«Aus der Asche schreien die Toten»

Die Waldbrände in Griechenland haben 92 Menschen das Leben gekostet. Das Versagen der Behörden ist nun ein Fall für die Staatsanwaltschaft.

Verheerendes Inferno: Die Brände rund um Athen hinterlassen ein Bild der Zerstörung. (Video: Reuters/Tamedia)

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Jetzt ein Funken, und das Feuer würde wieder springen, von Baum zu Baum, mit dem wilden, heissen Wind. Genug Nahrung fände es immer noch. Struppiges Geäst liegt am Strassenrand, alle paar Hundert Meter, neben Mülltonnen, aus denen die Tüten quellen. Der Katastrophenschutz hat gerade erneut «Waldbrandgefahr der Kategorie vier» für Athen und Umgebung gemeldet. Vier von fünf.

Aber wenn das Feuer nach Mati wiederkäme, um sich den Rest des Küstenstädtchens zu holen, fände es keine Opfer mehr. Weil Mati jetzt eine Geisterstadt ist. Mit Hunderten schwarzen Höhlenhäusern, verrussten Terrassen, geschmolzenen Jalousien, die Gärten Haufen von Asche. Zwischen den Ruinen fährt das Militär in Flecktarn-Jeeps herum, als wäre die «Silberküste», wie sie die Strände hier nennen, Kriegsgebiet, gerade mal eine Autostunde vom Athener Zentrum entfernt. Die Polizei ist auch unterwegs – wegen der Plünderer.

«Tödlichstes Grossfeuer in Europa»

Nach Angaben der Feuerwehr vom Mittwoch haben die Waldbrände bislang 92 Menschen das Leben gekostet. 36 Verletzte werden noch behandelt. Die meisten Toten an der Silberküste gab es in Mati, an einem hochsommerlichen Montagabend, am 23. Juli. Katastrophenforscher der Universität Leuven in Belgien sprechen vom «tödlichsten Grossfeuer» in Europa seit mehr als 100 Jahren. Rekordverdächtig war in Griechenland wohl auch das staatliche Organversagen, das nun ein Fall für die Staatsanwaltschaft ist. Die Justiz will zum Beispiel wissen, warum ein Feuerwehrmann sagte, er habe sich am Abend des Verhängnisses von seinen Vorgesetzten «alleingelassen gefühlt».

Ermittlungsergebnisse gibt es zwar noch nicht, aber was Augenzeugen berichtet haben, ist erschreckend genug: Strom und Wasserpumpen, auch an Hydranten, fielen in Mati schon nach Minuten aus, die Feuerwehr konnte nicht mit den Helikopter-Piloten kommunizieren, die Verkehrspolizei soll Menschen in Richtung Feuer geschickt haben. Katastrophenalarm gab es nicht, ein geplantes SMS-Warnsystem war nicht in Betrieb. Aber es gibt noch mehr, was viele Menschen wütend macht.

«Da war niemand da, der uns holte, warum?»

Mati hatte eine Strandtaverne, die jeder kannte, die Tische stehen noch auf der Terrasse. An einer Mauer neben dem verwaisten Lokal hängt ein handgeschriebenes Plakat, schwarze Schrift auf weissem Stoff: «Keine Entschuldigung, keine Scham, aus der Asche schreien die Toten». Es waren Äusserungen von Regierungspolitikern, die keine Fehler eingestehen wollten, die stattdessen die Schuld noch bei den Opfern suchten – das hat viele empört. Da redete Verteidigungsminister Panos Kammenos von den «Schwarzbauten» in Mati, und Premierminister Alexis Tsipras sagte, dass es seiner Regierung «in den vergangenen drei Jahren leider nicht gelungen sei, diesen Missstand abzuschaffen».

Es gibt in Mati viele Häuser ohne Genehmigung, das weiss jeder, offiziell ist ein Teil des Gebiets immer noch «Wald», wie der hohe Berg, von dem das Feuer sprang. Schon seit den 1960er-Jahren wurde hier gebaut, planlos, erst die Häuser, dann die Strassen. Die sind eng, verwirrend verwinkelt. Und kein Schild zeigt den Weg über schmale Wege zum Meer. Aber das erklärt das Ausmass der Katastrophe auch nicht allein.

Wer am Strand blieb, wurde verbrannt

Thanasis Diamantopoulos ist ein guter Schwimmer, das hat ihn gerettet. Am 23. Juli kam der Politikprofessor aus Athen nach Mati, ins Haus seines Cousins. «Es war so heiss im Haus, ich dachte, die Klimaanlage ist ausgefallen.» Da sah er den Rauch vor den Fenstern, sein Auto vor der Tür stand in Flammen. Der 66-Jährige lief zum Meer, bei der Taverne ging er ins Wasser. «Wer am Strand blieb, den hat die Hitzewelle erfasst, der ist verbrannt.» Das war gegen 18.30 Uhr. Etwa vier Stunden blieb er im Meer, klammerte sich mit einer Frau und deren zwei Söhnen, neun und sechs Jahre alt, an einen Felsen. «Die Frau hat gezittert, mehr als die Kinder.» Diamantopoulos erzählt das in einem Athener Café, bei einem Glas Wasser. «Ich frage mich bis heute», sagt er, «warum es so lange dauerte, bis die Küstenwache Schiffe schickte.» Als er spät in der Nacht wieder am Strand stand, wie so viele andere, ohne Kleider, ohne Handy, «da war niemand da, der uns holte, warum?» Es gibt noch so viele Fragen.

Unweit der Taverne wird die Küste steil. Auf der Kante steht ein Haus, Säulen um die Veranda, dahinter ist alles weggesprengt vom Feuer. Neben der Villa hat man 26 junge Leute gefunden, sie hatten sich im Tod aneinandergeklammert. Sie waren in den Garten geflüchtet und fanden keine Zeit mehr, die schmale Treppe über den Steilhang zum Ufer zu finden.

Zu wenig Zeit für die Toten

«Das Feuer lief schneller als mein Auto», sagt Evangelos Bournous, der Bürgermeister der Hafenstadt Rafina, die neben Mati liegt. Bournous raste ein Stück neben dem Feuer her, da wusste er, diese Gewalt ist nicht zu stoppen. Nun sitzt er in seinem Büro im Rathaus, ein kleiner Mann mit müden Augen. Gerade war er wieder bei einer Beerdigung. «Leider habe ich nicht genug Zeit für die Toten, ich muss mich um die Lebenden kümmern.» Der Bürgermeister war der Erste, der an jenem Abend im Sender Skai von Todesopfern sprach. Dafür wurde er von Regierungspolitikern gerügt und der Sender der Schwarzmalerei bezichtigt – als dürfe es so eine Katastrophe einfach nicht geben.

Bournous ist einer, der sich nicht leicht beugt, er sagt: «Leider hatte ich nicht die Verantwortung.» Eine griechische Vorschrift sagt, wenn zwei Gemeinden von einer Evakuierung betroffen wären, hier Rafina und Mati, das zur Gemeinde Marathon gehört, muss die Präfektur auf Hinweis der Feuerwehr diese anordnen. Aber die Order kam nie. Rafina hat eine eigene kleine Feuerwehr mit fünf Wagen, die soll nur der staatlichen «assistieren». Doch die war seit dem Morgen bei einem Brand in Kineta, auf der anderen Seite von Athen, im Einsatz. Da wurde evakuiert. «Die Finanzkrise hatte auch Auswirkungen auf die Ausstattung der Feuerwehr», sagt Bournous. Das erzählen auch Feuerwehrleute. Einer sagt: «Meine Stiefel sind geschmolzen.»

Das Gift in den Häusern

Bürgermeister Bournous hat nun auch mit der Katastrophe nach der Katastrophe zu tun. Er macht sich Sorgen wegen des Gifts aus Batterien, Öltanks, den verbrannten Autos. «In vielen Häusern gab es noch Elenit», ein längst verbotener asbesthaltiger griechischer Baustoff. Für die riesigen Bauschuttmengen braucht man spezielle Deponien. Die Menschen sollten Masken tragen, wenn sie die Asche zusammenkehren, warnen auch Umweltingenieure.

Stiftungen der griechischen Grossreeder haben Millionen für den Wiederaufbau zugesagt. Ob das reichen wird? Bournous weiss es nicht, er sagt: «Das Ganze ist eine grosse Tragödie, die Trauer wird lange über uns hängen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.08.2018, 22:24 Uhr

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