Als wäre ganz Frankreich auf der Flucht

70,8 Millionen Menschen waren laut dem UNHCR 2018 auf der Flucht. Das ist die höchste Zahl seit Beginn der Zählung 1950.

Zirka 1000 Migranten kommen hier täglich an: Flüchtlinge rennen beim Fluss Rio Grande illegal über die Grenze von Mexiko und der USA ins texanische El Paso. (20. Mai 2019)(Quelle: AFP/Mario Tama)

Zirka 1000 Migranten kommen hier täglich an: Flüchtlinge rennen beim Fluss Rio Grande illegal über die Grenze von Mexiko und der USA ins texanische El Paso. (20. Mai 2019)(Quelle: AFP/Mario Tama)

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Immer neue Krisen, keine Lösungen: Die Zahl der Flüchtlinge weltweit wächst auf einen neuen Rekord. Laut einem UNO-Bericht gab es im vergangenen Jahr weltweit 70,8 Millionen Flüchtlinge, Vertriebene und Asylbewerber.

Das seien 2,3 Millionen mehr als ein Jahr zuvor und doppelt so viele wie vor 20 Jahren, erklärte UNO-Flüchtlingskommissar Filippo Grandi am Mittwoch. Es ist zugleich die höchste Zahl von Flüchtlingen, die das UNO-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) seit seiner Gründung im Jahr 1950 gezählt hat.

Aus dem jährlichen Flüchtlingsbericht «Global Trends», der am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde, geht hervor, dass es sich bei 41,3 Millionen Flüchtlingen um Binnenvertriebene handelt. 25,9 Millionen Menschen sind vor Krieg und Verfolgung aus ihrem Land geflohen, ein Plus von 500'000 im Vergleich zum Vorjahr. Die kleinste Gruppe bilden 3,5 Millionen Asylbewerber, die noch auf eine Entscheidung über ihr Asylgesuch warten.

Vier von fünf Geflüchteten kamen in Nachbarländern unter, nicht in Europa oder den USA, wie Grandi betonte. Die grösste Bürde trügen nicht die westlichen Länder, in denen viele Politiker heute von einer Krise sprächen, die nicht mehr zu bewältigen sei. Reiche Länder haben nach UNHCR-Angaben zusammen 16 Prozent der Flüchtlinge aufgenommen. Ein Drittel der Flüchtlinge weltweit habe Zuflucht in den ärmsten Ländern gefunden.

«Krise der Solidarität»

Die Daten «unterstreichen, dass die Zahl der vor Krieg, Konflikten und Verfolgung fliehenden Menschen langfristig steigt», erklärte Flüchtlingskommissar Grandi. Er kritisierte eine «Krise der Solidarität». Die Welt sei zunehmend polarisiert: «Der UNO-Sicherheitsrat kann nicht einmal mehr gemeinsame Positionen finden, wenn es um humanitäre Fragen geht.»

Es gebe trotz einer oft vergifteten Sprache im Zusammenhang mit Flüchtlingen und Migranten aber auch «phantastische Beispiele von Grossmut». «Auf diesen positiven Beispielen müssen wir aufbauen und unsere Solidarität für die vielen Tausenden, die jeden Tag vertrieben werden, verdoppeln», forderte Grandi.

Die grösste Zahl Flüchtlinge wurden wie in den Jahren zuvor von der Türkei aufgenommen (3,7 Millionen), gefolgt von Pakistan (1,4 Millionen), Uganda (1,2 Millionen), Sudan und Deutschland (beide 1,1 Millionen).

Meiste Eritreer in Äthiopien

Der Bericht nennt auch Zahlen zur Schweiz: Demnach lebten im Land im vergangenen Jahr 16'600 geflüchtete Syrerinnen und Syrer, 12'300 Afghaninnen und Afghanen sowie 34'100 Eritreerinnen und Eritreer.

Eritrea wird in der Reihe der wichtigsten Herkunftsländer als neuntes bezeichnet. Wichtigste Zufluchtsländer von Geflüchteten aus Eritrea sind das Nachbarland Äthiopien, Sudan und Deutschland - dahinter folgt in dem Bericht die Schweiz.

Die Zahl der neuen Asylanträge von Venezolanern ist nach UNHCR-Angaben auf 350'000 explodiert. Das sind mehr als drei mal so viele wie im Jahr davor. Venezolaner machten damit ein Fünftel aller neuen Anträge weltweit aus, und sie waren mit Abstand die grösste Gruppe von Asylsuchenden, gefolgt von Afghanen und Syrern.

Weltweit die meisten neuen Asylanträge wurden wie im Jahr davor in den USA gestellt, gut 250'000. Auf dem zweiten Platz stand Peru wegen des Andrangs von Venezolanern, gefolgt von Deutschland, so das UNHCR. Hier kamen die meisten neuen Anträge von Syrern, Irakern und Iranern.

Neben den Geflüchteten gibt es weltweit Migranten, die bessere Arbeits- und Lebensbedingungen im Ausland suchen. Ihre Zahl schätzte die UNO-Organisation für Migration (IOM) 2017 auf 258 Millionen weltweit.

«Die Killer verfolgen ihre Opfer bis in die Notaufnahme» Die honduranischen Städte Tegucigalpa und San Pedro Sula gehören zu den gefährlichsten Städten der Welt. Unser Karikaturist Felix Schaad war vor Ort und hielt die katastrophalen Zustände in einem Comic fest. (Abo+) (aru/sda)

Erstellt: 19.06.2019, 09:15 Uhr

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