«Zu viel Schmerz für einen Neubeginn»

Die belgische Stadt Lommel hat heute von den Toten des Busunglücks im Wallis Abschied genommen. Auch Bundespräsidentin Widmer-Schlumpf war vor Ort.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Himmel stahlblau. Die Frühlingssonne strahlt. Aber Lommel kennt an diesem Tag nur Tränen. Es ist 10.30 Uhr, als der erste Sarg in einem weissen Leichenwagen vor die Sportarena «De Soeverein» gefahren wird. Soldaten heben ihn auf ihre Schultern. Die Mutter von Nicolas, die sich mit ihrem Mann dem Sarg anschliesst, vergräbt ihr Gesicht in den Händen. Ganz langsam zieht der Zug in die schwarz verhüllte Arena. 5000 Menschen haben sich dort versammelt. Hunderte weitere verfolgen die Trauerfeier auf Grossbildleinwänden vor dem Tor. Der Sarg wird vorbei getragen an einem grossen Herz aus gelben Rosen, auf der rechten Seite abgesetzt. Dazu spielt ein Pianist.

Es ist der erste von 15 Särgen, die in die Halle getragen werden. Eines der 15 Kinder war schon am Montag beigesetzt worden. Auch eine Betreuerin, die die Schulklasse begleitet hatte. Im 15. Sarg liegt die Leiche des Lehrers, Raymond, 53 Jahre alt. Sie alle kommen von der Schule in der flämischen Kleinstadt an der niederländischen Grenze.

Es dauert eine Dreiviertelstunde, bis alle Särge und Fotos von den zwei schon Beigesetzten aufgebahrt sind. Eine Dreiviertelstunde, in der die Kinder, die Erwachsenen in der Halle leise in sich hinein weinen. Dann kommt König Albert II. mit seiner Frau Paola. Auch Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf ist anwesend. Sie verneigen sich eine halbe Minute vor den Särgen, vor den Angehörigen, und geben ihnen anschliessend die Hand.

Das Wertvollste verloren

«Ganz Belgien ist in Trauer», sagt Bart Peeters, ein belgischer Fernsehmoderator und Sänger, der die Zeremonie leitet. «Es ist zu viel Schmerz für einen Neubeginn», sagt Peter Vanvelthoven, der Bürgermeister von Lommel. «Gibt es etwas Schlimmeres, als wenn Eltern das Wertvollste in ihrem Leben verlieren?»

Es ist eine leise Trauerfeier, die sich ganz den Toten und ihren Angehörigen widmet. Die Regierungschefs aus Belgien und den Niederlanden, Elio Di Rupo und Mark Rutte sind gekommen. Alexander und Prinzessin Maxima sind da; EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy, er selbst ein Belgier. Aber niemand von Ihnen ergreift während der drei Stunden das Wort, auch kein Geistlicher.

Der Berühmte Jugendchor Scala singt das Lied «Cheerful Friends». Dann stecken die Geschwisterkinder der Toten rote Rosen in das Herz aus gelben Rosen. Und dann kommen die Eltern und teilen ihre Erinnerungen. Wie die Mutter von Nicolas. Sie erinnert an seine Lieblingsspeisen. Fritten und Pfannkuchen von der Oma. «Lieber Nicolas, ich liebe Dich», sagt sie mit erstickter Stimme. «Deine Haare im Wind, Deine Hand in meiner», sagt der Vater von Jennifer. Die Klasse hatte ein Motto: «Gemeinsam stark.» Und die Kinder hatten vor ihre Abreise in den Schnee ihre Handabdrucke auf einer Karte hinterlassen. Die bunten Kinderhände sind nun auf den Grossbildleinwänden zu sehen.

Der Streit zwischen Flamen und Wallonen ruht

Eine erhitzte Debatte über die Sicherheit der Tunnel, oder ob Schulklassen besser mit dem Zug verreisen sollten, die gibt es in Belgien nicht. Das Land nimmt die Tragödie als Schicksal an. Und die Tragödie hat das Land zusammengeschweisst. Der Streit zwischen Flamen und Wallonen ist zur Ruhe gekommen. Das liegt auch an Regierungschef Di Rupo, einem Wallonen. Auch wenn er heute nicht sprach, so hat er in den vergangenen Tagen viele tröstende Reden gehalten. Auf flämisch, was ihm schwer fällt. Aber er wird von den Flamen akzeptiert.

Zum Abschluss der Trauerfeier singt der Chor den U2-Song «With or Without You». Die Menschen kehren nach Hause zurück, die Särge werden den Familien übergeben, damit sie ihre toten Kinder unter Ausschluss der Öffentlichkeit beisetzen können. Am Donnerstag wird es eine weitere Trauerfeier geben, in Heverlee bei Brüssel. Aus der Sint-Lambertus-Schule dort kamen weitere sieben Kinder und zwei Erwachsene, die in der Schweiz ihr Leben verloren. (bru/kle/AFP/sda/dapd)

Erstellt: 21.03.2012, 11:50 Uhr

Trauer in Lommel. (Video: Reuters )

Wie ein Schüler das Busunglück überlebte

Ein deutscher Schüler hat das schwere Busunglück in der Schweiz dank seiner schnellen Schutzmassnahmen überlebt. «Luca hat blitzschnell reagiert, als der Bus ins Schlingern kam. Er hat sich zusammengekauert und seinen Kopf in einem Kissen vergraben», berichtete sein Grossvater Ad van Asten der Illustrierten «Bunte».

Sein elfjähriger Enkel sei bei dem Unglück vor einer Woche schwer verletzt worden. «Das Jochbein, der rechte Oberschenkel, der linke Unterschenkel und das linke Handgelenk seien gebrochen. »Aber was sind schon Knochenbrüche, Hauptsache der Junge lebt.»

Die Familie habe erst 16 Stunden nach dem Unfall erfahren, dass Luca überlebt habe, berichtete der 78-jährige Grossvater weiter. Der Schüler habe per SMS aus der Schweiz mitgeteilt: «Hallo Ma und Pa, Oma und Opa, bin im Krankenhaus.» Inzwischen wird Luca van Asten in einer Klinik in Belgien behandelt, wo seine Familie lebt.(afp)

Bildstrecke

Artikel zum Thema

Unfallopfer sind aus dem Koma aufgewacht

Die drei Mädchen, die nach dem schweren Busunfall im Wallis in Lebensgefahr schwebten, sind nun über dem Berg. Sie sollen bald wieder in ihre Heimat zurückkehren können. Mehr...

«Ich muss weinen, wenn ich die Bilder in den Medien sehe»

Interview Beim Busunglück im Wallis starben am Dienstag 28 Menschen, 24 Personen wurden verletzt. Was löst ein Unglück von solchem Ausmass bei den Rettern aus? Tagesanzeiger.ch/Newsnet sprach mit einem der Sanitäter. Mehr...

Noch drei belgische Kinder in der Schweiz

Das Mädchen, das nach dem Carunfall im Wallis im Berner Inselspital behandelt wurde, konnte in ein belgisches Spital verlegt werden. Drei verletzte Kinder sind noch im Unispital Lausanne. Mehr...

Bildstrecke

Busunglück: So berichten belgische und holländische Medien

Busunglück: So berichten belgische und holländische Medien In Belgien und in Holland dominiert am 14. März 2012 nur ein Thema die Schlagzeilen: Das Busunglück im Wallis.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Blogs

Sweet Home Wie wärs mit einer Portion Süden?

Mamablog Was Eltern über Tik Tok wissen müssen

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Warten auf den Papst: Ein Mann schaut aus seinem Papst-Kostüm hervor. Der echte Papst verweilt momentan in Bangkok und die Bevölkerung feiert seine Ankunft. (20. November 2019)
(Bild: Ann Wang) Mehr...