Italien verhängt einjährigen Ausnahmezustand in Genua

Die Ursache für den Einsturz des Polcevera-Viadukts in Genua bleibt unklar. Die Regierung will den Betreibern die Lizenz entziehen.

Unglaubliche Bilder aus Genua: Mitten in der der Stadt bricht die Autobahnbrücke der A10 zusammen.
Video: Tamedia-Webvideo

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Wichtigste in Kürze:

  • In der italienischen Hafenstadt Genua ist am Dienstag kurz vor Mittag eine vierspurige Autobahnbrücke eingestürzt.
  • Die italienische Regierung meldete am Mittwochabend, dass es mindestens 39 Tote gab, darunter gemäss Agentur Ansa drei Kinder im Alter von 8, 12 und 13 Jahren. 16 Menschen wurden verletzt, 12 davon schwer.
  • Mehrere Autos und LKW stürzten aus über 40 Metern Höhe in die Tiefe.
  • Beim betroffenen Bauwerk handelt es sich um das Polcevera-Viadukt, das umgangssprachlich nach seinem Planer Riccardo Morandi benannt ist.
  • 11 Überlebende konnten aus den Trümmern geborgen werden, die Sucharbeiten dauern in der Nacht an.
  • Die italienische Regierung will die Autobahnbetreiber zur Rechenschaft ziehen und prüft Bussgeldforderungen bis zu 150 Millionen Euro. Sie verhängt einen einjährigen Ausnahmezustand in Genua und stellt fünf Millionen Euro Soforthilfe zur Verfügung.


In der italienischen Hafenstadt brach am Dienstagvormittag eine vierspurige Autobahnbrücke zusammen. Mindestens 39 Menschen kamen laut der italienischen Regierung ums Leben. Die Nachrichtenagentur Ansa meldete zuvor unter Berufung auf die Feuerwehr 42 Tote. 16 seien verletzt, 12 davon in sehr kritischem Zustand. Regierungschef Giuseppe Conte sagte in Genua, dass die Zahlen steigen dürften.

Bei einer Krisensitzung des Ministerrates am Mittwoch in Genua hat die italienische Regierung einen zwölfmonatigen Ausnahmezustand für die Hafenstadt verhängt. Zudem sei eine Soforthilfe von fünf Millionen Euro freigegeben worden, sagte Conte.

Die Rettungskräfte haben in der Nacht unter den Trümmern weiter nach Überlebenden gesucht. Mit dem Licht grosser Scheinwerfer und der Unterstützung von Spürhunden suchten hunderte Einsatzkräfte unter den schweren Betonteilen nach Verschütteten. «Die Hoffnung stirbt nie, wir haben bereits ein Dutzend Menschen aus den Trümmern gerettet», sagte ein Vertreter der Feuerwehr, Emanuele Gissi, der Nachrichtenagentur AFP. Er kündigte an, die Helfer blieben «rund um die Uhr» im Einsatz.

Nach Angaben des Zivilschutzes sind insgesamt rund tausend Einsatzkräfte an den Bergungsarbeiten beteiligt, darunter Beamte von Feuerwehr und Polizei sowie Mitarbeiter des Roten Kreuzes.

Betreiber zur Rechenschaft ziehen

Verkehrsminister Danilo Toninelli fordert die Führung des Autobahnbetreibers zum Rücktritt auf. Zugleich kündigte er an, dass dem Unternehmen die Lizenz zum Betrieb der Strasse entzogen werden solle und es mit Strafzahlungen von bis zu 150 Millionen Euro belegt werden könnte. «Autostrade per l'Italia war nicht in der Lage, die Verpflichtungen aus dem Vertrag zur Verwaltung der Infrastruktur zu erfüllen», sagte Toninelli dem staatlichen Sender RAI 1. «Als erstes muss das Top-Management von Autostrade per l'Italia zurücktreten», forderte er in einem Facebook-Eintrag. Autostrade gehört zur Atlantia Gruppe. Beide Unternehmen konnten zunächst nicht erreicht werden. Laut dem Verkehrsministerium wird der Einsturz weitreichende Konsequenzen haben, da die Brücke komplett abgerissen werden müsse.

Der Minister begründete die Überlegungen der Regierung mit Vertragsbrüchen seitens des Unternehmens. Der Vize-Regierungschef und Chef der Partei Fünf Sterne, Luigi Di Maio, machte die Firma direkt für das Unglück verantwortlich: «Die Verantwortlichen haben einen Namen und einen Vornamen und es sind Autostrade per l'Italia», sagte er im italienischen Radio. Die Brücke sei nicht durch Schicksal eingestürzt, sondern weil die Wartung nicht erfolgt sei.

Der Betreiber hat den Vorwurf von Pflichtverletzungen bei der Überwachung des Bauwerkes zurückgewiesen. Man habe die Brücke auf vierteljährlicher Basis entsprechend den gesetzlichen Vorgaben kontrolliert. Das Unternehmen erklärte, man habe aber auch zusätzliche Prüfungen vorgenommen unter Nutzung modernster Technologien und der Hinzuziehung externen Expertenrates. Das Ergebnis dieser Kontrollen zum Zustand der Brücke sei Basis für das von der Regierung abgesegnete Wartungs- und Unterhaltungsprogramm gewesen.

Bei der eingestürzten Brücke handelt es sich um den Polcevera-Viadukt auf der Autobahn A10. Der Viadukt, im Volksmund nach dem Architekten Riccardo Morandi auch Ponte Morandi genannt, gehört zur Hauptverkehrsader, die an die Riviera und nach Südfrankreich führt. Er überquert unter anderem Gleisanlagen und ein Gewerbegebiet im Westen von Genua.

Augenzeugen berichten von Blitzeinschlag

Nach Angaben der Feuerwehr brach die etwa 50 Meter hohe Brücke an der A10 gegen 11.30 Uhr auf einer Länge von 100 bis 200 Meter bei strömendem Regen zusammen. Überlebende des Unglücks berichten der Nachrichtenagentur Ansa: «Gegen halb zwölf haben wir einen Blitz in die Brücke einschlagen sehen – und dann stürzte die Brücke in sich zusammen.»

Die Brückenteile prallten mit grosser Wucht auf den Erdboden. Das grösste Stück ist in den Polcevera-Fluss gefallen, einige Teile trafen auch Fabrikhallen. Laut Zivilschutz dürfte in den Hallen wegen Ferien so gut wie niemand an der Arbeit gewesen sein. Die Trümmer begruben mindestens einen Lastwagen und mehrere Gebäude unter sich. Nach Berichten von Zeugen wurden auch Autos in die Tiefe gerissen. Zahlreiche Fahrzeuge wurden unter herabfallenden Trümmern begraben. Unter den Toten soll auch ein Kind sein.

Über allfällige Schweizer Opfer lagen dem Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) am Dienstagnachmittag keine Informationen vor, wie es auf Anfrage der Agentur Keystone-SDA mitteilte. Das Generalkonsulat der Schweiz in Mailand stehe in Kontakt mit den lokalen Behörden.

«Beleg für maroden Zustand der Infrastruktur»

Mehr als 300 Rettungskräfte sind nach Angaben der Feuerwehr im Einsatz. In der Nähe der Brücke wurden nach dem Einsturz vorsichtshalber Gebäude evakuiert. Es bestehe das Risiko, dass weitere Teile einbrechen, berichtete Ansa unter Berufung auf Rettungskräfte vor Ort. Drei Spitäler in Genua wurden in Alarmbereitschaft versetzt.

Die Ursache des Brückeneinsturzes war zunächst unklar. Der Betreiber teilte auf seiner Website mit, auf der Brücke habe es Instandhaltungsarbeiten gegeben. Dazu sei ein Kran zu der Baustelle gebracht worden. Der Zustand der Brücke sowie der Fortgang der Renovierung seien immer wieder kontrolliert worden.

Erst wenn ein gesicherter Zugang zur Unfallstelle möglich sei, könne Näheres über die Ursachen des Einsturzes gesagt werden, teilte das Unternehmen weiter mit. Die Wetterbehörde in der Region Ligurien, zu der Genua gehört, hatte für Dienstagmorgen eine Sturmwarnung herausgegeben.

Infografik: Tamedia, Bildmaterial: Google

Salvinis Ankündigung

Italiens Innenminister Matteo Salvini reagierte betroffen und erbost auf das Unglück in der nordwestitalienischen Hafenstadt. Er selbst sei «hunderte Male» über die Morandi-Brücke gefahren, sagte der Innenminister bei einer Pressekonferenz im sizilianischen Catania. Nach ihrem Einsturz werde er «alles dafür tun, um die Namen der Verantwortlichen in der Vergangenheit und Gegenwart zu bekommen». Es sei «nicht akzeptabel, auf diese Weise in Italien zu sterben».

Video: Google-Earth-Sicht

Wo sich die Autobahnbrücke genau befindet. (Google/Tamedia)

Verkehrsminister Danilo Toninelli sprach von einer «entsetzlichen Tragödie». Er schloss in einem Radio-Interview aus, dass Bauarbeiten an der Brücke Grund für den Einsturz seien. Das Unglück belege den maroden Zustand der Infrastruktur in Italien und die Wartungsmängel, sagte er dem staatlichen Fernsehen. Die Verantwortlichen würden dafür büssen müssen. Die populistische Regierung Italiens war im Juni angetreten mit dem Versprechen, die öffentlichen Investitionen zu erhöhen.

Karte:

Regierungschef Conte versprach nach dem Brückeneinsturz grössere Anstrengungen bei der Kontrolle der Infrastruktur. «Das, was in Genua passiert ist, ist nicht nur für die Stadt eine tiefe Wunde, sondern auch für Ligurien und ganz Italien», schrieb Conte auf Facebook.

Die Tragödie «verbrüdert alle» und dränge darauf, nach den Ursachen zu suchen, erklärte Conte. Er sagte der Bevölkerung zu, dass die Regierung einen ausserordentlichen Plan zur Kontrolle der Infrastruktur voranbringen werde. «Die Kontrollen werden sehr streng sein, denn wir können uns keine weiteren Tragödien wie diese erlauben.»

Frankreich bietet Hilfe an

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat der italienischen Regierung Hilfe angeboten. «Frankreich ist an der Seite Italiens» und «hält sich bereit, jede notwendige Hilfe zu leisten», schrieb Macron am Dienstag im Kurzmitteilungsdienst Twitter. Seine Gedanken seien bei den Opfern, den Angehörigen und dem ganzen italienischen Volk, schrieb der Staatschef in seiner auch ins Italienische übersetzten Botschaft.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kondolierte dem italienischen Präsidenten. Den Einsatzkräften in Genua wünschte er «Kraft für die Bewältigung ihrer Aufgaben», wie das Bundespräsidialamt mitteilte. Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach «den Menschen in Genua und in Italien» ihre Anteilnahme aus. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker drückte dem «italienischen Volk» ebenfalls sein Mitgefühl aus.

Die Bilder des Unglücks:

(NN/afp/sda)

Erstellt: 14.08.2018, 22:17 Uhr

Update folgt...

Die schwersten Brückenunglücke seit 2000

Ein Überblick über die folgenschwersten Einstürze der vergangenen 18 Jahre weltweit.
2016 Indien
Am 31. März werden beim Einsturz einer halbfertigen Hochstrasse im Zentrum der ostindischen Metropole Kolkata mindestens 26 Menschen getötet und fast hundert weitere verletzt.
2011 Indien
Am 23. Oktober kommen beim Einsturz einer Brücke nahe der Stadt Darjeeling im Nordosten Indiens mindestens 32 Menschen ums Leben. Auf der Brücke hatten sich zahlreiche Besucher eines Festivals gedrängt.
Weniger als eine Woche später sterben rund 30 Menschen beim Einsturz einer Fussgängerbrücke über einen Fluss im nordostindischen Bundesstaat Arunachal Pradesh.
2007 Nepal und China
Am 13. August kommen beim Einsturz einer neu gebauten Brücke in Zentralchina 64 Menschen ums Leben, 22 weitere werden verletzt. Die 328 Meter lange Brücke über einen Fluss in der Provinz Hunan war gerade fertiggestellt worden.
Am 25. Dezember stürzt eine mit Pilgern überfüllte Brücke in Nepal ein. 16 Menschen werden getötet, 25 werden nach dem Unglück vermisst. Von den fast 400 Menschen, die sich zum Zeitpunkt des Unglücks auf der Brücke über den Bheri-Fluss befinden, können sich hundert schwimmend ans Ufer retten.
2006 Pakistan und Indien
Am 5. August kommen beim Einsturz einer Brücke nach heftigen Regenfällen in Mardan im Nordwesten Pakistans mindestens 40 Menschen ums Leben. Zahlreiche weitere Menschen werden nach dem Unglück vermisst.
In Indien sterben am 2. Dezember 34 Menschen, als im östlichen Bundesstaat Bihar eine 150 Jahre alte Brücke auf einen Zug stürzt.
2003 Indien und Bolivien
Am 28. August kommen beim Einsturz einer Brücke in Daman in Westen Indiens 19 Kinder und ein Erwachsener ums Leben. Ein Schulbus und vier weitere Fahrzeuge stürzen in einen Fluss.
Bei Überschwemmungen in Bolivien wird am 24. Dezember eine Brücke über den Chaparé-Fluss von den Wassermassen zerstört. 29 Passagiere eines Reisebusses sterben.
2001 Portugal
Beim Zusammenbruch einer rund hundert Jahre alten Brücke über dem Fluss Douro in Castelo de Paiva in der Nähe von Porto stürzen am 3. März ein Bus und drei Autos in die Tiefe. 58 Menschen kommen ums Leben. (sda)

Artikel zum Thema

Luftaufnahme: Heli-Flug über eingestürzte Brücke

Video In Genua klafft nach dem Unglück in der Morandi-Brücke der A10 eine 200 Meter lange Lücke. Mehr...

Riesiger Feuerball – Lastwagen explodiert in Bologna

Video In der Nähe des Flughafens von Bologna ist es auf der Autobahn zu einer Explosion gekommen. Es gab mindestens einen Toten und 70 Verletzte. Mehr...

Brücke in Italien stürzt ein – Toter und Verletzte

Ein Viadukt über der Regionalstrasse zwischen Mailand und Lecco hat nachgegeben, als ein Lastwagen darüberfuhr. Zuvor hatte ein Bauarbeiter vor dem Zustand der Brücke gewarnt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...