Wiener Journalist verzeigt Roger Köppel

Klaus Kamolz hielt das aktuelle «Weltwoche»-Cover zuerst für einen Internetscherz – bis er es am Kiosk entdeckte. Die Publikationen aus dem Hause Köppel werden in Österreich ohnehin genau beobachtet.

Erregt die österreichischen Gemüter: Das aktuelle Cover der «Weltwoche».

Erregt die österreichischen Gemüter: Das aktuelle Cover der «Weltwoche». Bild: Weltwoche

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Er habe das zuerst für einen Hoax im Internet gehalten, sagt Klaus Kamolz: eine Montage, mit der jemand zeigen will, wie schlimm es werden könnte. Aber nein. Als der Journalist gestern an einem Kiosk in der Wiener Innenstadt vorbeiging, sah er im Schaufenster die «Weltwoche» hängen, mit jenem Cover, das er tags zuvor im Netz noch als schlechten Scherz abgetan hatte. Auf dem Titelblatt sieht man einen Jungen mit einer Pistole und darunter die Titelzeile «Die Roma kommen».

Für ihn sei dieses Cover nicht nur übelster Rassismus, sagt Kamolz, «es hat mich persönlich beleidigt». Weil er mehr tun wollte, als seinen Zorn den Freunden auf Facebook mitzuteilen, kaufte er das Magazin, ging damit zur nächsten Polizeistation und erstattete Anzeige wegen Verhetzung «gegen die für den redaktionellen Inhalt verantwortliche Person» – also gegen den «Weltwoche»-Verleger und Chefredaktor Roger Köppel.

Wiederholte Anzeigen wegen Verhetzung

Paragraf 283 im österreichischen Strafrecht sieht für Hetze gegen eine ethnische Gruppe eine Gefängnisstrafe von bis zu zwei Jahren vor, wenn diese Hetze «für eine breite Öffentlichkeit wahrnehmbar» ist. Die «Weltwoche» ist zwar eine Schweizer Zeitschrift, wird aber an Kiosken in Wien und der Landeshauptstädte verkauft.

In Österreich wurden in letzter Zeit mehrere Gerichtsverfahren wegen Verhetzung geführt – auch gegen Ausländer. 2009 wurde die steirische FPÖ-Politikerin Susanne Winter zu einer hohen Geldstrafe und einer bedingten Freiheitsstrafe verurteilt, weil sie in einer Wahlkampfrede den Propheten Mohammed als Kinderschänder bezeichnet hatte. 2011 mussten sich der steirische FPÖ-Vorsitzende Gerhard Kurzmann und der aus Deutschland stammende, in Zürich lebende SVP-Werber Alexander Segert in Graz vor demselben Richter verantworten, weil sie nach dem Vorbild von Segerts Internetspiel «Minarett Attack» das Spiel «Moschee baba» auf die FPÖ-Website gestellt hatten. Kurzmann und Segert wurden freigesprochen. Das Spiel sei in der Schweiz «offenbar mit dem Demokratieverständnis vereinbar gewesen», begründete der Richter sein Urteil.

Vergangene Woche wurde der Spitzenkandidat der FPÖ Innsbruck wegen Verhetzung angezeigt, weil er auf Plakaten «Heimatliebe statt Marokkaner-Diebe» gereimt hatte (der TA berichtete). Eine Anzeige gegen eine ausländische Zeitung ist allerdings neu. In den 80er- und 90er-Jahren war die «Weltwoche» unter österreichischen Intellektuellen und Künstlern eine sehr beliebte Lektüre. Einige Wiener Journalisten machten auf der «Weltwoche»-Redaktion Karriere. Der politische Kurswechsel des Magazins unter Chefredaktor Köppel von links nach ganz rechts wurde deshalb in Wien besonders genau verfolgt und diskutiert.

Der «neue ‹Stürmer›»

Wohl auch deshalb provoziert das aktuelle Cover hier so starke Reaktionen. Diese Hetze habe es in Westeuropa seit 1945 wohl nicht mehr gegeben, schreibt der Publizist Robert Misik in seinem Blog (www.misik.at) und fordert von der EU, Köppel als «kriminellen Ausländer» mit Einreiseverbot zu belegen. Die in Zürich lebende Schriftstellerin Sibylle Berg bezeichnet die «Weltwoche» auf Twitter als den «neuen ‹Stürmer›». Journalist Kamolz sagt, er habe Vergleiche mit dem antisemitischen Hetzblatt der Nazis eigentlich vermeiden wollen. Aber das Cover der «Weltwoche» vermittle eine einzige Botschaft: Alle Roma sind Verbrecher. «Das ist tatsächlich ‹Stürmer›-Stil.»


Der Autor war von 2000 bis 2003 Mitarbeiter der «Weltwoche». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.04.2012, 08:29 Uhr

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