Warum die Behörden bei Paul S. nicht Alarm schlugen

Seit 2010 hat die Schweiz ein Alarmsystem für Kindesentführungen. Bisher ist dieses jedoch nie zum Einsatz gekommen – auch bei Paul S. aus Solothurn nicht.

Wurde während einer Woche vermisst: Der 12-jährige Paul S. aus Gunzgen SO.

Wurde während einer Woche vermisst: Der 12-jährige Paul S. aus Gunzgen SO.

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Das Verschwinden des 12-jährigen Paul S.* aus Gunzgen SO hat die ganze Schweiz beschäftigt. Unter anderem stand auch die Frage im Raum, warum das bundeseigene Alarmsystem nicht ausgelöst wurde. Seit 2010 besitzt die Schweiz ein solches für den Fall von Kindesentführungen.

Beim jüngsten Beispiel des Schülers ist die Polizei gemäss «Schweiz am Sonntag» zunächst nicht von einer Entführung ausgegangen. Mittlerweile ist der 12-Jährige wohlbehalten wieder aufgetaucht. Die Kantonspolizei Solothurn wird am Nachmittag die Medien im Detail informieren.

Drei Bedingungen

Das Alarmsystem der Schweizer Polizei, das seit Einführung noch nie aktiviert wurde, kommt erst dann zum Zug, wenn laut Fedpol drei Bedingungen erfüllt sind:

  • Es besteht ein begründeter Verdacht, dass ein Kind entführt wurde.
  • Es besteht die Annahme, dass die entführte Person ernsthaft in ihrer physischen, sexuellen oder psychischen Integrität gefährdet ist.
  • Es gibt genügend gesicherte Informationen, dass Täterschaft und/oder Opfer nach ausgelöstem Alarm lokalisiert werden können.

Gefahr könnte sich vergrössern

Philipp Maier, Chef der Schaffhauser Kriminalpolizei und Vorsitzender der Arbeitsgruppe Entführungsalarm, sagt zur «Schweiz am Sonntag»: «In einzelnen Fällen standen einige Polizeikorps kurz davor, den Alarm auszulösen. Es gelang ihnen jedoch, über andere Wege den Täter zu lokalisieren. Zum Beispiel durch eine Handy-Ortung.»

Die Aktivierung des Alarms müsse gut durchdacht sein. Für das Kind würde schlimmstenfalls noch grössere Gefahr bestehen, falls der Entführer durch die plötzliche Aufmerksamkeit in Panik gerät.

Bedingungen für Alarm zu streng

Kritische Stimmen sagen, die Bedingungen den Alarm auszulösen, seien zu eng gefasst. Bei verschwundenen Kindern müsse schneller gehandelt werden. In einem im Februar erstellten Bericht hat der Bundesrat zu diesem Vorwurf Stellung bezogen. Die strengen Bedingungen seien gerechtfertigt, da die Bevölkerung sonst «alarmmüde» werden könnte.

Auch Kripo-Chef Philipp Maier verteidigt das System. Es müsse zwingend zwischen vermissten und entführten Kindern unterschieden werden. Erstere würden meistens innerhalb von ein paar Stunden wieder auftauchen.

*Name der Redaktion bekannt (kat)

Erstellt: 26.06.2016, 11:25 Uhr

So funktioniert der Alarm

Eine Kantonspolizei löst den Alarm aus und übermittelt Informationen dem Fedpol. Dort wird die Alarmmeldung in Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch verfasst und weitergeleitet. Die Meldungen über vermisste Minderjährige werden im Radio und Fernsehen übertragen, über Nachrichtenagenturen verbreitet und an Autobahn-Anzeigetafeln angebracht. Ausserdem gibt es Durchsagen an Bahnhöfen und Flughäfen. Auch besteht die Möglichkeit, sich per Handy für den Alarm zu registrieren.

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