So wollen sich Skigebiete gegen Lawinen schützen

Spezialisten im Wallis haben eine neue Methode gegen die gefährlichen Gleitschneelawinen ausgetüftelt – mit Erfolg.

Das Skigebiet Anzère sichert die Hänge mit Baumstämmen.

Das Skigebiet Anzère sichert die Hänge mit Baumstämmen.

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Im Umgang mit heimtückischen Gleitschneelawinen ist das Walliser Skigebiet Anzère Pionier. Zusammen mit Spezialisten hat Philippe Fardel an neuen Lawinenverbauungen getüftelt. Seit fast 30 Jahren ist er dort Sicherheitschef und hat realisiert: Gleitschneelawinen gehen häufiger und immer früher im Winter nieder – meist an den steilen Südhängen unterhalb des Piz Donin.

Zusammen mit seinem Team hat er deshalb Baumstämme vertikal in die kritischen Bergflanken verbaut. Dicke Stahlseile, die vier Meter tief in den Boden reichen und an Betonklötzen verankert sind, halten die Stämme fest. Bis zu dreissig Stück pro Hang sind nötig, um zu verhindern, dass die Schneemassen abgleiten.

Die Investitionen der letzten Jahre lohnen sich. «Seither kam an diesen Flanken nichts mehr runter», sagt Fardel. Über vier Meter Schnee kann es auf den Stämmen haben, ohne dass die Masse ins Rutschen gerät. Der Erfolg von Anzère hat sich herumgesprochen. Viele Skigebiete interessieren sich für die Konstruktion. Denn für Sicherheitschefs von Sportbahnen sind Gleitschneelawinen ein Gräuel. Selbst erfahrene Patrouilleure vermögen kaum vorherzusagen, ob und wann die Schneemassen abrutschen. Gleitschneelawinen lösen sich spontan und ohne Hinweise. Sie reissen den gesamten Schnee bis zum Boden mit.

Diese sogenannten kalten Gleitschneelawinen Anfang Winter sind besonders unberechenbar.

Das Phänomen ist in den Schweizer Alpen nicht neu, sein häufiges Vorkommen schon eher. Das bestätigt auch das WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos. «In den letzten Jahren sind wiederholt Gleitschneelawinen im Früh- und Hochwinter niedergegangen», sagt Jürg Schweizer, Leiter der Forschungseinrichtung.

Diese sogenannten kalten Gleitschneelawinen Anfang Winter sind besonders unberechenbar. Zwar kommen die Schneemassen nach heftigem Schneefall eher ins Rutschen, doch einzig riesige Spalten quer durch die Schneedecke, sogenannte Fischmäuler, können ein Vorzeichen sein. Wie Forscher des SLF in einer aktuellen Untersuchung festgestellt haben, entwickelt sich aber nur jedes zweite Fischmaul zu einer Gleitschneelawine. Die Wissenschaftler haben in St. Antönien und Davos gegenüber gefährdeten Hängen Kameras installiert und Risse analysiert. «Unmittelbar nachdem sich ein Fischmaul gebildet hatte, war die Wahrscheinlichkeit eines Abgangs am grössten», sagt Schweizer.

Erste Bergbahnen versuchen nun mit Kameras die Naturgefahr unter Kontrolle zu bringen, etwa in Zermatt. An mehreren Orten im Skigebiet sind Kameras installiert. «Damit können wir die Hänge beobachten und bei geringsten Anzeichen einer Gefahr die Piste sperren», sagt Mathias Imoberdorf, Sprecher der Zermatt Bergbahnen.

Die Problematik: Die Geräte funktionieren nur bei Sicht. Spezielle Lawinenradarsysteme, die bei jedem Wetter, zu jeder Tageszeit funktionieren und einen integrierten Alarm haben, sind teuer.

100-prozentige Sicherheit gibt es trotz Verbauungen nicht

Eine Entspannung der Situation ist auch aufgrund der Klimaerwärmung nicht zu erwarten. Gleitschneelawinen im Hochwinter entstehen meist nach einem warmen Herbst, wenn es stark schneit. Dann ist die Last hoch, der Boden noch nicht abgekühlt, und die Schneedecke wird von unten feucht. Besonders betroffen sind Hänge in mittleren Höhenlagen zwischen 1000 und 2000 Meter.

In Andermatt-Sedrun löste sich am Stephanstag eine Gleitschneelawine und erfasste sechs Sportler auf der Piste. Vier konnten sich aus eigener Kraft befreien, zwei fanden Helfer leicht verletzt. In Crans-Montana überlebte ein Patrouilleur im vergangenen Februar einen solchen Vorfall nicht. Insgesamt starben durch Lawinen, die auf Pisten donnerten, innert zehn Jahren zwei Menschen. Im freien Gelände kamen 220 ums Leben.

Video: Hier geht die Lawine in Andermatt nieder

Andermatt-Sedrun prüft nun Sicherheitsmassnahmen. Dazu gehören auch Verbauungen und technische Überwachungen. «Bringen uns diese einen Sicherheitsgewinn, dann sind wir bestrebt, diese schnellstmöglich umzusetzen», sagt Sprecher Stefan Kern.

Was man bisher aus der Praxis mit Gleitschneelawinen weiss: Sprengen bringt nichts. «Besser eignen sich bauliche Massnahmen, wie die Hänge im Sommer zu terrassieren oder mit Baumstämmen sowie Dreibeinböcken aufzurauen», sagt Gian Darms. Er bildet im Auftrag von Seilbahnen Schweiz Pisten- und Rettungschefs aus.

Eine seiner wichtigsten Botschaften: «Trotz Verbauungen muss man auch mal eine Piste sperren.» Zwar gebe es keine 100-prozentige Sicherheit, doch ein Rettungschef müsse sagen können: «Ich bin meiner Sorgfaltspflicht nachgekommen, habe ständig beurteilt, dokumentiert und das Menschenmögliche gemacht.»



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Erstellt: 11.01.2020, 20:48 Uhr

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