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Attentäter planten wohl weitere Anschläge

Die Anzeichen mehren sich, dass die Tsarnaev-Brüder beim Anschlag in Boston alleine handelten. Die Ermittler gehen davon aus, dass die beiden noch mehr Attentate verüben wollten.

In diesem Spital in Boston liegt der schwer verletzte Dzhokhar Tsarnaev, nachdem ihn die Polizei nach stundenlanger Jagd festnehmen konnte. (19. April 2013)
In diesem Spital in Boston liegt der schwer verletzte Dzhokhar Tsarnaev, nachdem ihn die Polizei nach stundenlanger Jagd festnehmen konnte. (19. April 2013)
Keystone
Wiesen eine Mitverantwortung von sich: Rebellen im Kaukasus. Auf diesem Bild mit Doku Umarow (Mitte), ehemaliger tschetschenischer Präsident, der heute als Anführer der Widerstandskämpfer gegen Russland gilt. (Archivbild)
Wiesen eine Mitverantwortung von sich: Rebellen im Kaukasus. Auf diesem Bild mit Doku Umarow (Mitte), ehemaliger tschetschenischer Präsident, der heute als Anführer der Widerstandskämpfer gegen Russland gilt. (Archivbild)
AFP
Einsatzbereit: Polizisten sichern die Strassen des Bostoner Vororts, auch gepanzerte Fahrzeuge wurden in Stellung gebracht. (19. April 2013)
Einsatzbereit: Polizisten sichern die Strassen des Bostoner Vororts, auch gepanzerte Fahrzeuge wurden in Stellung gebracht. (19. April 2013)
AFP
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Die mutmasslichen Bombenattentäter des Boston Marathons haben nach Einschätzung der Ermittler vermutlich noch weitere Anschläge geplant. Das sagte der Bostoner Polizeichef Ed Davis am Sonntag dem Fernsehsender CBS.

Demnach waren die beiden Brüder Dzhokhar und Tamerlan Tsarnaev mit selbstgebastelten Handgranaten und Sprengsätzen bewaffnet, die sie während der Verfolgungsjagd in der Nacht zum Freitag auf die Polizisten geschleudert hätten. Die Ermittler versuchten nun herauszufinden, wie und wo sie an ihre Waffen und Sprengsätze gekommen seien.

Unterdessen mehrte sich die Kritik am FBI, Indizien auf eine Hinwendung des älteren Bruders und mutmasslichen Komplizen Tsarnaevs zum radikalen Islam nicht ernst genug genommen zu haben. Hinweise auf Mittäter gibt es laut den Ermittlern keine. Dies bestätigte auch Thomas M. Menino, Bürgermeister in Boston, gegenüber dem «Boston Globe»: «Gemäss dem aktuellen Ermittlungsstand haben die beiden Brüder alleine gehandelt.» Es gäbe keinerlei Hinweise, dass sie Teil eines grösseren Terrornetzwerkes seien.

Tschetschenische Rebellen nehmen Stellung

Inzwischen erschien auf kavkazcenter.com, eine Webseite, welche die Interessen der tschetschenischen Rebellen vertritt, eine Stellungnahme. Darin wird erklärt, dass die Widerstandskämpfer nichts mit den Anschlägen in Boston zu tun hätten: «Wir bekämpfen nur Russland, das nicht nur für die Besetzung des Kaukasus verantwortlich sei, sondern auch für monströse Verbrechen gegen den Islam.»

Dennoch mehren sich nun die Anzeichen, dass die mutmasslichen Täter über einen extremistischen Hintergrund verfügen. Bei der Fahndung lief der ältere Bruder unter der Kennung «Verdächtiger Nummer 1». Über den 26-jährigen Tamerlan Tsarnaev, der sein Studium zwecks Training für einen Boxwettbewerb unterbrach, gibt es ein Fotoessay des Bostoner Studenten Johannes Hirn. Darin befasste er sich intensiv mit dem zugewanderten Ingenieurstudenten vom Bunker Hill College bei Boston.

«Keinen einzigen amerikanischen Freund»

Demnach flüchtete die Familie Tsarnaev in den 1990er Jahren aus Tschetschenien. Anschliessend hielt sich die Sippe Berichten zufolge in Kasachstan oder Kirgistan auf, bevor beide Brüder im Jahr 2003 in die USA kamen. Dem Fotografen vertraute Tamerlan Tsarnaev an, dort allerdings nie wirklich heimisch geworden zu sein: «Ich habe keinen einzigen amerikanischen Freund», sagte er zu Hirn. Tamerlan habe ihm offenbart, dass er «nicht mehr raucht und trinkt», berichtet Hirn. In der Gesellschaft gebe es «keine Werte», die Menschen seien «unkontrolliert».

Laut dem Vater der Brüder, Ansor Tsarnaev, waren seine Söhne «strenggläubige Muslime». Ihr Onkel Ruslan Zarni gab an, beide seien 2003 aus Kirgistan in die USA eingereist, hätten zuletzt im Bostoner Stadtrandgebiet Cambridge gelebt und seien «Verlierer». Nach Angaben der US-Bundespolizei FBI wurde Tamerlan im Jahr 2011 auf Bitten von Russland verhört, weil er «ein radikalislamischer Partisan» gewesen sei und sich in seinem Herkunftsland in den Untergrund begeben wollte. Dem FBI zufolge brachten die Ermittlungen jedoch «keinerlei Hinweise auf terroristische Aktivitäten».

Auf einem von Hirns Fotos ist Tamerlan mit seiner Freundin zu sehen. Die blonde Tochter italienischer und portugiesischer Eltern sei zum Islam konvertiert, heisst es in der Beschreibung. Auf der Videoplattform Youtube markierte Tamerlan mehrere islamistische Filme als Favoriten unter der persönlichen Rubrik «Terrorismus».

Eltern bestreiten Verbindungen zu Extremisten

Die Eltern der beiden mutmasslichen Bombenleger von Boston haben Spekulationen über Verbindungen ihres Sohnes Tamerlan Tsarnaev zu Extremisten in Tschetschenien und der russischen Nordkaukasusrepublik Dagestan zurückgewiesen. Während seiner sechsmonatigen Reise in die Unruheregion Russlands habe er lediglich Verwandte besucht, sagte der Vater am Sonntag der Nachrichtenagentur AP.

Bisher wurden keine Hinweise auf Kontakte Tsarnaevs zu Extremisten bekannt, doch die Reise vom Januar bis zum Juli 2012 steht nun im Visier der Ermittler, die die Hintergründe des Anschlags auf den Bostoner Marathon am vergangenen Montag aufklären wollen.

«Er war hier bei mir, in Machatschkala (der Hauptstadt von Dagestan, Anm.)», sagte Ansor Tsarnaev in einem Telefoninterview. Er habe viel geschlafen, sei ab und zu essen gegangen, aber habe sonst nicht viel gemacht. Ausserdem seien sie gemeinsam zweimal nach Tschetschenien gereist, um dort Verwandte zu besuchen. Eine Angestellte in einem Laden gegenüber von Tsarnaevs Wohnhaus in Machatschkala sagte der AP, sie habe Tamerlan im vergangenen Jahr nur während eines Zeitraums von einem Monat gesehen.

Tamerlan Tsarnaev wollte in Dagestan bleiben

Am Ende seines Aufenthalts habe sich Tamerlan mit dem Gedanken getragen, in Dagestan zu bleiben und ein Unternehmen aufzubauen, anstatt in die USA zurückzukehren, sagte sein Vater, der selbst erst kürzlich aus den USA nach Dagestan zurückgezogen war. Er habe ihn aber gedrängt, wieder in die USA zu gehen, um dort eine Staatsbürgerschaft zu bekommen, die sein jüngerer Bruder, der ebenfalls Verdächtigte Dzhokhar Tsarnaev, bereits hatte.

Während seiner Zeit in Russland war Tamerlan Tsarnaev jedenfalls mit Gewalt konfrontiert. Bei einer viertägigen Operation gegen Extremisten in Tschetschenien und Dagestan kamen im Februar 2012 17 Polizisten und mindestens 20 Militante ums Leben. Im Mai explodierte in Machatschkala eine Autobombe, mindestens 17 Menschen kamen ums Leben, 130 wurden verletzt.

Vorwürfe an das FBI

Der republikanische Senator Lindsay Graham warf dem FBI in einer Fernsehdiskussion vor, wichtige Indizien nicht beachtet zu haben, die auf eine Radikalisierung hindeuteten. Der demokratische Senator Chuck Schumer ergänzte in derselben Sendung, er wisse nicht, «ob unsere Gesetze unzureichend» seien oder «das FBI versagt» habe. «Aber wir sind im Krieg mit radikalen Islamisten und wir müssen unsere Strategie ändern.»

Die mutmasslichen Bombenattentäter des Boston Marathons haben nach Einschätzung der Ermittler vermutlich noch weitere Anschläge geplant. Wie der Bostoner Polizeichef Ed Davis am Sonntag dem Fernsehsender CBS sagte, waren die beiden Brüder Dzhokhar und Tamerlan Tsarnaev mit selbstgebastelten Handgranaten und Sprengsätzen bewaffnet, die sie während der Verfolgungsjagd in der Nacht zum Freitag auf die Polizisten geschleudert hätten. Die Ermittler versuchten nun herauszufinden, wie und wo sie an ihre Waffen und Sprengsätze gekommen seien.

Aufgrund einer Genickverletzung Tsarnaevs vermuteten die Ermittler, dass der gebürtige Tschetschene sich auf der Flucht vor der Polizei durch einen Schuss in den Mund selbst töten wollte. Am Freitagabend hatte ihn die Polizei nach einer 24-stündigen Verfolgungsjagd gefasst. Sein 26 Jahre alter Bruder und mutmasslicher Komplize Tamerlan Tsarnaev war in der Nacht zum Freitag nach einem Schusswechsel mit der Polizei gestorben. Laut Medienberichten bereitet das US-Justizministerium eine Anklage wegen Terrorismus gegen den 19-Jährigen vor.

Die Brüder sollen am vergangenen Montag einen Doppel-Anschlag auf den Bostoner Marathon verübt haben. Dabei wurden drei Menschen getötet und etwa 180 weitere verletzt. Auf ihrer Flucht sollen sie einen Polizisten erschossen und einen weiteren Beamten schwer verletzt haben.

AFP/AP/sda/mrs/chk

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