Wird der Fall Kachelmann zur Justizaffäre?

Neue Gutachten scheinen den inhaftierten TV-Moderator Jörg Kachelmann vom Vergewaltigungsvorwurf zu entlasten. Möglicherweise war die Staatsanwaltschaft zu schnell mit ihrer Anklage.

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Seit zweieinhalb Monaten sitzt der ARD-Wettermoderator Jörg Kachelmann in Untersuchungshaft. Am 19. Mai wurde der 51-jährige Schweizer trotz Unschuldsbeteuerungen wegen Vergewaltigung seiner Freundin angeklagt. Inzwischen mehren sich allerdings die Zweifel an der zunächst eindeutig erscheinenden Vergewaltigungsversion. Dies umso mehr, als der «Spiegel» die Ergebnisse eines Gutachtens präsentiert, die die Glaubwürdigkeit der Frau stark infrage stellen. Die Schilderung des mutmasslichen Opfers erfülle nicht die Mindestanforderungen an die logische Konsistenz, Detaillierung und Konstanz, berichtet das Magazin. Die Frau habe Dinge berichtet, die handlungstechnisch unwahrscheinlich bis unmöglich seien.

Der Fall Kachelmann ist äusserst komplex und undurchsichtig. Gleichzeitig wirft die Arbeit der Staatsanwaltschaft Mannheim durchaus berechtigte Fragen auf. Aufgrund des «Spiegel»-Berichts entsteht nun der Eindruck, dass sich die Staatsanwaltschaft möglicherweise zu schnell festgelegt haben könnte. Die Anklagebehörde ging von Anfang an davon aus, dass Kachelmann ein Vergewaltiger sein muss.

Eigenes Gutachten nicht abgewartet

Von einiger Brisanz ist vor allem die folgende Tatsache: So ging die Staatsanwaltschaft mit ihrer Anklage an die Öffentlichkeit, ohne die Ergebnisse des selber in Auftrag gegebenen Gutachtens abzuwarten. Dass die Staatsanwaltschaft vor diesem Hintergrund ohne Not Anklage erhoben habe, sei ein Skandal, zitiert der «Spiegel» Kachelmann-Anwalt Reinhard Birkenstock.

Gemäss dem Medienbericht hatte es die Staatsanwaltschaft lange Zeit nicht für notwendig erachtet, ein Gutachten zu bestellen. Der zuständige Staatsanwalt, Lars-Torben Oltrogge, wollte dies offensichtlich dem Gericht überlassen. In der Anklageschrift heisst es, die Staatsanwaltschaft selbst müsse die Belastungszeugin im Grunde gar nicht aussagenpsychologisch untersuchen lassen. Schliesslich sei die Frau erwachsen und weise keine nennenswerten psychischen Krankheiten auf.

«Tatverdacht gegen Kachelmann nicht entkräftet»

Die Ergebnisse des eigenen Gutachtens, das seit letzter Woche vorliegt, beeindrucken die Anklagebehörde nicht besonders. Die Staatsanwaltschaft bleibt bei ihrer Meinung, dass «der Tatverdacht gegen Kachelmann nicht entkräftet wurde». Der junge Staatsanwalt Oltrogge gelte zwar eher als «vorsichtiger Charakter», schreibt der« Spiegel» unter Berufung auf Rechtsanwälte, die mit ihm zu tun hatten. Wenn er sich aber erst mal in etwas verbissen habe, könne er nur schwer wieder loslassen.

Die Gedächtnislücken und die sonstigen Mängel in den Aussagen der 37-jährigen Ex-Geliebten, die Kachelmann belastet, erklärt die Staatsanwaltschaft inzwischen mit der starken Traumatisierung des Opfers. Ausserdem gibt die Anklagebehörde zu verstehen, dass die Aussagen gar nicht so entscheidend seien, denn die übrigen Beweise reichten für eine Verurteilung von Kachelmann wegen Vergewaltigung aus.

Blutspuren am Messer nicht eindeutig

Eine Rolle spielt zum Beispiel ein Messer, das Kachelmann bei der mutmasslichen Vergewaltigung benutzt haben soll. Aber auch hier gibt es unterschiedliche Meinungen. So können die Blutspuren am Messer nicht eindeutig zugewiesen werden. Die Rechtsmedizin kann die Verletzungen der Frau auch weder eindeutig einer Fremdeinwirkung noch einer Selbstverletzung zuordnen. Ein weiterer Rechtsmediziner, der von der Verteidigung eingesetzt wurde, kommt sogar zum Ergebnis, dass die geschilderte Tat mit der vorgefundenen Verletzung nicht in Einklang gebracht werden könne. Die Tat könne von der Frau vorgetäuscht worden sein.

Mit solchen Zweifeln hätten die Ermittler das angebliche Opfer nie konfrontiert, schreibt der «Spiegel». Sie sollen die Geliebte von Kachelmann am 20. April zum letzten Mal vernommen haben - «und diese entscheidende Vernehmung ausgerechnet dann abgebrochen, als die Frau gerade zwei Lügen zugegeben hatte». Das Fazit des Kachelmann-Anwalts: «Hier wurde ein Unschuldiger zum Vergewaltiger gestempelt.»

Antrag auf Haftentlassung

Aufgrund der neuesten Gutachten hat der Kachelmann-Anwalt Ende Mai die Entlassung des TV-Moderators aus der Untersuchungshaft beantragt. Das Landgericht Mannheim teilte am Montag mit, es werde voraussichtlich erst kommende Woche über einen Antrag von Kachelmanns Anwalt entscheiden, den Haftbefehl aufzuheben. Dies würde allerdings noch lange nicht bedeuten, dass die Anklagebehörde den Fall Kachelmann ad acta legt.

Über die Eröffnung eines Hauptverfahrens muss das Landgericht Mannheim entscheiden. Im Fall einer Verurteilung droht Kachelmann eine Haftstrafe von fünf bis 15 Jahren. Der beliebte Wettermoderator war am 20. März auf dem Frankfurter Flughafen verhaftet worden und sitzt seither in Untersuchungshaft.

Erstellt: 07.06.2010, 12:05 Uhr

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