Zwei Bistümer kritisieren «unerträgliche» Aussagen aus Chur

Der Churer Weihbischof glaubt, eine «homosexuelle Subkultur» erkläre den Missbrauch in der katholischen Kirche. Eine umfassende Studie widerspricht ihm.

Weihbischof Marian Eleganti: «... bevor wir einfach die Homosexualität als eine ebenso wertvolle Variante der Schöpfung anschauen.» Video: EWTN.TV

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Das Bistum St. Gallen hat die Aussage des Churer Weihbischofs Marian Eleganti scharf kritisiert, wonach der jahrzehntelange Missbrauch von über eintausend Kindern und Minderjährigen im US-Bundesstaat Pennsylvania «mit der Homosexualität» zusammenhänge. «Wir widersprechen und distanzieren uns deutlich von der Aussage», erklärte das Bistum am Montag auf Facebook. Eine solche Aussage sei «das Gegenteil von seriösen Anstrengungen, künftig sexuelle Übergriffe zu verhindern und die geschehenen schlimmen Taten an Opfern aufzuarbeiten», heisst es in der Stellungnahme. «Und ganz besonders verletzt es homosexuelle Menschen in ihrer Würde, das ist nicht akzeptabel.» Am Dienstag schloss sich dann das Bistum Basel der Stellungnahme aus St. Gallen mit einer identischen Erklärung an.

Der Weihbischof des Bistums Chur, das die Kantone Graubünden, Schwyz, Uri, Glarus, Obwalden, Nidwalden und Zürich umfasst, hatte vergangene Woche in einem Interview mit dem katholischen Fernsehsender EWTN gesagt: «Der Missbrauchsskandal zeigt halt doch: Es hängt mit der Homosexualität zusammen.» «90 Prozent» der Missbrauchsfälle stünden «in einem direkten Zusammenhang mit einer homosexuellen Veranlagung und Neigung». Der Weihbischof fügte hinzu, es wäre blind, zu leugnen, dass die Kirche nicht ein Problem mit der Homosexualität habe. «Vielleicht bringt uns das auch wieder ein bisschen mehr zu einer neuen Nüchternheit, bevor wir einfach die Homosexualität als eine ebenso wertvolle Variante der Schöpfung anschauen wie die heterosexuelle Ehe», so der Weihbischof.

«Homosexuelle Subkultur in der Kirche»

Eleganti verteidigte seine Aussage am Dienstag in einem schriftlichen Interview mit dem katholischen Medienzentrum kath.ch und in einer Erklärung. Er beteuerte in der Erklärung erneut, es bestehe ein Zusammenhang zwischen den Missbräuchen und einer «homosexuellen Subkultur in der Kirche». Es gehe ihm dabei um «statistische Fakten» «ohne polemische Pauschalisierungen».

Als Beleg für die erwähnten «90 Prozent», die in einem «direkten Zusammenhang mit einer homosexuellen Veranlagung» stünden, verlinkt Eleganti auf eine Auswertung des Pennsylvania-Berichts der Website Lifesitenews, die von der sozialkonservativen kanadischen Lobbyorganisation Campaign Life Coalition gegründet wurde und sich gegen die gleichgeschlechtliche Ehe einsetzt. Gemäss dieser Auswertung waren die Opfer der Priester in Pennsylvania zu drei Vierteln männlich und hauptsächlich Teenager.

«Nicht wahrscheinlicher, Minderjährige zu missbrauchen»

Diese Anteile würde sich mit der bis anhin umfassendsten Studie der Missbräuche in der katholischen Kirche in den USA decken. Der sogenannte «John Jay Report» aus dem Jahr 2011 erfasste Missbrauchsvorwürfe gegen knapp 4400 katholische Priester von 1950 bis 2002: «Die Mehrheit der Opfer (81 Prozent) waren männlich, im Gegensatz zur Geschlechterverteilung von Opfern von Sexualstraftaten in den Vereinigten Staaten», stellt die Studie fest. Tatsächlich sei nur ein kleiner Prozentsatz der beschuldigten Priester pädophil, so die Studie weiter.

Die Opfer nach Geschlecht und Alter. Bild: John Jay Report, übersetzt von Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Weitere Befunde der Studie widersprechen allerdings der Auffassung, dass dies mit homosexuellen Neigungen der Priester zusammenhänge: «Priester, die vor oder während des Priesterseminars gleichgeschlechtliche sexuelle Erfahrungen hatten, (...) missbrauchten Minderjährige nicht mit grösserer Wahrscheinlichkeit», heisst es bereits in der Einleitung. Auch klinische Daten «unterstützen nicht die Hypothese, dass Priester mit homosexueller Identität oder solche, die gleichgeschlechtlichen Sex mit Erwachsenen hatten, Kinder deutlich häufiger sexuell missbrauchen als solche mit heterosexueller Orientierung oder Verhaltensweise». In Sachen sexueller Identität sei der einzige Risikofaktor eine «verwirrte» sexuelle Identität, so die Forscher.

Eleganti ist sich dieser Befunde bewusst, er zitiert Teile davon in seiner Erklärung. Die Aussage bestätigt für ihn allerdings bloss «die menschliche Freiheit im Ausleben der eigenen sexuellen Bedürfnisse». Die statistische Frequenz «homosexueller Übergriffe» von Klerikern stelle sie nicht infrage.

Anteil der Buben variiert

Im «John Jay Report» wird eine zweite Erklärung dargelegt, wieso so viele Buben unter den Opfern waren. Generell zeigen die Zahlen, dass die Missbrauchskrise in der katholischen Kirche ab der Mitte der 1960er-Jahren bis Ende der 1970er-Jahren ihren Höhepunkt erreicht hatte. Dazu stellen die Forscher fest: «Interessanterweise kam es in den Spitzenjahren der Missbrauchskrise zu einem Anstieg des Anteils der männlichen Opfer.»

Die Opfer nach Geschlecht und Zeitraum. Bild: John Jay Report, übersetzt von Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Nun gebe es zwei Hypothesen, dies zu erklären: Die Priester suchten sich gezielt männliche Opfer – wie Elegantis Wortwahl suggeriert –, oder die Priester missbrauchten eben die Opfer, zu denen sie Zugang hatten. «Wenn die erste Hypothese zutreffen würde, so würden Hinweise darauf in den (individuellen) klinischen Daten gefunden werden.» Doch klinische Daten stützen diese Erklärung, wie erwähnt, eben gerade nicht.

Ganz generell hält die Studie fest: «Nur wenige der Priester wiesen schwerwiegende pathologische, entwicklungsbedingte oder psychologische Merkmale oder Verhaltensweisen auf, die zu ihrer Identifizierung vor der Begehung ihrer Missbräuche hätten führen können.» Am ehesten zeichneten «Intimitätsdefizite» und «das Fehlen enger persönlicher Beziehungen vor und während des Priesterseminars» die Täter aus.

Auch der Umkehrschluss scheint diese These der «homosexuellen Übergriffe» zu untergraben: Dass seit den 1980er-Jahren der Anteil an Mädchen unter den Opfern stets grösser wird, müsste gemäss der These auch heissen, dass es stetig weniger homosexuelle Priester gäbe. Nun zeigen im Bericht zitierte Studie allerdings genau das Gegenteil: Während des Zeitraums der Studie hat die Anzahl homosexueller Priester stetig zugenommen.

Kann also die zweite Hypothese die Veränderung erklären? «Wenn die zweite Hypothese zutreffen würde, dann hätten Priester (während dem Höhepunkt der Krise) vermehrt Zugang zu Buben gehabt», so die Forscher. Obwohl es schwierig sei, dies im Nachhinein zu testen, werde die These durch einige Daten gestützt. Zum einen entspreche der Höhepunkt der Missbrauchskrise «dem höchsten Alkohol-/Substanzkonsum während des Zeitraums, was mit der Literatur zum ‹situativen› Missbrauch von Minderjährigen übereinstimmt.»

Zum anderen sei zu beachten, dass bis zur Verkündung der Revisionen des kanonischen Rechts im Jahre 1983 nur männliche Ministranten zugelassen wurden. Die Daten zeigen denn auch einen deutlichen Anstieg des prozentualen Anteils von Mädchen in den späten 1990er und 2000er Jahren. Auch die Missbräuche in Pennsylvania fanden grösstenteils vor 2000 statt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.08.2018, 18:14 Uhr

Vatikan zieht Papst-Aussage über homosexuelle Kinder zurück

Der Vatikan hat eine Empfehlung des Papstes, homosexuelle Kinder psychiatrisch behandeln zu lassen, «zurückgezogen». In der offiziellen Niederschrift über die Papst-Pressekonferenz an Bord des Flugzeugs fehlte am Montag aber der päpstliche Verweis auf die Psychiatrie.

Der Papst hatte am Sonntag auf seinem Rückflug von Irland nach Rom gesagt, wenn sich Homosexualität schon in der Kindheit zeige, gebe «es viel, das mit Psychiatrie gemacht werden kann, um zu sehen, wie die Dinge liegen».

Mit seinen Äusserungen löste Franziskus Empörung aus. Bevor der Vatikan sie nachträglich abänderte, verurteilte der deutsche Lesben- und Schwulenverband (LSVD) sie als «zutiefst besorgniserregend und falsch». «Äusserungen wie diese schüren Homosexuellenfeindlichkeit», sagte Henny Engels vom LSVD-Bundesvorstand AFP am Montag. «Homosexualität ist keine Krankheit und bedarf folglich auch keiner Therapie.»

Die offizielle Niederschrift enthielt diesen päpstlichen Verweis auf die Psychiatrie jedoch nicht. Das Zitat sei geändert worden, «um den Gedankengang des Papstes nicht zu verfälschen», sagte eine Vatikan-Sprecherin. (AFP)

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