Wann sich die Cockpit-Türe nicht mehr öffnen lässt

Berichten zufolge soll sich nur ein Pilot im Cockpit des Germanwings-Airbus befunden haben, als der tödliche Sinkflug begann. Der andere soll versucht haben, die Tür zu öffnen. Warum gelang das nicht?

So funktioniert die Türblockierung zum Cockpit in Flugzeugen. Video: Youtube/Super charged

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Vor dem 11. September 2001 war es einfach, in das Cockpit eines Flugzeugs zu gelangen. Die Tür war meist nicht verriegelt. Als Reaktion auf die Terroranschläge in den USA, bei denen die Attentäter in die Schaltzentrale der Flugzeuge vorgedrungen waren und das Steuer übernahmen, wurden die Sicherheitsmassnahmen international überarbeitet. Seitdem sind hermetisch verriegelte, gepanzerte Cockpit-Türen Standard, so dass dass kein Unberechtigter die Steuerung des Flugzeugs übernehmen kann.

Doch das System hat seine Tücken. Bei kleineren Flugzeugen, wie etwa dem verunglückten A320 oder der Boeing 737, müssen die Piloten ihren geschützten Cockpit-Raum verlassen, wenn sie beispielsweise auf die Toilette gehen wollen. Die Verriegelung der Cockpit-Tür ist dabei elektronisch gesichert. Über die Eingabe eines Codes kann sie von aussen geöffnet werden. Jedoch kann über einen Schalter im Inneren des Cockpits dieser Öffnungsmechanismus blockiert werden. Dann ist selbst mit dem Code ein Eindringen von aussen nicht mehr möglich. Zwar soll es an Bord auch einen Notfall-Code geben, der aber aus dem Cockpit heraus angeblich auch für eine gewisse Zeit bewusst blockiert werden kann.

A320-Absturz: Was bisher geschah. (Video: Lea Koch)

In der Praxis gibt es unterschiedliche Verfahren, wie das Verlassen und Zurückkehren ins Cockpit gehandhabt wird – teilweise wird die Tür nur dann wieder geöffnet, wenn zuvor die Rückkehr über das Bordtelefon angemeldet wurde. Die Tür wird also immer sicher verriegelt, wenn ein Mitglied der Crew das Cockpit verlässt. Bei grösseren Flugzeugen gibt es zudem Kameras und Monitore, um zu sehen, wer vor der Türe steht. Grossraumflugzeuge wie der A380 oder der neue Boeing-Jumbo-Jet 747-8 haben eine eigene Toilette im abgeriegelten Bereich.

Laut Luftfahrtbundesamt ist es europaweit generell zulässig, dass der Pilot oder Copilot das Cockpit zeitweise verlässt, also nur ein Flugzeugführer zurückbleibt, ohne dass ein Flugbegleiter oder eine Stewardess vorübergehend als zweite Person ins Cockpit kommt. Damit besteht theoretisch die Gefahr, dass die Cockpit-Tür per Schalterstellung komplett verriegelt wird und die verbleibende Person im Cockpit alleine die Steuerung des Flugzeugs übernimmt. Sollte diese dann nicht mehr handlungsfähig sein – etwa wegen eines Herzinfarkts oder eines plötzlichen Druckabfalls im Cockpit –, wäre eine Katastrophe programmiert.

Malaysia Airways hat die Cockpit-Regeln geändert

Es gab aber auch schon Vorfälle, wo ein Pilot Selbstmord verübte und die Passagiere mit in den Tod riss. Er nutzte dazu die Gelegenheit, in der ein Cockpit-Mitglied zur Toilette ging, um ihn anschliessend auszusperren. Erst im November 2013 verübte laut Aufzeichnung des Stimmenrekorders ein Pilot in Afrika beim Unglücksflug des Embraer-Flugzeugs TM470 Selbstmord. Bei seinem Sturzflug aus mehr als elf Kilometern Höhe kamen 33 Menschen ums Leben.

Bekannt sind auch Fälle, in denen sich die Cockpit-Türe aus technischen Gründen zunächst nicht mehr öffnen liess. Im Mai 2013 musste in Indien ein Flug von Air India notlanden, weil der Pilot nach einem Gang zur Toilette nicht mehr ins Cockpit kam, weil die Türe sich nicht öffnen liess. Daraufhin musste der Copilot alleine landen. In den USA gehört es daher zum Standard, dass ein Flugbegleiter oder eine Stewardess vorübergehend ins Cockpit kommt, wenn ein Pilot oder Copilot es verlässt. Nach Angaben des Branchendienstes Leehamnews hat auch die Fluggesellschaft Malaysia Airways nach dem bislang unaufgeklärten Verschwinden des Grossraumflugzeugs Boeing 777 mit der Nummer MH 370 vor einem Jahr seine Regeln geändert. Seitdem müssen sich auch immer mindestens zwei Personen im Cockpit befinden.

Gerhard Hegmann/ LENA (Leading European Newspaper Alliance) – in Kooperation mit «Die Welt».

Erstellt: 26.03.2015, 10:04 Uhr

Hier gibt es eine eigene Toilette im abgeriegelten Bereich: Blick ins Cockpit eines neuen A380 von Emirates. (Bild: Keystone Ennio Leanza)

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