Selbst Schneekanonen versagen

Warm, grün, schneelos: Kommt nun die grosse Zeit des Gras-Skis und des rollenden Teppichs?

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Ob Zermatt VS oder St. Moritz GR – viele Schweizer Skigebiete leiden in der wichtigen Vorweihnachtszeit erneut unter Schneemangel. Auf einer Doppelseite präsentierte der «SonntagsBlick» gestern deprimierende Luftbilder matschig-brauner Wintersportorte. Und Adolf Ogi, Alt-Bundesrat und langjähriger Skiverbandsdirektor, sprach gegenüber der «Schweiz am Sonntag» von einem «dramatischen» Rückgang bei den Gästezahlen 2015.

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Für die meisten Binnentouristen gilt allerdings: Gebucht ist gebucht. Unterländer werden dieser Tage unverdrossen in die Berge fahren – bepackt mit teurer Skiausrüstung und der Hoffnung, dass der Schnee dann doch noch fällt. Dass Skifahren wirklich einmal nicht möglich sein könnte, mögen wir nicht akzeptieren.

Dabei können bei zu warmen Temperaturen selbst Schneekanonen kaum mehr helfen. Die erschwerten klimatischen Bedingungen machen die künstliche Beschneiung teurer und schwieriger. Der Energie- und Wasseraufwand ist hoch. Auch auf Kunstschnee kann man sich nicht immer verlassen.

Gras-Ski oder Hallenbad

Es müssten Angebote her, die ohne Schnee auskommen. Adolf Ogi fordert eine Notkonferenz zur Zukunft des Schweizer Tourismus: «Man hat den Ernst der Lage noch nicht erkannt.» Dies, obwohl eine Studie des Staatssekretariats für Wirtschaft und der Universität Bern schon 2009 zum Schluss kam, dass der Klimawandel zumindest die voralpinen Skigebiete hart treffen wird. In Deutschland forderte das Umweltbundesamt die Skiorte schon 2009 auf, «endlich aufzuwachen».

Doch ein Plan B ist rascher gefordert als gefunden. Im deutschen Erzgebirge werden diesen Winter wieder Gras-Ski verliehen. Damit lässt sich ein schneefreier Hang mutig angehen. Viel Eleganz und Tempo allerdings scheint dabei nicht aufzukommen; die Nachfrage hält sich in Grenzen.

Viele Regionen versuchen, nicht den Winter neu zu erfinden, sondern den Sommer zu verlängern. Lokale Tourismusbüros empfehlen Wandern, Nordic Walking, Wellness und Museumsbesuche. In Gstaad und Adelboden gab es letzte Saison mangels Schnee Guetsli-Backanlässe für die Kinder und Bierbraukurse für die Eltern. Anderswo werden Skischüler ins Hallenbad verlegt und die Grossen in Kletterhallen, Kartbahnen und Gleitschirmschulen gelotst. Adelboden hat letztes Jahr einen Prospekt gedruckt: «Winterferien einmal anders». Ob man auch dieses Jahr wieder ein solches «No-Snow-Programm» aufstelle, sei offen, heisst es bei Adelboden Tourismus. Derzeit habe es Schnee.

Der Sommertourismus bringt weniger Geld. Wer wandert, braucht keine Tageskarte. Zudem finden sich schöne Spazierlandschaften und gute Luft vielerorts in Europa. Seit Jahren überlegen die Schweizer Touristiker deshalb, wie sich das Land auch im Sommergeschäft so gut positionieren könnte wie im Winter.

Ab in die Halle

Vielleicht am schwierigsten gestaltet sich die Umpolung des Kunden. Er möchte eigentlich keinen Sommer im Winter, sondern eben Wintersport, wie bisher. Das Leuchten des Schnees gehört genauso dazu wie der Fahrtwind während der Abfahrt.

Skeptiker glauben, so etwas werde man bald nur noch im Simulator erleben. In Deutschland vermelden Skihallen wie das Alpincenter im flachen Bottrop Zulauf. In der Schweiz gibt es bisher nur die «Swiss Indoor Skiing»-Anlage im Jungfraupark Interlaken. Sie läuft ganz ohne Kunstschnee, dafür mit einem rollenden Teppich. Bis jetzt, erklärt die Betreiberin Inventra AG, habe sich die Nachfrage trotz Schneemangels in den Bergen nicht gesteigert. Doch wer weiss: Wenn die Hänge grün bleiben, entdecken manche Skifahrer vielleicht den weissen Teppich.

Erstellt: 21.12.2015, 06:53 Uhr

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