«Wissen nicht, was unseren Familien passiert ist»

Noch immer sind einige Inseln im Südpazifik von der Versorgung abgeschnitten: Es ist unklar, welche Schäden Zyklon «Pam» angerichtet hat. Präsident Lonsdale beschreibt die Situation in seinem Land.

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Im südpazifischen Inselstaat Vanuatu ist das Ausmass der Schäden nach dem Durchzug des verheerenden Zyklons «Pam» vom Wochenende immer noch unklar. Mindestens sechs Menschen seien ums Leben gekommen und weitere 30 verletzt worden, sagte Staatspräsident Baldwin Lonsdale. Doch auch bis zum Abend war weiter kein Kontakt zu entlegeneren Inseln des Archipels möglich. Hilfsorganisationen in der Hauptstadt Port Vila warnten, Trinkwasser und Lebensmittel würden knapp. Der Katastrophenschutz von Vanuatu beanspruchte alle verfügbaren Flugzeuge und Helikopter, um über die äusseren Inseln des insgesamt aus mehr als 80 Eilanden bestehenden Archipels zu fliegen und die dortigen Schäden abzuschätzen.

Baldwin Lonsdale sieht müde und erschüttert aus, als er am Rande der Weltkonferenz zur Katastrophenvorsorge im japanischen Sendai zum Interview erscheint. Das kann keinen überraschen - sein Heimatland im Pazifik hat der Konferenz ein erschütterndes Beispiel dafür gegeben, wie anfällig Entwicklungsländer für Katastrophen sind. Mit der Nachrichtenagentur AP spricht er über die unklare Lage in dem kleinen Archipel, Rückschläge bei der Entwicklung des Landes und die Angst um seine Familie vor der Rückkehr in die Hauptstadt Port Vila.

Wie ist die Situation auf Vanuatu im Moment?
Zyklon «Pam» hat Port Vila verwüstet. Mehr als 90 Prozent der Gebäude und Häuser in Port Vila sind zerstört oder beschädigt worden. Der Ausnahmezustand, der ausgerufen wurde, gilt nur für Port Vila. Sobald wir eine Aktualisierung über das Ausmass der Schäden in den Provinzen bekommen haben, wird auch für äussere Inseln der Notstand ausgegeben.

Gibt es neue Informationen über Opfer und Schäden?
Mehr als 1000 Menschen sind in Evakuierungszentren in Sicherheit gebracht worden. Sie werden heute irgendwann später in ihre Heimat zurückkehren, falls ihre Häuser noch stehen. Das ist die Lage in Port Vila. Es gibt sechs bestätigte Tote in Port Vila und mehr als 30 Verletzte. Ich glaube daran, dass die Zahl der Opfer nicht sehr hoch sein wird.

Hätte sich das Land besser auf den Zyklon vorbereiten können?
Dies ist ein sehr verheerender Zyklon in Vanuatu. Ich bezeichne ihn als ein Monster, ein Monster. Es ist ein Rückschlag für die Regierung und für die Menschen von Vanuatu. Nach all der Entwicklung, die stattgefunden hat, wurde all diese Entwicklung ausgelöscht. Das bedeutet, dass wir noch einmal von vorne anfangen werden.

Was wird derzeit am dringendsten auf Vanuatu benötigt?
Oberste Priorität hat der humanitäre Bedarf. Die Leute haben viel von ihrem Eigentum verloren. Kleidung, Essbesteck, Möglichkeiten zum Baden, die meisten notwendigen Haushaltsgegenstände, all das ist zerstört oder beschädigt worden. Ich bitte wirklich um humanitäre Notwendigkeiten und Unterstützung zu diesem Zeitpunkt. Abdeckplanen, Wasserbehälter, medizinische Notwendigkeiten, Werkzeuge, all das ist sehr wichtig im Moment.

Vanuatu ist anfällig für viele Naturkatastrophen, darunter Erdbeben, Vulkanausbrüche, extremes Wetter und die Erhöhung des Meeresspiegels durch den Klimawandel. Sehen Sie den Einfluss vom Klimawandel auf Ihr Land?
Der Klimawandel trägt zu den Katastrophen in Vanuatu bei. Wir sehen, dass der Spiegel des Meeres steigt. Änderungen der Wettermuster. Dieses Jahr hatten wir mehr Starkregen als in jedem anderen Jahr.

Wie fühlen Sie sich vor der Abreise in Ihre Heimat?
Sehr emotional. Mein Herz ist beim Volk. Jeder hat dasselbe Gefühl: Wir wissen nicht, was unseren Familien passiert ist. Weil es einen Zusammenbruch der Kommunikation gibt, können wir unsere Familien nicht erreichen. Wir wissen nicht, ob unsere Familien sicher sind oder nicht. Als Führer der Nation ist mein Herz bei den Menschen, bei der Nation. (thu/AP)

Erstellt: 16.03.2015, 13:54 Uhr

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