Waren es die Asylbewerber selbst?

Der Brand in der Asylunterkunft Waldau in Landquart ist möglicherweise von deren Bewohnern gelegt worden. Es wäre nicht verwunderlich, sagen Bündner Asylorganisationen.

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In der Nacht auf Sonntag sind in der Asylunterkunft Waldau in Landquart zwei Schlafcontainer vollständig ausgebrannt. Der dritte wurde so stark beschädigt, dass er nicht mehr bewohnt werden kann. Gleiches gilt für den Küchencontainer und den Sanitärcontainer. Die Bewohner der Unterkunft – fünf Männer aus dem Maghreb und dem Nahen Osten zwischen Mitte dreissig und Mitte vierzig – waren zum Zeitpunkt des Brandes nicht in der Unterkunft.

Noch am Sonntag gab die Bündner Polizei bekannt, dass sie aufgrund erster Erkenntnisse von Brandstiftung ausgehe. Das Feuer sei gleichzeitig an mindestens zwei Orten ausgebrochen. Gestern liess Polizeisprecher Thomas Hobi auf Anfrage verlauten, der erste Verdacht habe sich erhärtet. Wer also hat den Brand gelegt? Die Bewohner selbst, die nachts um drei nicht in ihren Betten lagen? Oder eine ausländerfeindliche Gruppe? «Es ist zu früh, um diese Frage zu beantworten», sagt Hobi. Die Ermittlungen gingen in alle Richtungen. In der ersten Befragung hätten die fünf Bewohner zu Protokoll gegeben, sie seien «im Ausgang» gewesen.

«Froh, dass das passiert ist»

Auch Marcel Suter, Leiter des kantonalen Amtes für Polizeiwesen und Zivilrecht, will nicht spekulieren. Theoretisch sei alles möglich. Wo sich die fünf Männer, die «allesamt über einen rechtskräftigen Wegweisungsentscheid» verfügten, zum Zeitpunkt des Brandes aufgehalten haben, weiss auch Suter nicht. Sie könnten sich in der Waldau frei bewegen. Mittlerweile sind die Männer ins Ausreisezentrum Flüeli im rund zehn Kilometer entfernten Valzeina gebracht worden, wo sie zum Teil schon früher einmal gelebt haben. Valzeina befindet sich in einem Seitental des Prättigaus auf 1114 Meter über Meer. In den Containern in Landquart wohnen könnten die Männer vorerst nicht, sagt Suter.

Das ist ganz im Sinne von Gustav Ott vom Verein Hilfe für Asylsuchende Graubünden: «Ich bin froh, dass das passiert ist. Wir fordern schon lange, dass die Unterkunft Waldau geschlossen wird.» Die dortigen Lebensumstände seien «menschenunwürdig». In die unbetreuten Container würden oft Menschen «willkürlich strafversetzt», mit welchen die Heimleitungen andernorts nicht zurechtkämen. Die Asylbewerber würden sich selbst überlassen, obwohl sie in vielen Fällen Begleitung oder psychiatrische Betreuung bräuchten – so etwa ein methadonabhängiger Marokkaner. «Es würde mich nicht wundern, wenn die Bewohner die Unterkunft selbst angezündet hätten. Sie ist ein Heim gegen die Leute – nicht für die Leute», sagt Ott.

Männer leben auf engstem Raum zusammen

Bei der Waldau handelt es sich um ein sogenanntes Minimalzentrum. Die maximal 18 Bewohner – meist abgewiesene Asylbewerber – erhalten einzig 7.30 Franken für Lebensmittel pro Tag sowie WC-Papier und Waschmittel. In Landquart wird laut Marcel Suter untergebracht, wer sich in einem anderen Zentrum «wiederholt nicht an die Hausordnung gehalten oder den Betrieb anderweitig nachhaltig gestört hat». Man sanktioniere erst im letzten Moment. Die Unterkunft decke aber «auf jedem Fall» die menschlichen Grundbedürfnisse ab.

Anders sieht das Daniela Stirnimann-Gemsch vom Verein Miteinander Valzeina: «Einer, der kriminell wird, gehört ins Gefängnis. Einer, der psychisch krank ist, gehört in die Klinik. Er soll nicht als Problemfall in der Waldau landen.» Die Männer lebten im unbetreuten Zentrum auf engstem Raum und ohne jegliche Privatsphäre. So müssten alle «in demselben Container schlafen, obwohl es drei Schlafcontainer gäbe». Dazu komme, dass man die Container von innen nicht abschliessen könne. Gewisse Bewohner würden «lieber tagsüber schlafen, weil sie sich dann in ihrem Bett sicherer fühlen». Die Nächte verbrächten sie im Freien. Es gebe aber auch Personen, die die Waldau dem abgelegenen Flüeli vorzögen. «Sie nehmen lieber das Geld als die Lebensmittel, die sie in Valzeina erhalten.» Wie Ott hält es auch Stirnimann für «gut möglich», dass die Männer das Feuer selbst gelegt haben.

Es brannte schon einmal

Eine ausländerfeindliche Gruppierung können sich beide als Brandstifter «eigentlich nicht vorstellen». Umso weniger, als es sich bei der Waldau um die einfachstmögliche Einrichtung handle, sagt Ott. Diese ziehe wohl kaum den Volkszorn auf sich. In der Waldau hatte es bereits 2006 gebrannt. Wegen Verdachts auf Brandstiftung wurde ein Bewohner verhaftet. Die Tat konnte aber laut der Staatsanwaltschaft Graubünden nicht bewiesen werden. Die Ermittler konnten einen technischen Defekt nicht ausschliessen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.07.2012, 11:21 Uhr

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