabbrüchen ist sehr schwierig zu beurteilen. Diese können sich jederzeit und auch bei jeder Temperatur lösen. Wenn so etwas passiert, hat man einfach Glück oder Pech. Ein Ausweichen ist nur sehr schwer möglich. Dies ist wie Steinschlag.

Erstellt: 12.07.2012, 19:48 Uhr

Alle Vermissten leben

Die vier nach dem Lawinenunglück im Mont Blanc-Massiv noch vermissten Bergsteiger sind gesund und munter. Es handelt sich um zwei Engländer und zwei Spanier, sagte der Sprecher des Präfekten des Departements Haute-Savoie in Annecy, Régis Castro, der Nachrichtenagentur dapd.

«Die zwei Engländer haben sich heute Abend bei der Gendarmerie in Chamonix gemeldet, sie haben zwar die Nacht in der Hütte mit den anderen verbracht, haben dann aber eine andere Route eingeschlagen.» Die beiden Spanier hätten sich ebenfalls bei der Polizei gemeldet. Sie hätten sich in letzter Minute entschlossen, den Aufstieg nicht mitzumachen.

Die Suche nach den Vermissten war am späten Nachmittag zunächst beendet worden. (sda)

Eine Eisplatte könnte die Ursache für die Katastrophe gewesen sein, so Experten. (Video: Reuters )

«Im Sommer gibt es eigentlich keine Lawinenbulletins, sondern Neuschneewarnungen»: Bruno Jelk, Rettungsobmann des SAC Zermatt, Rettungschef der Air Zermatt, Bergsteiger und Buchautor.

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