Bern

Zwangsräumung in Bern: Mieter wird nicht belangt

Die Stadt Bern zahlt einen Grosseinsatz der Polizei, der das Lorraine-Quartier in Atem gehalten hat. Wie viel die Zwangsräumung kostet, ist nicht bekannt.

Die Kantonspolizei hatte einen Weg für mehrere Stunden abgesperrt. Anwohner wurden teils zu ihren Wohnungen begleitet: Ein Polizist vor einer Absperrung in Bern.

Die Kantonspolizei hatte einen Weg für mehrere Stunden abgesperrt. Anwohner wurden teils zu ihren Wohnungen begleitet: Ein Polizist vor einer Absperrung in Bern. Bild: Dominik Galliker

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Der Mann, dessen Wohnung im Berner Lorraine-Quartier am Freitag zwangsgeräumt wurde, wird nicht bestraft. Er habe nichts strafrechtlich relevantes getan, bestätigt Polizeisprecherin Alice Born. Wie viel der Einsatz der Polizei gekostet hat, können weder sie noch Marc Heeb, der stellvertretende Polizeiinspektor der Stadt Bern, sagen. Die Stadt kauft sich bei Zwangsräumungen Leistungen der Polizei ein, sagt Heeb. Im Endeffekt zahlt also der Stadtberner Steuerzahler den Einsatz. Allerdings werde nicht im Einzellfall, sondern pauschal abgerechnet.

Billig dürfte der Einsatz nicht gewesen sein: Rund zwei Dutzend Polizisten und die Spezialeinheit Enzian hatten mehr als sechs Stunden lang ein Haus am Randweg umstellt, weil es Anzeichen gab, ein älterer Mann könnte sich in seiner Wohnung verschanzt haben. Schliesslich stellte sich heraus, dass sich der Mieter nicht wehrte, sondern ein medizinisches Problem hatte.

«Fehl-Einsatz»

Ein Grossaufgebot der Polizei, um einen kranken Mann aus seiner Wohnung zu holen. Das stiess einigen Lesern sauer auf. Von einem «Fehl-Einsatz» war in den Kommentaren die Rede, von «einer Armee von hochbezahlten Fachleuten», bei denen man sich fragen müsse, ob sie schon einmal von gesundem Menschenverstand gehört haben.

«Natürlich kann man im Nachhinein sagen, dass unser Aufgebot viel zu gross war», erklärt Polizeisprecherin Alice Born. «Nur konnten wir das im Vorfeld nicht wissen.» Die Lage werde vor Ort laufend beurteilt. «Das Risiko war in diesem Fall aber sehr schwierig einzuschätzen», so Born. Viele Informationen fehlten. «Wir konnten nicht mit dem Mieter sprechen und hatten lange keine freie Sicht in die Wohnung.» Zudem habe es den «einen oder anderen Punkt» gegeben, der die Polizisten stutzig machte. So hatte der Mieter zum Beispiel drei Überwachungskameras auf seinem Balkon installiert, die den Vorplatz des Hauses filmten. Was er damit wollte, ist nach wie vor unklar. Polizeilich bekannt war der Mann jedoch nicht.

Türe war blockiert

Schon die Vorgeschichte liess nichts Gutes vermuten. Das Polizeiinspektorat der Stadt Bern hatte den Auftrag des Zivilgerichts bekommen, die Wohnung zu räumen. Die Behörde erledigt jährlich 50 bis 80 solcher Räumungen. Bei den allermeisten von ihnen machen die Mieter keine Probleme, sagt Marc Heeb.

«Wir versuchten zunächst, den Mieter per Telefon zu kontaktieren und einen Auszugs-Termin abzumachen», so Heeb. «Allerdings war er nicht erreichbar. Wir haben ihm dann eine schriftliche Mitteilung hinterlassen, wann wir das Schloss der Wohnung austauschen.» Das sei Standard. Am vergangenen Freitagmorgen klingelte ein Beamter an der Tür der Wohnung, abgesichert von zwei Polizisten der Kantonspolizei. Kein Mucks. «Als wir die Tür öffnen wollten, stellte sie an einem schweren Gegenstand an», sagt Marc Heeb. Die Tür war blockiert, liess sich nur einen Spalt breit öffnen. Die Polizisten standen vor einer heiklen Situation. Verbarrikadiert sich der Mieter in seiner Wohnung? Die Kantonspolizei übernahm das Kommando. «Die Patrouille ging auf Nummer sicher und forderte Verstärkung an», sagt Alice Born.

Die Kantonspolizei Bern hat in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen bei Zwangsräumungen gemacht. Der Fall Kneubühl im Jahr 2010: Ein Bieler Rentner wehrte sich gegen eine Zwangsräumung, verbarrikadierte sich in seiner Wohnung und verletzte einen Polizisten. Vor einem Jahr wurde ein Polizist bei einer Zwangräumung im Emmental sogar erschossen. «Diese Erfahrungen fliessen in die Lagebeurteilungen mit ein», sagt Born. «Unser oberstes Gebot ist, dass niemand verletzt wird – auch der Mieter nicht.»

Erstellt: 23.08.2012, 10:35 Uhr

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