«Wir werden bis ans Ende der Welt gehen»

Über die Urheber der Anschläge in Boston ist weiterhin nichts bekannt. Das FBI will nun keinen Aufwand scheuen. Verlautet ist inzwischen, dass die Bomben aus Dampfkochtöpfen gebastelt worden sein sollen.

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Nach den Explosionen beim Marathonlauf in Boston haben die Ermittler nur zwei Bomben gefunden. Anders als von Medien berichtet habe es keine weiteren nicht detonierten Sprengsätze gegeben, sagte der Gouverneur des US-Bundesstaats Massachusetts, Deval Patrick, bei einer Pressekonferenz. Der Bostoner Polizeichef Ed Davis erklärte, dass noch niemand im Zusammenhang mit dem Anschlag festgenommen worden sei.

Die Bundespolizei FBI gab erneut keine Einzelheiten zu den Ermittlungen bekannt. «Unsere Mission ist klar: diejenigen zur Rechenschaft ziehen, die für die Bomben beim Marathon verantwortlich sind», sagte der leitende FBI-Beamte Rick DesLauriers. Die Ermittlungen würden sich auf «verschiedene Orte» in Boston und Umgebung erstrecken. «Wir gehen einer Vielzahl von Hinweisen nach», sagte DesLauriers. «Dies könnte einige Zeit dauern.»

Hausdurchsuchung

«Jeder muss damit rechnen, dass er durchsucht werden kann», sagte ein anderer Ermittler. Das FBI weite zudem sein Ermittlungsgebiet auf internationales Terrain aus: «Wir werden bis ans Ende der Welt gehen und keinen Aufwand scheuen», so DesLauriers. Zurzeit bestehe zudem keine Gefahr für weitere terroristische Anschläge – «dafür gibt es keinerlei Hinweise.»

Das FBI bat Zuschauer des Laufs weiterhin um private Videos und Fotos, um so Aufschluss über Hergang und Hintermänner des Bombenattentats zu erhalten. In einem Vorort von Boston wurde zuvor schon ein Haus durchsucht, Ermittler überprüften die Anschlagsorte auf Hinweise.

Bomben mit Metallsplittern

Nach Informationen aus Ermittlerkreisen sind die Bomben aus Dampfkochtöpfen gebaut worden. Die Sprengkörper seien in Beuteln versteckt auf den Boden gelegt worden und hätten Metallsplitter, Nägel und Kugellager enthalten, sagte ein Informant, der mit den Ermittlungen vertraut ist. Einige der Bestandteile der Bomben seien bereits bekannt, doch es sei weiterhin unklar, welcher Stoff zur Zündung verwendet worden sei, sagte er.

Ärzte bestätigten , dass die Bomben mit Metallsplittern versehen waren. Vielen Verwundeten seien «kleine metallische Fragmente» wie Nägel und Kugeln aus dem Körper operiert worden, sagte Chefchirurg George Velmahos vom Massachusetts General Hospital bei einer Pressekonferenz. «Viele von ihnen haben schwere Verwundungen, meistens im unteren Teil ihres Körpers.» Dies sei ein Zeichen dafür, dass die Bombe nahe am Boden gelegen haben müsse. Mehreren Patienten hätten die Beine amputiert werden müssen.

Die Behörden machten bislang noch keine genauen Angaben zu der Art der Sprengsätze beim Bostoner Marathon. Am Anschlagsort seien etwa 30 Spezialisten der US-Waffenkontrollbehörde ATF im Einsatz, sagte der verantwortliche ATF-Beamte Gene Marquez am Dienstag. Der Nachrichtensender CNN berichtete unter Berufung auf Ermittler, dass es sich wahrscheinlich um kleine, selbstgebaute Bomben gehandelt habe. Bei den Untersuchungen seien keine Hinweise auf professionelle Sprengstoffe wie beispielsweise C-4 gefunden worden.

Obama nennt Anschlag Terrorakt

«Jedes Mal, wenn Bomben benutzt werden, um unschuldige Zivilisten zu treffen, ist das ein Akt des Terrors», sagte Obama nach der Pressekonferenz des FBI in Washington.

Die Umstände der «abscheulichen und feigen» Tat seien aber noch unklar. «Was wir nicht wissen ist, wer diese Attacke verübt hat und warum – ob sie von einer ausländischen oder inländischen Terrororganisation geplant und ausgeführt wurde oder ob es die Tat eines bösartigen Einzelnen war», sagte Obama.

Der Präsident erklärte, die Ermittlungen stünden erst am Anfang. Alles andere sei «Spekulation». «Es wird einige Zeit dauern, jedem Hinweis nachzugehen und festzustellen, was passiert ist», sagte er. «Aber wir werden das herausfinden. Wir werden herausfinden, wer unseren Bürgern Schaden zugefügt hat. Und wir werden sie zur Rechenschaft ziehen.»

Das amerikanische Volk weigere sich, terrorisiert zu werden, sagte Obama. Er rief die Bürger dazu auf, bei der Suche nach dem Täter oder den Tätern mitzuhelfen. Wer irgendwelche Informationen habe, solle sich melden. Er ordnete an, die Flaggen an öffentlichen Gebäuden im Land bis Samstagabend auf Halbmast zu setzen.

Am Montag hatte Obama das Wort Terrorismus noch vermieden. Bei der Explosion von zwei Bomben beim Boston-Marathon waren am Montagnachmittag drei Menschen getötet worden, 176 wurden verletzt.

Bomben möglicherweise in Abfalleimern

Heute Nachmittag erklärte ein europäischer Geheimdienstmitarbeiter, dass bisher nichts auf einen Selbstmordanschlag hindeute. Allerdings sei es noch zu früh, diese Möglichkeit gänzlich auszuschliessen, sagte der Gewährsmann. Die pakistanischen Taliban, die in der Vergangenheit mit Angriffen auf die USA gedroht hatten, bestritten jegliche Beteiligung an den Bombenanschlägen. Möglicherweise seien die Bomben in Postkästen oder Abfalleimern versteckt gewesen, sagte der Bostoner Polizeichef Edward Davis.

Die beiden Bomben explodierten fast zeitgleich im Abstand von etwa 100 Metern in der Nähe der Ziellinie – rund zwei Stunden nachdem der Sieger des Marathons mit insgesamt 23'000 Teilnehmern und 500'000 Zuschauern diese passiert hatte. Der Zeitpunkt war möglicherweise gewählt worden, um möglichst viele Menschen zu treffen, denn es kamen gerade besonders viele Hobbyläufer ins Ziel.

Die Polizei durchsuchte im Zusammenhang mit den Explosionen eine Wohnung im Bostoner Vorort Revere. Dies bestätigte die Polizei, nannte aber keine Details – auch bei der heutigen Pressekonferenz nicht. Am frühen Morgen verliessen Beamte das Haus mit Papier- und Plastiktüten und einer Reisetasche.

Achtjähriger Junge unter den Toten

Nach den Explosionen an der Laufstrecke bot sich ein grauenhaftes Bild. Augenzeugen berichteten von zahlreichen Opfern, denen Arme oder Beine abgerissen worden waren. Auf dem Boden bildete sich eine riesige Blutlache. Menschen schrien und rannten in Panik durcheinander. Dichter Rauch stieg auf, zahlreiche Fenster wurden zerstört. Die Verletzungen reichten von geplatzten Trommelfellen über Schnittwunden und Prellungen bis hin zu abgetrennten Gliedmassen, erklärte ein Arzt. Papst Franziskus sprach den Opfern in einem Schreiben an den Bostoner Kardinal sein Beileid aus.

Unter den Toten war auch ein achtjähriger Junge, der nach AP-Informationen in der Nähe der Ziellinie zusammen mit seiner Mutter und seiner Schwester auf seinen Vater gewartet hatte, der bei dem Marathon mitlief. Auch Mutter und Schwester seien verletzt worden, als die zwei Bomben explodierten, hiess es. (mrs/mw/AFP/AP/sda)

Erstellt: 16.04.2013, 15:25 Uhr

Das Attentat beim Marathon von Boston hat die USA aufgeschreckt – ausgerechnet am Patriot's Day, der im Bundesstaat Massachussetts gefeiert wird. US-Korrespondent Martin Kilian erläutert die besondere Bedeutung des Tages – und wieso die USA diesmal anders vorgehen wollen als beim Attentat von Atlanta.

Amateurvideo


Aus der Sicht eines Läufers: Amateurvideo der Explosion.

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