Chinesen essen den Afrikanern die Esel weg

Das Reich der Mitte kauft im grossen Umfang afrikanische Esel zum Verzehr ein. In vielen Halbwüstenstaaten hat die Eselpopulation deshalb bereits gefährlich abgenommen.

Ihr Fleisch ist in China heiss begehrt: Esel in Afrika. Foto: Bob Balestri (iStockphoto)

Ihr Fleisch ist in China heiss begehrt: Esel in Afrika. Foto: Bob Balestri (iStockphoto)

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Die Folgen des gesteigerten chinesischen Interesses an Afrika sind seit langem umstritten. Einerseits haben Gelder und Know-how aus dem Reich der Mitte zu einem beachtlichen Boom der afrikanischen Infrastruktur mit neuen Strassen, Eisenbahnlinien und Fussballstadien geführt. Anderseits wird China vorgeworfen, wie einst die europäischen Kolonialnationen nur an den Bodenschätzen des hilflosen Kontinents interessiert zu sein. Ausser Erdöl, Kohle und Kupfer gehörten zu den am Jangtse begehrten Rohstoffen schon lange auch Elefantenstosszähne und die Hörner von Rhinozerossen. Doch seit einiger Zeit hat das Reich der Mitte zwischen dem Kap und Kairo einen neuen Schatz ausgemacht: den Esel.

Eselbesitzer aus allen Teilen des Kontinents berichten seit Monaten über einen drastischen Nachfrageboom an ihren störrischen Tieren. In Niger wurden in diesem Jahr bereits 80'000 der Grautiere an internationale Händler verkauft, im vergangenen Jahr waren es nicht einmal 27'000. Im nigrischen Nachbarland Burkina Faso schnellte die Zahl der im ersten Jahresquartal verkauften Esel sogar von 1000 im Vorjahr auf heuer 18'000 in die Höhe. In Burkina Fasos Schlachthöfen habe ein derartiger Hochbetrieb geherrscht, dass sich Anwohner über blutverschmutztes Grundwasser und beissenden Geruch in der Luft beschwerten, berichten Medien. In der kenianischen Provinzstadt Naivasha wurde ein spezielles Schlachthaus für Esel errichtet, und selbst im fernen Südafrika zeigten sich die Behörden alarmiert: Dort stieg die Zahl gestohlener Esel rapide an.

Der Wert eines Grautieres schoss in Niger von gut 30 auf bis zu 150 US-Dollar in die Höhe, für eine Eselshaut kann dessen Besitzer statt mit weniger als 4 heute mit über 80 US-Dollar rechnen. Kein Wunder, dass mancher Kleinbauer seine eigentlich zum Pflügen und Transport verwendeten Nutztiere dem Händler verkaufte – mit bösen Konsequenzen für die Landwirtschaft. Sowohl die burkinische als auch die nigrische Regierung sahen sich deshalb gezwungen, den Export oder das Massenschlachten der störrischen Nutztiere zu unterbinden. «Wenn es so weitergegangen wäre», sagte Atte Issa vom nigrischen Ministerium für Viehwirtschaft gegenüber der BBC, «wären unsere Esel bald ausgerottet worden.»

Eselshaut als Potenzmittel

Experten zufolge leben in Afrika 13 Millionen Exemplare des Equus asinus, wie die langohrigen Unpaarhufer in der Wissenschaft genannt werden: drei Viertel davon südlich der Sahara. Sie kommen vor allem in der Landwirtschaft zum Einsatz, wo sie schon manchen Kleinfarmer aus der Armut geschleppt oder gezogen haben, und werden regelmässig auch von Wasserverkäufern als Zugmaschinen gebraucht. Ihr Fleisch wird in Afrika eher selten gegessen: ausser im Süden Nigerias, wo Eselfleisch neben Pferdefleisch als Leckerbissen gilt.

Dagegen sind in China sowohl das Fleisch als auch die Haut des gutwilligen Nutztieres begehrt. Vor allem im chinesischen Norden wird Eselsfleisch in Suppen, Eintöpfen oder auch als «Eselsburger» geschätzt: Bei Letzterem wird das mit grünem Chili gewürzte Fleisch in Teigtaschen gepackt. Noch begehrter als in der chinesischen Küche sind die Grautiere jedoch in der Pharma- und Kosmetikindustrie. Aus gekochter Eselshaut wird eine Gelatine – das sogenannte «Ejiao» – gewonnen, dem vielerlei wundersame Eigenschaften nachgesagt werden. Es soll Schlaflosigkeit und Husten heilen, als Creme die Haut falten- und pigmentfleckenfrei halten sowie – den Elefantenstosszähnen und Rhinozeros-Hörnern vergleichbar – der sexuellen Potenz zuträglich sein.

Kein Wunder also, dass die Population der einheimischen Grautiere im Reich der Mitte von elf Millionen Ende der 90er-Jahre auf heute weniger als sechs Millionen schrumpfte – Jahr für Jahr soll sie um weitere 300 000 Exemplare zurückgehen. Nach dem nigrischen Exportbann schlugen Chinas Medien bereits Alarm: Ein Ejiao-Notstand würde am Jangtse verheerende Folgen haben. Auch eine nicht ganz unberechtigte Frage wurde ausgesprochen: Warum Afrika auf den Nachfrageboom mit einem Bann statt mit Eselsfarmen reagiert? (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.09.2016, 22:35 Uhr

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