Ärger mit verstossener AfD-Hirse

Boykotte sind eine Form der Abstimmung mit dem Portemonnaie. Man muss sie allerdings vorsichtig einsetzen.

Korn des Anstosses: Hirse aus politisch problematischer Produktion. Foto: Roman Tsubin (Moment RF, Getty Images)

Korn des Anstosses: Hirse aus politisch problematischer Produktion. Foto: Roman Tsubin (Moment RF, Getty Images)

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Vielleicht reichen weder die Demeter-Auszeichnung noch das Aus-der-Region-Label, vielleicht genügt selbst die geplante Lebensmittelampel nicht als Grundlage, um ausgewogene Kaufentscheide zu fällen. Denn eine Information fehlt: Aus welcher politischen Ecke kommt das Produkt?

Kürzlich haben mehrere deutsche Bioläden (darunter auch die in der Schweiz tätige Kette Alnatura) das Mehl der Spreewälder Hirsemühle aus dem Angebot gestrichen. Der Chef dieser Firma ist ein Funktionär bei der rechtspopulistischen AfD, wirkt als lokaler Parteivorstand. AfD-Politiker leugnen immer wieder, dass der Mensch den Klimawandel verursacht. Diese Haltung, so argumentieren die Bioläden, widerspreche den Werten des biologischen Landbaus.

Auch Rechte boykottieren

In AfD-Kreisen kam das schlecht an. Der Boykott erinnere an den Nazi-Aufruf «Kauft nicht bei Juden», er sei freiheitsfeindlich und antidemokratisch. Ein Missverständnis. Boykotte sind Abstimmungen via Portemonnaie, Demokratie mit den Mitteln des Kapitalismus. Das deutsche Bundesverfassungsgericht schützt sie als Ausdruck der Meinungsfreiheit. Als einer der ersten erkannte der amerikanische Quäker und Sklaverei-Gegner Benjamin Lay ihre Wirksamkeit. Mitte des 18. Jahrhundert hörte er auf, die Produkte von Plantagen zu kaufen, die Sklaven einsetzten. Seither gehören Konsumentenstreiks zum politischen Protest-Repertoire.

In aufgeheizten Zeiten wird besonders viel boykottiert. Schweizer LGBTQ-Aktivisten und Jusos haben kürzlich empfohlen, keine Schokolade mehr bei Läderach einzukaufen. Der Chef dieses Familienbetriebs sitzt im Vorstand des Marschs fürs Läbe, einer Veranstaltung, die sich auch gegen Homosexuelle richtet. Man wolle mit dem Schoggikonsum nicht die eigenen Gegner finanzieren, heisst es.

Problematisch werden Boykotte, wenn sie Menschen für Eigenschaften bestrafen, die sie nicht ändern können.

Aber auch Rechte boykottieren. Im Internet finden sich Listen mit über 30 Firmen (zum Beispiel Lindt, Aldi oder H & M), von deren Produkten deutsche Nationalisten abraten. Oft liegt der Grund darin, dass sich diese Unternehmen für kulturelle Vielfalt ausgesprochen haben.

Problematisch werden Boykotte, wenn sie Menschen für Eigenschaften bestrafen, die sich diese nicht ausgesucht haben und nicht ändern können. Aus der AfD kann man austreten, aus der eigenen Herkunft nicht. Darin besteht der entscheidende Unterschied zwischen dem Boykott von AfD-Hirse und einem «Kauft nicht bei Juden»-Aufruf.

Boykotte sind nicht immer sinnvoll

Allerdings ist es mindestens so anspruchsvoll, die politische Farbe eines Unternehmens zu bestimmen, wie den CO2-Abdruck eines Zehn-Korn-Müeslis. Zählt nur die Parteizugehörigkeit der Chefin? Oder auch jene der Angestellten und Aktionäre? Bestraft man mit einem Boykott nicht auch all jene Mitarbeitenden, die anders denken? Wie weit muss sich die politische Position einer Firma von der eigenen entfernen, bis man auf ihre Produkte verzichtet? Braucht es ein Label, um Unternehmen ideologisch einzuordnen? Müsste es in diesem Fall Kontrolleure geben, die die Einhaltung weltanschaulicher Grundsätze prüfen? Und ist es nicht ein bisschen billig, sich als politischer Mensch zu fühlen, nur weil man gewisse Produkte nicht kauft?

Schwierige Fragen. Daher ergeben Boykotte nur in eindeutigen Fällen Sinn. Zum Beispiel, wenn ein Bio-Unternehmer einer Partei angehört, die den Umweltschutz sabotiert.

Erstellt: 13.10.2019, 21:21 Uhr

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