Berner helfen den Wallisern beim Raclettekäse

Jetzt, wo der Milchpreis so niedrig ist, lohnt es sich für Berner Bauern ganz besonders, Kühe auf Walliser Alpen zu entsenden.

Von zwei Dutzend Kühen im Wallis stammt eine aus dem Kanton Bern.

Von zwei Dutzend Kühen im Wallis stammt eine aus dem Kanton Bern. Bild: Adrian Moser

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Weil Kühe nicht sprechen können, fällt es einem auf Wanderungen im Wallis nicht sofort auf. Aber was man auf dortigen Alpen sonst zu hören bekommt, wird von der Schweizerischen Tierverkehrsdatenbank bestätigt: Den Sommer über grasen im Wallis eine ganze Menge Berner Kühe. Von zwei Dutzend Milchkühen stammt eine aus dem Kanton Bern (Tabelle). In den letzten Jahren waren es jedes Jahr rund 500. Im laufenden Jahr dürfte es nicht anders sein.

Ein Grund dieses Viehtransfers liegt darin, dass der Kanton Wallis in den letzten Jahren vom Strukturwandel, der die Alpwirtschaft erfasste, offenbar stärker betroffen ist als andere Kantone. Das hatte zur Folge, dass im Wallis mittlerweile Prämien eingesetzt werden, um ausserkantonale Kühe den Sömmerungsbetrieben zuführen zu können.

Dazu kommt: Je tiefer der Preis für sogenannte Industriemilch fällt, desto attraktiver wird das Geschäftsmodell. Statt bloss 40 bis 50 Rappen lassen sich gegen 80 Rappen pro Liter erwirtschaften. Das gilt aber nur, wenn die Milch zu Alpkäse verarbeitet oder ins Tal in Käsereien geliefert werden kann, die Spezialitäten wie Raclettekäse herstellen. Weil solcher Käse guten Absatz findet, ist die Rede von einer guten Wertschöpfung. «Das kann sich absolut rechnen», sagt auch SVP-Nationalrat Erich von Siebenthal, Präsident des Schweizerischen Alpwirtschaftsverbands. Bedingung hierfür sei aber, dass die Milch veredelt, also nicht einfach ins Tal geliefert werde.

«Die Rechnung geht sicher auf»

Eine andere Möglichkeit besteht darin, dass die Berner Kuhbesitzer am Ende der Alpsaison den Käse erhalten, den ihr Tier «erarbeitet» hat – abzüglich der Kosten für Betreuung und Futter. Bei Hans-Rudolf und Beatrice Wagner aus dem oberaargauischen Walliswil funktioniert das so. Sie sömmern zum zweiten Mal eine Kuh im Wallis. Es sei zwar aufwendig, das Tier bis auf die Moosalp bei Törbel zu verfrachten, sagt Beatrice Wagner. «Aber die Rechnung geht sicher auf.» Nach der ersten Alpsaison hätten sie 23 Käselaibe erhalten, jeder fünf bis sechs Kilogramm schwer. Der Käse habe sich problemlos verkaufen lassen.

Ein zweites Beispiel sind Christian und Christine Hager aus Adelboden. Sie sömmern aber nicht bloss eine Kuh im Wallis, sondern gleich ihre ganze Herde mit über 20 Kühen. Und zwar auf einer eigenen Alp in Val-d’Illiez. Als er sich für Bergrechte im Gebiet Adelboden interessiert habe, sagt Christian Hager, «waren diese eine Rarität». Es sei kaum möglich gewesen, eine Alp zu kaufen oder auch nur zu pachten. Deshalb hätten sie im Jahr 2000 im Wallis eine gekauft. Dort liefern sie die Milch ins Tal, wo aus ihr Raclettekäse hergestellt wird. Auch das rechnet sich: «Dafür erhalten wir einen besseren Preis», sagt Hager. Speziell bei Hagers ist dies: Ist ihre Herde wieder daheim, verkäsen sie einen Teil der Milch gleich selber in ihrer «Hofchesi».

«Es dürften noch mehr sein»

Der Rückgang bei den Milchkühen auf Walliser Alpen, wie ihn die Statistik ausweist, bildet nicht die ganze Realität ab. Insgesamt habe sich die Zahl der gesömmerten Kühe – dazu gehören auch Mutterkühe – stabilisiert. Wie Jean-Jacques Zufferey, Leiter des Walliser Amts für Viehwirtschaft, sagt, «dürften es aber noch mehr sein», damit alle Alpen noch besser beweidet werden könnten. Diese Verbesserung war nicht umsonst zu haben.

So hat der Kanton Wallis gezielt Anreize geschaffen, damit seine Alpbetriebe für ausserkantonale Tierbesitzer attraktiv werden. Kann der Leiter eines Sömmerungsbetriebs eine Kuh aus einem anderen Kanton auf seine Alp holen, erhält er eine Prämie von bis zu 50 Franken. Für das Wallis sei es wichtig, seine Alpen zu erhalten, sagt Zufferey. Insgesamt gibt es rund 500, mehr als die Hälfte sind Kuhalpen. Es gehe um die Qualität des Grases, den Charakter der Landschaft und um den Tourismus. Die Botschaft an ausserkantonale Viehbesitzer sei klar: «Wer seine Tiere hier sömmern will, ist willkommen», sagt er.

Kampfkühe auf Berner Alpen?

Bleibt die Frage, wie viele Walliser Kühe den Sommer auf Berner Alpen verbringen? Praktisch keine, sagt ein Bauer und Älpler aus dem Berner Oberland. Berner Alpbetriebe seien seit jeher sehr aktiv darin gewesen, ihre Alpen mit genügend Vieh zu bestossen. Ab und zu komme es aber vor, dass Walliser Bauern Kampfkühe ins Bernbiet schickten. Würden diese von ihrer Herde entfernt, seien sie im Herbst aggressiver, sagt der Berner Oberländer Bauer. Zudem hätten manche Kampfkuhbesitzer Angst, ihre Tiere würden auf Walliser Alpen sabotiert.

Erstellt: 29.08.2016, 08:17 Uhr

Über 500 Berner Milchkühe grasen auf Walliser Aplen

Herkunftskanton – 2011 – 2012 – 2013 – 2014 – 2015
BE – 483 – 465 – 528 – 498 – 523
VD – 1290 – 1256 – 1247 – 1210 – 1264
FR – 460 – 457 – 321 – 356 – 413
LU – 219 – 200 – 244 – 243 – 188

Höhere Beiträge des Bundes führen dazu, dass es für Bauern wieder attraktiver ist, Vieh auf die Alpen zu geben.

Es sei wichtig, Alpen mit genügend Tieren zu bestossen, sagt der Berner SVP-Nationalrat Erich von Siebenthal. Er ist Präsident des Schweizerischen Alpwirtschaftsverbandes. Nur wenn das Gras auf den Alpweiden auch gefressen werde, sagt er, könne die Artenvielfalt in den Berggebieten erhalten werden. Könnten Alpbetriebe dagegen auf immer weniger Vieh zählen, würden sie zunehmend vernachlässigt und mit der Zeit verganden – mit negativen Folgen nicht zuletzt für den Tourismus.

Um Gegensteuer zu geben, hat der Bund in seiner Agrarpolitik 2014 bis 2017 nicht nur die Sömmerungsbeiträge erhöht – von 330 auf 400 Franken –, er hat neu auch einen Alpungsbeitrag von 370 Franken eingeführt. Dieser Beitrag soll für Ganzjahresbetriebe einen Anreiz bieten, Tiere auf eine Alp zu geben. Der Beitrag wird für einen sogenannten Normalstoss ausgezahlt. Damit wird eine «Grossvieheinheit» bezeichnet, die 100 Tage auf einer Alp gesömmert wird. Milch- oder Mutterkühe gelten als Grossvieheinheiten. Bei kleineren Tieren wie Schafen oder Ziegen bilden mehrere zusammen eine solche Einheit.

Laut Erich von Siebenthal zeigt diese Politik Wirkung. Der Alpungsbeitrag sei der Hauptgrund dafür, dass wieder mehr Tiere gesömmert würden. Verglichen mit 2013, als nur noch 280?000 Tiere (gemessen in Normalstössen) auf Alpen gesömmert wurden, waren es 2014 bereits wieder knapp 302?000. Das geht aus einer Statistik des Alpwirtschaftsverbandes hervor. Die Zahl der Milchkühe hat sich im gleichen Zeitraum von 98?000 auf 107?000 erhöht. Für die Zukunft der Alpwirtschaft sei es zentral, sagt von Siebenthal, dass es für Bauern attraktiv sei und bleibe, Tiere auf die Alp zu geben. (db)

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