Warum wir den TGV trotz allem lieben

Heute feiert der TGV seinen dreissigsten Geburtstag. SBB-CEO Andreas Meyer und andere Kenner und Stammkunden des Hochgeschwindigkeitszugs gratulieren von Herzen und mit Humor.

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Herzliche Gratulation, lieber TGV, und die besten Wünsche für die Zugkunft. Ich freue mich, dass unsere Schweizer Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter die Kundinnen und Kunden nun bis nach Paris begleiten – und von dort wieder zurück in die Schweiz.

Diese guten Geister haben mich auf eigenen Reisen in die Stadt der Liebe auch schon höflich und völlig zu Recht darauf aufmerksam gemacht, dass das Telefonieren nur auf den Plattformen erlaubt ist. Ich versuche, mich in Zukunft daran zu halten… Sorgt weiterhin Tag für Tag dafür, dass sich die Passagiere im TGV gut aufgehoben fühlen! Un grand merci!

Andreas Meyer, CEO der SBB


Schon als Berner Teenager fuhren wir häufig nach Paris. Natürlich! Mal echte Hauptstadtluft, ja Grossstadtluft schnuppern. Der Weg in die grosse weite Welt: Ein Nachtzug mit dem grossen Namen Jean-Jacques Rousseau, aber bescheidenem Tempo.

Dann plötzlich war er da, der TGV, knallorange, blitzschnell. Zumindest wenn man mal den Jura hinter sich hatte. Bern–Paris in weniger als fünf Stunden. Auf einmal befand sich die Weltmetropole praktisch um die Ecke von der Bundesstadt.

Später dann, als Korrespondent in Paris, waren die TGV nicht mehr orange, sondern blau und später, im Norden, Richtung Belgien sogar edel bordeauxrot. Erneut erwies sich dieser Zug als grossartige Errungenschaft. In zwei Stunden in Lyon, in drei in Bordeaux oder der Bretagne, in eineinhalb in Brüssel. Da gab es schlicht keine Ausrede mehr für den Frankreich-Korrespondenten, ständig auf den Pressekonferenzen des Elysée-Palastes herumzulungern, unablässig nur seine Vertrauensleute in Paris zu treffen, philosophierend nach der «Monde»-Lektüre durch den Jardin du Luxembourg zu wandeln.

Nein, auf einmal liess sich auch das wahre Frankreich, «La France profonde», besuchen, konnte man problemlos losziehen und mit Bauern und Fischern, mit Industriearbeitern und Kleinstadtbürgermeistern sprechen. Der TGV bedeutete vor allem: Schluss mit dem rein auf den Pariser Bauchnabel fixierten Frankreichbild.

Deshalb: Dieser Zug bleibt eine fabelhafte Sache! Trotz lappiger Brötchen in der tristen Steh-Cafeteria, trotz mühseliger Reservierungspflicht, trotz enger Platzverhältnisse in der Holzklasse. Schwamm drüber und: Joyeux anniversaire!

Fredy Gsteiger, früher Paris-Korrespondent der «Zeit», Chefredaktor der «Weltwoche», heute diplomatischer Korrespondent für Schweizer Radio und Fernsehen SRF in New York


Die Franzosen neigen ja dazu, auf vieles stolz zu sein, recht unbescheiden. Und zuweilen haben sie auch einigen Grund dazu. Der TGV ist so einer. Und wenn sich dieser Hybrid aus Zug und Flugzeug auch in unserem Alltag etabliert hat, so gibt es doch noch immer Momente auf der Fahrt, da mutet es so an, als würde der Zug gleich abheben. Die Felder fliegen so schnell vorbei, dass kaum Zeit bleibt, ihr Bild zu kontemplieren. Alles fliesst ineinander: konturenlos, beruhigend. Ein Kaleidoskop von Farben. Der Regen hinterlässt bei dem Tempo nicht einmal ein Rinnsal auf dem Fenster. Manchmal schüttelt er bedrohlich, der TGV, oben mehr als unten, und dann fragt man sich, was denn wäre, wenn er plötzlich vom Weg abkäme – bei 320 Stundenkilometern. Nur ganz kurz, mehr Zeit bleibt nicht.

Man wünschte sich, dass die Geruchsschwaden des Schinken-Käse-Toasts, des «Croque-Monsieur», den sie im bescheidenen Barwagen im Akkord in den Ofen schieben, nicht durch die Gänge schlichen. Man wünschte sich, dass die Kontrolleure etwas freundlicher wären, dass sie einen nicht über die Massen büssen würden, nur weil man einen früheren oder späteren Zug nahm und dafür still in Kauf nimmt, im Gang sitzen zu müssen – oder auf der «Brücke» zwischen den Wagen, wo es spätestens nach zwei Stunden Fahrt streng nach Urin riecht. Und die Toiletten: Was sind sie doch klein! Steckdosen in der 2. Klasse: Wäre das ein Luxus? Und was ist mit der Pünktlichkeit?

Aber eben: Die Lamenti wischen die Pionierleistung nicht weg, die Verbindung zwischen Stadtzentrum und Stadtzentrum, das Tempo, die Klasse, das Kaleidoskop der Farben.

Oliver Meiler, Paris-Korrespondent des «Tages-Anzeigers»


Ja, die arme Bar im TGV. Schüchtern, fast ängstlich zwängt sie sich an die Wand des Waggons. Ist es wegen des blamablen Kaffees, dem es oft genug an französischem Esprit fehlt? Wegen der freudlosen Gebäckstücke in Zellophan, die auf der schmalen Theke auf ausgehungerte Passagiere hoffen? Oder sind es die kombinierten Sättigungssets mit dem zweifellos ironischen Namen «Menü Brasserie»? Der «Landwein» zu 3,30 Euro?

Auch die Gastgeber dieser Bar legen beim Servieren oft genug die Stirn in tiefe Falten – so ganz, ganz anders als ihre Berufskolleginnen und -kollegen in den charmanten Strassencafés in Paris, so überteuert sie auch sein mögen. Le train à grande tristesse, jedenfalls kulinarisch.

Das Gute daran: Es kann nur besser werden! Mit jedem Kilometer in Richtung Seine steigt die Vorfreude auf das schöne Ziel der Reise unaufhaltsam an, und wenn der Zug wie ein Pfeil auf mehr als 300 km/h beschleunigt, stellt sich endlich, endlich dieses unverwechselbare Fast-im-Flugzeug-Gefühl ein. Zumal die Bordmenüs bei vielen Airlines kein bisschen besser sind.

Norbert Raabe, Reporter Tagesanzeiger.ch/Newsnet

Erstellt: 22.09.2011, 13:10 Uhr

Train à grande vitesse

Der TGV absolvierte seine offizielle Erstfahrt am 22. September 1981 auf der Strecke Lyon–Paris – damals noch in Orange. An Bord war auch der damalige Präsident François Mitterrand, der sich als Eisenbahnersohn von der neuen Technik begeistert zeigte. 260 Stundenkilometer fuhr der TGV damals; heute erreicht er ein Tempo von 320 Kilometern pro Stunde. Damit macht er auf Strecken wie Paris–Strassburg, wo er nur zwei Stunden und zwanzig Minuten braucht, das Flugzeug überflüssig.

Im Gegensatz zum ICE sind mit den TGVs, mit dem in drei Jahrzehnten 1,7 Milliarden Menschen fuhren, noch keine schweren Unfälle passiert. Der Zug, der inzwischen blau lackiert ist, gilt als robust: Probleme mit den Achsen oder der Klimaanlage wie der zehn Jahre jüngere ICE kennt das französische Vorzeigeprodukt nicht.

Die Innenausstattung des TGV, die im Vergleich zum ICE lange eher schlicht wirkte, wurde inzwischen aufpoliert. Modedesigner Christian Lacroix entwarf das Innere der Waggons, die auf den Oststrecken eingesetzt werden, und kleidete auch das Zugpersonal neu ein.

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