Warum Hitler den Zug statt ein Flugzeug nahm

Der Historiker Ronald D. Gerste erzählt vom Einfluss des Wetters auf den Verlauf der Geschichte.

Rückzug der französischen Armee aus Russland 1812: Gemälde von January Suchodolski. Foto: AKG-Images

Rückzug der französischen Armee aus Russland 1812: Gemälde von January Suchodolski. Foto: AKG-Images

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Es gibt Bücher, bei deren Lektüre man sich denkt: Ja klar, wie konnte einem das bisher entgehen! Ein solches Buch ist das jüngste von Ronald D. Gerste, in dem der Historiker, Arzt und Journalist die Geschichte des Wetters erzählt. So weit, so unspektakulär, möchte man meinen, wenn man beim Wort Wetter nur Blumenkohlwolken vor dem inneren Auge aufziehen sieht.

Welch entscheidende Rolle Gewölk und Gewitter in unserer Welt gespielt haben, wird einem aber klar, wenn man in Gerstes Wettergeschichte etwa das Kapitel über den D-Day liest: Anschaulich wird erklärt, wie die Alliierten für ihre Invasion vom 6. Juni 1944 ein enges Zeitfenster von 24 Stunden nutzten, das von Stürmen und anderen Wetterumschwüngen umrahmt war. «Eine spätere Landung hätte eine gänzlich veränderte europäische Nachkriegslandkarte hinterlassen.» Bei einem Scheitern der Landung wäre «geraume Zeit ins Land gegangen, die von den Deutschen zur Verstärkung ihrer Verteidigungslinien genutzt worden wäre».

Gewiss, Gerstes Überlegungen zum alternativen Geschichtsverlauf sind spekulativ. Und der Autor selbst räumt ein, dass es sich beim Wetter um einen «von meist vielen» Faktoren handelt – wenn auch um einen wichtigen. Dies kann er in Schlaglichtern zwischen Antike und Gegenwart wiederholt zeigen. Etwa am frühzeitigen Wintereinbruch 1812, der Napoleon beim Rückzug aus Russland überraschte – und der die an sich schon geschwächte Grande Armée im eisigen Sturm an der Beresina eine ihrer schmachvollsten Niederlagen erleiden liess. Wetterexperten gehörten spätestens seit dieser Zeit zum Stab der grossen Heere.

Nach dem Vulkan das Fahrrad

Einen Meteorologen oder zumindest eine Wetter-App hätte man auch den besonders mutigen Einzelkämpfern gewünscht. Wie etwa dem damals 36-jährigen Georg Elser, der im November 1939 im Alleingang die Menschen von Hitler befreien wollte: In 30 Nächten hatte der gelernte Tischler die Säule hinter dem Rednerpult im Münchner Bürgerbräukeller ausgehöhlt und darin eine Bombe mit Zeitzünder angebracht. Aber der Anschlag misslang, weil am Tag des Attentats eine Nebelfront aufzog. Statt eines Flugzeugs bestieg Hitler einen Sonderzug, der ihn nach Berlin bringen sollte. Aus diesem Grund fasste sich der Diktator kurz. Als die Bombe um 21.20 Uhr hochging und die Decke des Brauhauskellers zum Einsturz brachte, war Hitler bereits seit 13 Minuten auf dem Weg zum Bahnhof. Elser wurde an der Schweizer Grenze aufgegriffen und ins Konzentrationslager von Dachau gebracht, wo er einen Monat vor Kriegsende erschossen wurde.

Es ist auffällig, dass sich Gerste in den chrono­logisch angeordneten Episoden seiner Wetter­geschichte stark auf Kriegsereignisse konzentriert. Er weiss aber auch von Naturkatastrophen zu erzählen – wobei diese insbesondere für Kunst und Kultur wichtig waren. Ein solches Ereignis war der Ausbruch des indonesischen Mount Tambora, der 1815 seine Asche bis zu 43 Kilometer in die Stratosphäre schleuderte: Der von der Eruption letztlich ausgelöste Tsunami forderte bis zu 100'000 Tote; Cholerabakterien rafften in den folgenden Jahren zudem unzählige Menschen dahin, darunter wohl auch den deutschen Philosophen Georg Friedrich Wilhelm Hegel.

Das von Napoleon versehrte Europa erlebte als Folge des Vulkanausbruchs ein Jahr ohne Sommer, mit zahlreichen Hungersnöten – und neuen kulturellen Errungenschaften: Angesichts des grassierenden Pferdesterbens erfand Freiherr Drais den Vorläufer des Fahrrads. William Turner malte die «bombastisch farbenprächtigen Sonnenuntergänge», die von der Vulkanasche des Tambora in den oberen Luftschichten mitverursacht wurden. Und Mary Shelley schrieb im verregneten Sommer 1816 am Genfersee ihren «Frankenstein»-Roman.

Feigen und Olivenbäume in Deutschland

Vom Vulkan zur Kunst und Technik: Gerste schlägt wiederholt solche Bögen. Und dabei geht der Historiker auch aufs grosse Ganze ein: auf den Wandel des Klimas. Interessant in dieser Hinsicht ist vor allem die «Kleine Eiszeit», die ungefähr von 1315 bis 1850 andauerte: Das Packeis soll sich damals von Grönland bis nach Island ausgeweitet haben; Hungersnöte grassierten, die Pest kam über italienische Handelsschiffe nach Europa und dezimierte die an sich schon geschwächte Bevölkerung. Die Kleine Eiszeit sei denn auch ein Grund für die Armut der Schweizer im 17. Jahrhundert gewesen, da die Anbauflächen in den Bergregionen beschränkt gewesen seien aufgrund der vordrängenden Gletscher.

Überraschend ist nun vielleicht, dass der Kleinen Eiszeit eine gegenläufige Tendenz voranging: Zwischen 1000 und 1300 erlebte das mittelalterliche Europa eine Warmperiode, die so stark war, dass an den Hängen des Oslo-Fjords ein Riesling gedieh; in Süddeutschland seien Feigen (und Olivenbäume) heimisch geworden, und in den Feucht­gebieten Mitteleuropas vermehrten sich die Anopheles-Mücken, die Malaria-Erreger übertragen können. Und zwar selbst auf den Britischen Inseln und in Skandinavien. Im Allgemeinen zeitigte die mittel­alterliche Wärmeperiode aber positive Effekte – auch in der Schweiz. So etwa im Wallis, wo man die Spuren eines hölzernen Aquädukts fand, mit dem die Bergbauern ihre Felder bewässerten – bis es 1385 verfiel, weil die Gletscher sich wieder ausdehnten. Gegenläufig zu dieser Entwicklung war der Aletschgletscher, der zwischen 1050 und 1150 um fast zwei Kilometer anwuchs.

Selbst mit Blick auf die Wettergeschichte ist es also schwierig, eindeutige Trends auszumachen. Wie beurteilt Gerste nun den gegenwärtigen Klimawandel? Er räumt zwar ein, dass insbesondere die mittelalterliche Warmzeit und die darauf folgende Kleine Eiszeit als Belege herangezogen werden können, dass es schon immer Klimaschwankungen gab, wir also nicht von linearen Entwicklungen ausgehen können. Dennoch warnt auch der Historiker vor dem Global Warming, das «real und zumindest partiell» vom Menschen verursacht sei.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.01.2016, 23:10 Uhr

Ronald D. Gerste.
Wie das Wetter Geschichte macht. Katastrophen und Klimawandel von der Antike bis heute.
Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2015. 288 S., ca. 27 Fr.
Für eine Leseprobe klicken Sie hier.

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