«Wenn der Niederschlag stark ist, sagen wir die Tour ab»

Freizeitsportler wurden im sankt-gallischen Fallenbach von schnell steigendem Wasser überrascht. Eine Canyoning-Gruppe konnte sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen. Zwei Teilnehmer kamen ums Leben.

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Plötzlich steigendes Wasser im Fallenbach bei Amden SG hat am Sonntag gegen 17 Uhr zwei Canyoning-Gruppen überrascht. Eine Gruppe konnte sich selbst retten, bei der anderen wurden zwei Personen weggespült. Sie wurden gegen 23 Uhr tot gefunden.

Die beiden Gruppen waren im Fallenbach zwischen Amden und Walensee am Canyoning, wie die Kantonspolizei St. Gallen mitteilte. Dabei wurden sie vom plötzlich ansteigenden Wasser überrascht. Die erste Gruppe stieg unter der Leitung der Firma Fischer Adventures in die Schlucht, wie der «Blick» heute berichtet. Ein erfahrener Guide habe die Gruppe durch die Schlucht geführt. Als das Wasser anschwoll, habe er seine Gruppe auf die Seite gerettet, obwohl nur noch 50 Meter bis zum Ausstieg fehlten, und habe seinen Chef und die Rega alarmiert.

Careteam betreut Freizeitsportler

Als der Geschäftsführer von Fischer Adventures, Stefan Fischer, an der Unglücksstelle eintraf, installierte er Fixseile und holte seinen Guide und die vier Tourenteilnehmer aus der Schlucht. Am Treffpunkt habe er von der zweiten Gruppe erfahren, die sich noch immer in der Schlucht befand. Fünf Teilnehmer der zweiten Gruppe, die gemäss einem Bericht von «20 Minuten online» mit der Alpinschule Tödi unterwegs waren, wurden von der Rettungsflugwacht geborgen. Drei von ihnen hatten sich leicht verletzt und wurden hospitalisiert. «Zum Glück konnte mein Guide Alarm schlagen, sonst wäre es für die andere Gruppe noch schlimmer ausgegangen», sagte Fischer gegenüber dem «Blick».

Ein Führer und eine Frau wurden zunächst vermisst. Suchtrupps des Schweizerischen Alpenclubs, der Feuerwehr, der Seerettung und der Polizei durchkämmten die Gegend. Die Suche vom Helikopter aus musste wegen schlechten Wetters eingestellt werden. Gegen 23 Uhr fanden die Suchtrupps die Leichen. Bei den beiden Toten handelt es sich um den 24-jährigen Guide und eine 23-jährige Touristin aus Deutschland. Bei dem Guide handelt es sich um einen schweizerisch-belgischen Doppelbürger mit Wohnsitz in der Schweiz, wie Hanspeter Krüsi, Kommunikationschef der St. Galler Kantonspolizei, gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagt.

Gemäss einer Mitarbeiterin der Alpinschule Tödi arbeitete der verunglückte 24-jährige Tourguide seit drei Jahren bei der Firma, zuerst als Hilfsguide, danach als Guide. Sie ist sich sicher: «Das Wasser muss komplett überraschend gekommen sein. Denn oberhalb der Unfallstelle hätte der Guide aussteigen und uns mit dem Handy alarmieren können», sagte sie gegenüber «20 Minuten online». Der Handyempfang sei dort gut, deshalb glaubt die Mitarbeiterin, dass sich der Guide sofort bei ihnen gemeldet hätte, hätte er die Lage als problematisch eingeschätzt. Ein Careteam betreute die geretteten Freizeitsportler.

Bei Regen werden Touren in der Regel abgesagt

Wie Polizeisprecher Krüsi sagte, hatte es in der Region am Sonntagnachmittag stark geregnet. Eine Unwetterwarnung sei jedoch nicht erfolgt. Der genaue Unfallhergang ist Gegenstand von Ermittlungen. Wie die Staatsanwaltschaft heute mitteilt, hat sie ein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung eingeleitet. Die Prüfung richte sich aber nicht gegen bestimmte Personen oder Akteure. Zur Abklärung, ob die involvierten Firmen alle nötigen Vorsichtsmassnahmen ergriffen hatten, würden auch Sachverständige für Canyoning befragt.

Dass die Gruppen trotz starken Regens in die Schlucht eingestiegen sind, erstaunt sowohl Einheimische als auch Experten. Anwohnerin Lydia Büsser sagt im Video-Interview (siehe Box), sie habe am Mittag beobachtet, wie die Leute in die Schlucht eingestiegen sind. «Da sagte ich zu meinem Mann, dass ich bei diesem Wetter nicht in die Schlucht gehen würde, denn der Bach wird innerhalb einer Stunde reissend gefährlich», erklärt sie. Auch der Schweizer Canyoning-Pionier und Inhaber von Swissraft Services, Daniel Chézière ist überrascht: «Ich kenne zwar den genauen Hergang in diesem Fall nicht, aber bei uns gibt es klare Regeln; wir checken das Wetter 24 Stunden im Voraus und wenn der Niederschlag stark ist, sagen wir die Tour ab», sagt er gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Regenwarnung der Stufe 2 von Meteo Schweiz

Dabei spiele es keine Rolle, ob es im Moment des Tourbeginns trocken sei oder nicht – wenn es einen Tag vorher stark geregnet habe, werde die Tour abgesagt. Zudem sei der Ablauf im Fall einer schlechten Wetterlage in seiner Firma seit 30 Jahren gleich geregelt: «Der Tourenchef entscheidet, ob eine Gruppe in den Canyon einsteigt oder nicht, ich als Geschäftsführer erhalte diese Information erst einige Stunden später», erklärt er. Dies sei so geregelt, damit nicht allfällige finanzielle Interessen beim Durchführungsentscheid mit einfliessen, sagt er. «Der Guide erhält bei uns sowieso seinen Lohn, egal ob die Tour stattfindet oder nicht», führt er aus. Er könne sich aber vorstellen, dass gerade bei kleineren Unternehmen oder Guides, die selbständig arbeiten, der finanzielle Druck eine Rolle spielt.

Meteo Schweiz hatte gestern Abend für das betreffende Gebiet eine Regenwarnung der Stufe 2 (von 5) herausgegeben. Dies entspreche einer Regenmenge zwischen 30 bis 50 Liter pro Quadratmeter innerhalb von 24 Stunden. «Eine solche Niederschlagsmenge kommt in der Herbstsaison einige Male vor, es bestand keine akute Gefahr», sagt Christophe Voisard gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Je nach lokalen Gegebenheiten müsse die Situation aber anders beurteilt werden. Meteo Schweiz verschickt ihre Wetterwarnungen per SMS und E-Mail an ihre Abonnenten, Interessierte finden die aktuellsten Wettermeldungen aber auch auf der Hompage oder können sie telefonisch erfragen.

Stefan Fischer von der Fischer Adventures sagte heute gegenüber den Medien, er haben in seiner 22-jährigen Canyoning-Erfahrung noch nie erlebt, dass der Fallenbach in Amden derart schnell so kräftig anstieg. Als die Gruppen in den Bach stiegen, habe es kaum geregnet. Beide Gruppen seien zudem gut vorbereitet gewesen und mit erfahrerenen Gruppenführern in den Bach gestiegen. Fischer nimmt an, dass im kalkigen Untergrund der Schlucht eine grosse Menge Wasser einen unterirdischen Weg in den Fallenbach fand und so dessen Pegel ansteigen liess. Geologen würden dies untersuchen. Dies bestätigte auch Hanspeter Krüsi, Sprecher der Kantonspolizei St. Gallen, gegenüber der Nachrichtenagentur sda.

Guide wurde nicht durch den Verband ausgebildet

Die Swiss Outdoor Association, der Verband des Adventure- und Outdoor-Gewerbes, organisiert immer wieder Ausbildungskurse für angehende Canyoning-Guides. Laut Chézière werden die Guides an diesen Kursen auch in Wetterkunde unterrichtet. Chézière hat während mehrerer Jahre selbst solche Ausbildungen geleitet. «Wir wollen im Canyoning den gleichen Ausbildungsstandard wie bei den Bergführern erreichen», sagt er. Trotzdem, Unfälle könnten leider immer wieder passieren, hält Chézière fest. Das Gebiet in Amden sei ein sehr beliebtes Gebiet, weil es sowohl für Anfänger als auch für Fortgeschrittene begehbar sei, erklärt er.

Laut Auskunft der Swiss Outdoor Association (SOA) ist die Alpinschule Tödi aber nicht bei ihnen Mitglied. «Auch der Guide wurde nicht bei uns ausgebildet», sagte Wolfgang Wörnhard, Geschäftsführer der SOA, gegenüber «20 Minuten». Warum die Alpinschule Tödi nicht Mitglied bei der SOA ist, wollte Wörnhard nicht beantworten.

Erinnerungen an den Saxetbach

Beim Canyoning geschehen immer wieder Unfälle – der neueste von Amden erinnert fatal an die Katastrophe in der Saxetschlucht bei Wilderswil im Berner Oberland am 27. Juli 1999. Damals starben 21 Menschen im Alter von 19 bis 32 Jahren. Auch in diesem Fall war der Bach nach heftigem Regen angeschwollen und hatte die 45-köpfige Expedition mitgerissen. Ein Todesopfer, eine 25-jährige Australierin, konnte nie geborgen werden.

Beim Canyoning werden Schluchten begangen. Dazu gehören meist Kletter- und Rutschpartien, aber auch Sprünge ins Wasser und Schwimmpassagen.. (heb/chk/sda)

Erstellt: 08.10.2012, 03:00 Uhr

Stefan Fischer, Geschäftsführer bei Fischer Adventures, erklärt, was mögliche Gründe für den Canyoning-Unfall gestern Abend waren. (Video: Keystone)

Bildstrecke

Canyoning-Unfälle in der Schweiz

Canyoning-Unfälle in der Schweiz Immer wieder kommt es in Schweizer Schluchten zu tödlichen Unfällen wegen überraschenden Hochwassers. Eine Übersicht.

Zwei Augenzeugen des Canyoning-Unglücks äussern sich über den Schicksalsabend und die Gefahren des Fallenbachs bei Regen. (Video: Keystone)

Infobox

Der Unglücksort: Der Fallenbach bei Amden im Kanton St. Gallen.

Gefährliches Canyoning

– Am 27. Juli 1999 waren im Saxetbach 45 Abenteurer mitgerissen worden, als nach einem Gewitter das Gewässer anschwoll. 18 Touristen und drei Guides kamen ums Leben. Sechs Chefs des Veranstalters wurden später von einem Gericht in Interlaken BE der fahrlässigen Tötung schuldig gesprochen und zu bedingten Gefängnisstrafen und zu Bussen verurteilt.

– Am 7. August 2001 wurden ein Vater und seine Tochter aus Luzern beim Canyoning im Wildbach Nara bei Osogna TI von den Wassermassen mitgerissen und ertranken, als ein Kraftwerk sein Staubecken entleerte. Sie hatten sich offenbar nicht eingehend bei dem Werk informiert.

– Am 30. April 2003 starb ein 54-jähriger Niederländer im Onsernone-Tal im Tessin bei einem Canyoning-Unfall. Er war beim Abseilen abgestürzt.

– Am 11. Juni 2004 verunfallte im Valle Malvaglia TI ein 33-jähriger deutscher Tourist beim Canyoning tödlich. Er war beim Abseilen von einer Brücke von den Wassermassen fortgerissen worden.

– Am 24. August 2006 kam ein 48-jähriger Mann aus dem Kanton Neuenburg bei einem Canyoning-Unfall im Tessiner Maggiatal ums Leben.

– Am 8. Juni 2008 verunfallte ein 36-jähriger neuseeländischer Canyoning-Guide im Stampbach bei Sigriswil BE tödlich. Er war zusammen mit einem Kollegen in die Schlucht gestiegen und verschwand plötzlich.

– Am 14. Juni 2008 mussten SAC und Rega zwei 15- und 18-jährige Brüder beim Canyoning in den Bergen bei Bellinzona retten.

– Am 21. Mai 2009 blieben neun Belgier auf einer Canyoning-Tour im Maggiatal stecken und mussten von der Rega gerettet werden.

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