Alkohol-Exzesse, Sexismus und Waffen im Tessiner Klassenlager

Das Lager einer Baselbieter Sekundarschule ist in Locarno dermassen ausgeartet, dass es abgebrochen werden musste.

Auszug aus dem Klassenchat: Alkohol, Drohungen und sexistische Gewaltsprache (l.), das Schulhaus in Oberwil (r.).

Auszug aus dem Klassenchat: Alkohol, Drohungen und sexistische Gewaltsprache (l.), das Schulhaus in Oberwil (r.).

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Während des Abschlusslagers einer Sekundarschulklasse sowie einer progymnasialen Abteilung aus Oberwil/Hüslimatt BL kam es zwischen dem 17. und 21. Juni in Locarno zu Exzessen. Alle Schülerinnen und Schüler mussten vorzeitig nach Hause zurückkehren.

Rädelsführer der Sek-Klasse kauften während einer Shoppingtour im italienischen Luino «Waffenattrappen», wie die Schule schreibt, oder «etwas wie Luftgewehre oder Softguns», wie eine Schülerin auf Anfrage sagte. Jedenfalls bot die Lehrerschaft die Polizei auf: Es gab polizeiliche Verhöre und Hausdurchsuchungen, worauf «beträchtliche Mengen von Alkohol» sichergestellt wurden.

Empörte Eltern, übler Sexismus

«Der Entscheid, das Klassenlager abzubrechen, wurde letztlich aufgrund des Auffindens grösserer Mengen Alkohol getroffen», bestätigt Schulleiterin Doris Kungl die Exzesse. Aber weder über die polizeilichen Einvernahmen der Jugendlichen noch über das vorzeitige, kollektive Nachhause-Schicken der Schülerschaft hatte die Schule die Erziehungsberechtigten benachrichtigt. Das empört die Eltern.

Nach dem Entschluss, das Lager abzubrechen, ging es auf Snapchat und im klasseninternen Chat so richtig los. «Hs – klass ohni lehrer», wobei Hs für «Hueresohn» gilt. Mädchen, die die Exzesse kritisierten, und Schulkollegen, die ihren Alkohol ohne Widerstand herausrückten, wurden von ihren Kollegen fertiggemacht. «Wiiber, haltet d Schurre, ihr händ keini Rächt», steht da. «Müend ihr gfistet (Vaginalverkehr mit der Faust) wärde odr was ish los» wurde gedroht, bald gefolgt von zahlreichen pornografischen Bildern.

Schwere Vorwürfe an die Schulleitung

Die Schulleitung stellt es inzwischen den Eltern der Jugendlichen, die im Chat bedroht wurden, «frei, gegen die Urheber Anzeige zu erstatten», und geht auf Distanz zu diesem Forum, auf dem die Jugendlichen eigentlich ihre schulrelevanten Informationen austauschen. «Die Schüler tragen allein die Verantwortung für die Publikation in den sozialen Medien und sollen entsprechend zur Rechenschaft gezogen werden», heisst es in einem Informationsbrief der Schulleitung, den diese den Eltern einen Tag nach der verfrühten Rückkehr zugestellt hat.

Dieser Informationsbrief von Kungl hat bei jenen Eltern, deren Kinder nicht an den Exzessen beteiligt waren, das Fass zum Überlaufen gebracht: Zu verharmlosend, zu oberflächlich beschreibe die Schulleitung die Ausschreitungen im Tessin, wirft man Kungl vor. «Von wegen Waffenattrappen, wie es im Brief heisst; mit den Gewehren wurde auf eine Taube und eine Ente geschossen», sagt ein Mädchen.

Dies wird auch im Klassenchat bestätigt: «Der darf auf Tauben schiessen, weil er Bauer ist», schreibt einer, worauf der mutmassliche Täter mit zwei Smileys reagiert. «Aber dann behauptet die Schulleitung, ‹es hat zu keinem Zeitpunkt Gefahr für die Jugendlichen bestanden›», empört sich eine Mutter. Das Herunterspielen ziehe sich wie ein roter Faden durch die Schule: «In der Sek Oberwil müssen die Gemobbten büssen, nicht die Täter.»

Vorwurf der Unverhältnismässigkeit

Zudem hätte die Schulleitung ihren Lehrern zu leichtfertig den Persilschein ausgestellt mit dem Satz: «Unsere Lehrpersonen haben durch ihr zweimaliges sofortiges Einschalten der Polizei, die Information an die Schulleitung und den Abbruch der Klassenlager professionell und korrekt gehandelt.» Mitnichten, wird kritisiert; die Schulleitung habe es verpasst, die Eltern über die verfrühte Rückkehr zu orientieren: «Das haben wir nur durch unsere Tochter erfahren. Es war ein Hin und Her.»

Die Schule habe unverhältnismässig reagiert, erklärt umgekehrt ein Anwalt eines Jugendlichen, der sich bloss eine «Chäbselipistole» gekauft hat, wie dieser sagt. Dazu brauche es keine polizeiliche Einvernahme. Zudem hätten die Eltern immerhin noch das Recht, informiert zu werden, wenn der Sohn verhört wird, kritisierte er.

Rassismus im Zugabteil

Nach Recherchen haben sich die Probleme dieser Klasse schon längst vor dem Lager abgezeichnet. Während rund zwei Jahren sei die Klasse gewissermassen in Geiselhaft der Rädelsführer gewesen, erklären Eltern. Unzählige Male hätte die Klassenlehrerin diese Buben verwarnt «zum letzten Mal, sonst kommt ihr nicht ins Tessin mit». Aber ihren Worten folgten nie Konsequenzen.

Dann, während der Zugreise, als sich eine Ausländerklasse ins Abteil setzte, höhnten Kameraden aus der Oberwiler Sek, während man sich die Nase zuhielt: «Sie stinken nach Schinken, ihr Ausländer habt kein Recht, hier zu sein.» Die Lehrerin habe nicht interveniert, sondern sei im Abteil sitzen geblieben und habe zum Fenster hinausgeschaut. «Die Lehrer packen die Probleme nicht an, und als Eltern hat man Angst, die Dinge anzusprechen, weil sich das für die Kinder nachteilig bis in die nächste Schulstufe auswirkt», will eine Mutter festgehalten haben.

Die Fragen zur Informationspolitik und zum Umgang an der Schule wollte weder die Schulleitung noch die Lehrerin beantworten. Die Einkäufe auf dem Touristenmarkt in Luino seien eigenmächtig erfolgt, hält Kungl aber fest.

Erstellt: 03.07.2019, 11:23 Uhr

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