Walter Weber und der grosse Knall

75 Kilo Sprengstoff, 1500 Zünder, Wasserwerfer gegen den Staub: In Aarau wird ein 45-Meter-Hochhaus gesprengt – eine Schweizer Premiere. Instant-Zerstörungen per Explosion haben ihre eigene Schönheit.

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Diese Woche ist Sprengnacht in Aarau. Am sehr frühen Freitag, um 02.00 Uhr, werden fünf lange Hornsignale ertönen. Dann drei kurze. Und dann wird es knallen. Ist alles vorbei, gibt ein durchgehender Ton Entwarnung. Bis 03.00 soll hernach Normalität einkehren im Quartier Torfeld-Süd. Ist eine Scheibe zerbrochen, steht der Notglaser bereit – man hat, typisch Schweiz, an alles gedacht.

Gesprengt wird das Rockwell-Haus, auch «Sprecherhof» genannt. Jeder, der ab und zu im Zug von Zürich nach Bern fährt, kennt es. Kurz vor dem Bahnhof Aarau steht es linkerhand, 45 Meter und 12 Stockwerke hoch; bis vor kurzem trug es den Schriftzug «Rockwell Automation». Bald wird es zu einem Schuttkegel von 30 Meter Durchmesser und 10 Meter Höhe reduziert sein.

Das Rockwell-Haus: Das sind 5000 Tonnen stürzende Masse. Nach der Sprengung wird es fünf Minuten bös stauben. 50 Soldaten sollen die Wolke mit Wasserwerfern niederhalten. Die Armee sorgt zudem mit Scheinwerfern für die gute Beleuchtung des Ganzen.

Sprengen als Event

Sprengen ist Event, Spektakel, Show. Brutal beschleunigter Zerfall von Materie. Ein Ur-Ereignis, das der Mensch selber entfesselt – umso mehr fesselt es ihn. Eine oder mehrere chemische Verbindungen setzen in unvorstellbarer Schnelligkeit gewaltige Energie frei. Die Wucht der Sprengung, Knall, Schall, Druck lösen Furcht oder doch Ehrfurcht aus. Mit viel Publikum ist in Aarau zu rechnen. Dies ist immerhin das erste Hochhaus im Land, das, so Sprengmeister Walter Weber an der Medienorientierung, «sprengtechnisch niedergebracht wird».

Garantiert wird der Einsturz des Rockwell-Hauses hernach auf der Internet-Film-Plattform Youtube zu sehen sein, aufgezeichnet von Hobbyfilmern mit dem Handy oder der Digicam. Auf Youtube wimmelt es von Sprengfilmen.

Begrenzter Platz für Publikum

Die Verantwortlichen in Aarau bemühten sich am Montag um Nüchternheit. Wie viele Zuschauer kommen würden, sei nicht abzuschätzen. Zwischen dem Bahnhof und dem – abgesperrten – Rockwell-Gelände gebe es Publikumszonen. Aber weil zum Teil andere Häuser den Blick behinderten und das Quartier eng sei, sei der Platz begrenzt. «Wir veranstalten keine Party», sagte der Mann von der Immobiliengesellschaft Mobimo.

Anstelle des alten Hochhauses wird bald ein neues gebaut; für Gastrosocial, Vorsorgeorganisation der Schweizer Wirte. Auf 50 000 Quadratmetern entsteht darum herum ein ganz neues Stadtviertel, das Aeschbach-Quartier mit 1350 Arbeitsplätzen, Wohnraum für 390 Haushalte, Park, Kinderkrippe.

Nachtaktion

Dieses Grossprojekt interessierte die Medienleute freilich nicht sonderlich. Im Mittelpunkt stand vielmehr: Sprengmeister Walter Weber (48). Handwerkertyp, blau-neongelbe Berufskleidung, braun gebrannt, Schnauz wie ein umgekehrtes U. Der Chef der «GU Sprengtechnik» in Erlinsbach AG ist seit 1997 «Sprenger», wie er sagt. 2001 liquidierte er das Berner Wankdorfstadion.

Der Sicherheitsplan für die Sprengung in Aarau sieht eine innere, gelbe Zone vor, in der freilich nur eine Person lebt. Sie wird evakuiert. In der äusseren, roten Zone müssen die Anwohner im Haus bleiben und die Läden oder Storen schliessen. Gesprengt wird nachts, weil die Aktion den öffentlichen Verkehr beeinträchtigen würde. Spürhunde helfen sicherzustellen, dass im Gefahrenbereich wirklich niemand mehr ist, wenn gezündet wird. Schon jetzt werden Hunde eingesetzt. Weber, lachend: «Seither haben wir keine Sprayer mehr.»

Genau choreografiert

Das Rockwell-Haus wurde in den letzten Wochen ausgehöhlt, es erinnert derzeit an die Bürgerkriegsjahre in Beirut. HMX heisst der Hauptsprengstoff, der das Gerippe endgültig zu Fall bringen wird, dazu kommen Sprengschnüre und Sprenggelatine. 75 Kilo Sprengstoff sowie 1500 Zünder sind nötig. Bei der Besichtigung des Hauses erblickte man im Keller die Tragpfeiler aus Beton, darin Bohrlöcher und daneben einen Tisch mit dem Sprengstoff, den Webers Team zurüstet und in die Bohrlöcher steckt.

Die explosive Ware sah aus wie Dynamit im Western: orange Stangen, jede mit einer Schnur versehen. In der Hand fühlte sich das Material an wie Plastilin. Oder wie eine Bienenwachskerze.

Genaue Choreographie

Die Sprengung am Freitag ist genau choreografiert. Das Hochhaus besteht aus Skelettbau und Treppenbau. Der Skelettbau sei, sagte Weber, «leichtfüssig». Schwäche man seine Statik durch Sprengung gezielt, breche er quasi von selber ein und kollabiere senkrecht. «Er zerstört sich selbst.» Der Treppenbau hingegen sei massiv. Er wird gut drei Sekunden nach dem Skelettbau im zweiten und sechsten Geschoss gesprengt; es handelt sich um eine sogenannte Faltsprengung, die drei resultierenden Teile sollen aufeinanderkippen.

Gegenüber dem normalen Rückbau sei die Sprengung nicht billiger, hiess es am Montag; die ganze Beseitigung des Rockwell-Hauses koste so rund anderthalb Millionen Franken. Aber durch die Sprengung spare man vier bis sechs Wochen Bauzeit. Und vor allem wären konventionelle Abbrucharbeiten auf 45 Meter Höhe ziemlich gefährlich gewesen.

Ein Wahrzeichen Aaraus verschwindet

Mit dem Rockwell-Haus fällt ein Wahrzeichen Aaraus. Firmengeschichte. Eine letzte Erinnerung an die Pionierzeit, die freilich schon verblasst war, als das Haus 1966 gebaut wurde. Um 1900 gründeten in Aarau Carl Sprecher und Heinrich Schuh das Elektronikunternehmen Sprecher + Schuh, das später Weltruf errang. Spannungsschalter, Stromsicherungen, Schaltanlagen produzierte man und geschäftete auch im Logistikwesen.

Das Unternehmen blühte über Jahrzehnte. Dann übernahm es sich, rutschte in den 1970er-Jahren in die roten Zahlen; weltweit gab es zu viel Konkurrenz, und Sprecher + Schuh hatte zu aggressiv expandiert. Am Schluss gingen drei Firmenteile an drei verschiedene Abnehmer. Das Niederspannungsgeschäft kam 1993 unter das Dach der amerikanischen Rockwell; daher der Name des Hochhauses, das jetzt gesprengt wird.

Roman Signer wünscht Glück

Das zivile Sprengwesen ist nicht in jedem Fall so unschuldig und sachdienlich wie in Aarau. Heute fast vergessen, vor wenigen Jahrzehnten aber enorm schmerzhaft für viele Ostdeutsche: die Sprengung preussischer Baudenkmäler und alter Kirchen in der DDR zu Zeiten Walter Ulbrichts. Die Zerstörung des Berliner Schlosses, der Paulinerkirche Leipzig, der Garnisonkirche Potsdam waren Regimeterror gegen Monumente. Einzelne Bürger protestierten offen oder verdeckt. Einige kamen deswegen ins Gefängnis.

Anderseits kann das Sprengen auch zur Kunst aufsteigen. Der Schweizer Roman Signer (74) hat das Bubenspiel mit Zündschnüren und Explosionen zu grosser Ästhetik perfektioniert. Er sprengte so ziemlich alles. Wer Peter Liechtis Film «Signers Koffer» sah, erinnert sich an die Schlüsselszene: Signer sprengt Küchenhocker in einem alten Kurhaus virtuos-diszipliniert in die Luft. Sie fliegen, jeder durch sein eigenes Fenster, parallel ins Freie: Objektballett.

Grausame Schönheit

Sicher ist Signer die richtige Person, zu erklären, wieso Sprengungen derart fesseln. Seine Antwort am Telefon: «Dass der Mensch schon mit ein paar Gramm Sprengstoff solche Kräfte entfesseln kann, das ist ein Grenzfall. Wenn ein Hochhaus in sich zusammensinkt, hat das eine grausame Schönheit.» Er hoffe, fährt er fort, dass das Hochhaus in Aarau nicht schön sei. «Hässliche Hochhäuser darf man sprengen.» Wird er selber nach Aarau fahren? Nein, sagt Signer, er habe zu viel zu tun und ziehe zudem persönlich kleine Explosionen vor: «Wenn es zum Beispiel einen Hut lupft.»

Zum Schluss des Telefonats wünscht Signer im Hinblick auf Aarau in nasalem Innerrhoder Dialekt «Gueti Sprengig!».

Erstellt: 06.03.2013, 07:33 Uhr

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