Das Büsi als Wegwerfartikel

In der Schweiz leben über 100'000 verwilderte Katzen. Um ihr Leid zu lindern, werden sie von Tierschützern kastriert. Auf der Lauer mit Anita Zybach.

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Kein Büsi weit und breit. Dabei würden «öppe siebe Busle» in diesem Schopf leben, sagt die alte Bauersfrau. «Chumm, bus, bus», ruft sie noch einmal. Es wird nichts nützen, das sind keine Streicheltiere, die Bäuerin hat sie immer nur aus der Distanz gesehen. Was sie sicher weiss: «Die Busle haben ein rotes Fell. Und sie haben sicher Junge.» Verwilderte Katzen haben immer Junge.

Anita Zybach vom Tierrettungsdienst bereitet die Fallen vor – lange Gitterkäfige mit Falltüren. Sie ärgert sich, dass sie tags zuvor am mobilen Güggeli-Grill kein Poulet gekauft hat. Duftendes, warmes Pouletfleisch würde jede Katze aus ihrem Versteck locken, weiss sie aus Erfahrung. Nun muss es Katzenfutter, Geschmacksrichtung Lachs, richten. Hauptsache, es riecht nach Fressen. Denn verwilderte Katzen haben immer Hunger, auch das weiss Anita Zybach nur zu gut.

Sie trägt ein rotes Shirt mit aufgedruckten Pfoten am Rücken; seit Jahren arbeitet die 53-Jährige für die Stiftung «Tierrettungsdienst – Leben hat Vortritt», die sich rund um die Uhr um Tiere in Not kümmert. Heute ist die Tierretterin auf Katzenkastrations-Tour. Ihr Auftrag: verwilderte Katzen einfangen und diese zum Kastrieren in die Tierarztpraxis fahren.

Katzenfutter-Werbung in der Verantwortung

Die Katze ist das beliebteste Heimtier der Schweizerinnen und Schweizer, etwa 1,5 Millionen Katzen leben in unserem Land. Laut einer repräsentativen Umfrage des Schweizer Tierschutzes wohnt in jedem dritten Haushalt mindestens ein Stubentiger. Die lustigen Filmchen auf Youtube haben die Samtpfötchen noch populärer gemacht. «Junge Büsi sind im Trend», präzisiert Susy Utzinger, Geschäftsführerin der gleichnamigen Stiftung für Tierschutz (Sust). Dafür macht sie vor allem die Werbung für Katzenfutter verantwortlich: Wer verliebe sich nicht in die zuckersüssen Katzenbabys in der Sheba- oder Whiskas-Werbung?

Aber: «Wenn das Büsi nicht mehr so schnüggelig ist, wird es viel zu oft ausgesetzt oder landet im Tierheim.» Vor zehn Jahren, so die Tierschützerin, habe man das Problem besser im Griff gehabt, heute verkomme die Katze immer mehr zum «Wegwerf­artikel». 2017 hat alleine das von ihr aufgebaute Tierheim Pfötli im zürcherischen Winkel 458 Katzen aufgenommen.

Über 100'000 vegetieren dahin

Über 100'000 Katzen, so die Schätzung, vegetieren in der Schweiz dahin, hungrige, kranke Tiere, die oft qualvoll sterben – ein Elend, das kaum sichtbar ist. Die meisten verwilderten Katzen leben in Kolonien auf Bauernhöfen, Industriearealen oder in Schrebergärten. Oft werden sie, mehr schlecht als recht, gefüttert – und vermehren sich laufend. Um diese Überpopulation einzudämmen und somit das Katzenleid zu lindern, werden landesweit von verschiedenen Tierschutzorganisationen Katzenkastrations-Aktionen durchgeführt.

Susy Utzinger, 49, ist gerade aus Rumänien zurückgekehrt, wo sie eine Woche lang mit Tierärzten vor Ort und aus der Schweiz pausenlos Hunde und Katzen kastriert hatte. Doch sie betont: Obwohl wir das Tierelend lieber im Ausland wahrnehmen würden, sei das Streunerproblem in der Schweiz gravierend. Und die Katzen würden genauso brutal ertränkt oder erschlagen wie in Rumänien oder Ungarn. Im Unterschied zur Schweiz werde dort der Bestand dadurch etwas reduziert, dass viele Katzen von streunenden Hunden getötet würden.

Hinter jedem Tierschutzfall steckt ein Menschenschicksal

Die Fallen sind gestellt. Ein sonniger Morgen, ein idyllischer Weiler bei Elgg ZH, nahe an der Grenze zum Thurgau. Kühe weiden, ab und zu knattert ein Traktor vorbei. Wir warten vor dem Schopf und hoffen, dass viele Katzen in die Fallen gehen. Kürzlich, erzählt Anita Zybach, hätten sie auf einem Bauernhof etwa 40 verwahrloste Katzen erwischt. Manche seien in einem so erbärmlichen Zustand gewesen, dass sie eingeschläfert werden mussten.

«Doch, doch», beteuert die alte Frau, sie habe Katzen schon gern, «aber nicht so viele». Die Bäuerin, das wird rasch klar, ist überfordert mit der wachsenden Katzenfamilie. Spaziergänger haben sich beim Tierrettungsdienst gemeldet, sie hätten ein stark hinkendes Büsi entdeckt – offenbar kümmere sich niemand um das Tier. «Es war nicht mehr zu retten, ein Tumor», sagt Zybach. Nun will sie sicherstellen, dass die Situation nicht noch weiter aus dem Ruder läuft.

Die Bäuerin sagt, manchmal stelle sie den Katzen etwas in Milch getunktes Brot hin oder auch mal einen abgelaufenen Cervelat. Die beiden Tellerchen im Schopf sind leer geschleckt. Nein, Resten habe sie keine, «ich koche ja nur für mich». Der Mann sei vor ein paar Monaten gestorben, beginnt die 89-Jährige zu erzählen. Sie habe den Mann bis zuletzt gepflegt. Obwohl er kaum noch Treppen steigen konnte, habe er jede Nacht bei ihr im Ehebett im obersten Stock geschlafen. Jetzt sei sie ganz alleine, «das habe ich nicht gern». Hinter jedem Tierschutzfall stecke ein Menschenschicksal, sagt Anita Zybach, das erlebe sie immer wieder.

«Keine Schmusebüsi»

Die Tierretterin ist überrascht, so ordentlich, so aufgeräumt hat sie sich den Hof nicht vorgestellt – «alles tipptopp in Schuss». Sie sieht sofort: Hier haben es die Katzen nicht schlecht, Heustock, Unterschlupf, sie bekommen Futter, können mausen. «Schön haben sie es hier», sagt sie zur Bäuerin. Sie sei froh, dass sie die Katzen nach der Behandlung wieder hierherbringen könne. Denn dass die Frau die Tiere wieder zurücknimmt und für sie sorgt, ist Voraussetzung für einen Kastrationseinsatz.

Eine Voraussetzung, die in vielen Fällen nicht gegeben ist. Bei einem Abrisshaus zum Beispiel – wohin mit den wilden Katzen? Das seien keine «Schmusebüsi», betont Zybach, die könne man unmöglich weitervermitteln. Man suche deshalb dringend nach Plätzen, wo die Tiere gefüttert werden und Schutz finden, wo jemand ein Auge auf sie hat – und sie frei sein lässt.

Eine Katze ist mit sechs Monaten geschlechtsreif. Sie wirft im Frühling und Herbst, manche auch dreimal jährlich. Zwölf Kätzchen pro Jahr sind keine Seltenheit. Die Chance, dass die Katze nicht trächtig ist, ist von November bis Januar am grössten. Aber kastriert wird immer, auch die Katzenmutter wird nicht verschont, denn schon drei Wochen nach Geburt der Jungen ist sie wieder fruchtbar.

Kastrationspflicht gefordert

Nur mit der Einführung einer Kastrationspflicht für Freigängerkatzen sei die Katzenpopulation einigermassen in den Griff zu bekommen, so die Tierschutzorganisationen Network for Animal Protection und Stiftung für das Tier im Recht. Am letzten Dienstag haben sie dem Parlament eine entsprechende Petition überreicht: Mehr als 115'000 Personen haben unterschrieben, darunter 39 Parlamentarier von links bis rechts. Sie fordern, dass alle Halter von frei laufenden Katzen verpflichtet werden, diese von einem Tierarzt kastrieren zu lassen – wie zum Beispiel in Österreich seit über zehn Jahren praktiziert. Unterstützt werden sie von Naturschützern, welche die Katzen für den Rückgang von gewissen Vogel- und Amphibienarten verantwortlich machen.

Endlich, nach einer halben Stunde, hören wir ein Klicken! Tatsächlich, ein rötliches Büsi ist in die Falle getappt, panisch rennt es gegen das Gitter, dreht sich wild um die eigene Achse. Anita Zybach legt eine Decke über den Käfig. Sofort wirds still. Verängstigte Katzen kratzen und beissen, Zybach hütet sich, das Tier zu berühren. Kürzlich sei ein Arbeitskollege gebissen worden, eine Woche sei er ausgefallen – «damit ist nicht zu spassen». Vom sogenannten «Mamigriff», dem Festhalten der Katze im Nacken, hält sie übrigens nichts, «der Mamigriff ist auch der Greifvogelgriff, also nicht beruhigend für das Tier». Im Notfall benütze sie ein Fangnetz. Die alte Frau streift inzwischen durchs Feld, hält Ausschau nach mausenden Katzen, «chumm, bus, bus». Eine Stunde ist vergangen. Wieder ein Klicken! Wieder ein rotes Büsi!

Seit einem Vierteljahrhundert werden in der Schweiz Katzenkastrations-Aktionen organisiert. Ein Projekt, das Millionen an Spendengeldern verschlingt und keine staatliche Unterstützung erhält. Im Bernbiet mit seinen abgelegenen Höfen sei die Situation besonders ernst, sagt Susy Utzinger: «Manche Landwirte sehen dunkelrot, wenn wir nur schon über Katzen reden möchten.» Dass sie beschimpft und bedroht würden, sei an der Tagesordnung. Es sei deshalb hilfreich, wenn der Tierarzt das Thema anspreche, auf ihn würden die Bauern eher hören als auf «uns doofe Tierschützerinnen».

Kater Tigi ist ein schlechter Jäger

Viele Landwirte weigern sich, ihre Katzen kastrieren zu lassen. Kastrierte Katzen würden keine Mäuse jagen, behaupten sie. Dennis C. Turner, Verhaltensbiologe und Katzenspezialist, widerspricht: «Der Jagdtrieb ist angeboren und nur minimal von den Sexualhormonen beeinflusst.» Die Befürchtung, künftig keine Mäusejäger mehr zu haben, lässt er nicht gelten: Es werde immer genügend Katzennachwuchs geben, man werde nie alle Freigänger kastrieren können.

Bauernverbandspräsident Markus Ritter ist gegen eine Kastrationspflicht: «Wir haben schon genügend Vorschriften.» Sein Hofkater aber ist kastriert –und ein schlechter Jäger. Was aber mehr an der Postur des «stolzen 6½-Kilo-Katers» liegt: Denn Tigi, so Ritter, werde von allen gefüttert, «einmal Miauen reicht». Der CVP-Nationalrat schickt ein Beweisfoto: Tigi liegt rücklings auf dem Sofa – man sieht vor allem Bauch.

Ritters Erfahrung: «Am besten mausen weibliche Katzen, die Nachwuchs zu Hause haben.» Ein Trugschluss, sagt Fachmann Turner, kastrierte Weibchen fressen die Maus halt meist auf dem Feld – «aber das sieht der Bauer nicht». Und was sagt Ritter zum Vorwurf, auf Landwirtschaftsbetrieben würden Katzenjunge nach wie vor ertränkt oder erschlagen? Der oberste Bauer sagt: Alle Katzen, ob krank oder überzählige Junge, dürften nur durch den Tierarzt eingeschläfert werden, «alles andere ist klar abzulehnen».

«Das Wohl der Tiere ist uns wichtiger als das Portemonnaie.»Janina Werner, Tierärztin

Über zwei Stunden sind vergangen, erst zwei Katzen sind in die Falle getappt. Mit jeder gefangenen Katze werde es schwieriger, weiss Anita Zybach aus Erfahrung, denn «Katzen sind schlau». Sie entscheidet, die Aktion abzubrechen und in die Kleintierpraxis ACR in Winterthur-Töss zu fahren. Die beiden Wildfänge in den Käfigen sind mucksmäuschenstill, kein Ton während der ganzen Fahrt. Die Tiere stünden unter Schock.

Kurze Zeit später liegt das erste Büsi narkotisiert auf dem Operationstisch. Désirée Müllhaupt, eine der sechs Tierärztinnen im Team, macht sich an die Arbeit: Der Schnelltest für Katzenaids und Leukose ist, zum Glück, negativ. Der Kater wird geimpft, entwurmt, entfloht, Parasiten werden entfernt – veterinärmedizinische Sanierung heisst das im Fachjargon. Am Ende wird die Spitze des Öhrchens abgeschnitten – damit man sofort erkennt, dass diese Katze kastriert ist. Und sie die Strapazen nicht nochmals durchmachen muss.

Etwa 50 Tierarztpraxen arbeiten mit Susy Utzingers Stiftung zusammen. «Weil uns das Wohl der Tiere wichtiger ist als das Portemonnaie», sagt Tierärztin Janina Werner. Eine Kastration dämme die Verbreitung von Krankheiten deutlich ein. Das in unkastrierten Populationen weit verbreitete Katzenaids zum Beispiel werde durch den Deckakt und Bissverletzungen übertragen. Und – das dürfte jeden Katzenhalter freuen – kastrierte Katzen hinterlassen in der Wohnung keine übel riechenden Markierungen, haben weniger Lust, zu streunen, suchen oft mehr Nähe zu ihren Menschen.

Katzen haben keine Familienplanung im Kopf

Die Kastration eines Katers kostet 100, die aufwendigere Unterbindung eines Weibchens 300 Franken. Landwirte – sie müssten weniger als die Hälfte des regulären Preises zahlen – kämen selten, «leider», fügt Janina Werner an. Aber: Es wäre zu einfach, den Bauern allein die Schuld an der Katzen-Überpopulation zu geben, sagt auch Susy Utzinger. Schlimmer findet sie jene «Katzenfreunde», die sich weigern, ihr frei laufendes Heimtier zu kastrieren. Mit billigen Ausreden: Vom Recht auf sexuelle Freiheit sei die Rede, davon, dass jede Kätzin wenigstens einmal im Leben Junge gebären dürfe. Die Tierschützerin ärgert sich über diese Vermenschlichung: «Eine Katze hat doch keine Familienplanung im Kopf.»

In der Tierarztpraxis kommen die beiden operierten Büsi, ein Kater und eine laktierende Katzenmutter, langsam wieder zu sich. Sobald sie ganz wach sind, wird Anita Zybach sie zurück auf den Hof der alten Frau bringen und in die Freiheit entlassen. Keine Schonzeit für die Katzenmutter: Noch am gleichen Abend muss sie ihre Jungen säugen, die gierig mit den Pfötchen gegen die frische Narbe an ihrem Bauch drücken werden. Tierretterin Zybach wird wiederkommen – bis alle sieben Katzen kastriert sind.

Erstellt: 16.06.2018, 21:12 Uhr

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