«Über 200'000 Blitze in den letzten Stunden»

Massive Überschwemmungen, drei Tote: Süddeutschland wurde von einem seltenen Gewittersystem verwüstet, erklärt Cédric Sütterlin von Meteonews.

Strassen verwandelten sich in reissende Flüsse: Leserreporter-Videos zeugen von der Wucht der Wassermassen in Süddeutschland. (30. Mai 2016)

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In Süddeutschland haben Überschwemmungen bislang 3 Todesopfer gefordert. Was hat zu diesen starken Regenfällen geführt?
Diverse Gewitterzellen haben sich über Ost-Baden-Württemberg und Bayern zu einem grossen Gewittersystem zusammengeschlossen. Dieses wurde von einem Tiefdruckgebiet gefüttert, das warme Mittelmeerluft zugeführt hat. Das hat zu extremen Niederschlagsmengen geführt – 40 bis 100 Liter pro Quadratmeter in den letzten 24 Stunden. In den letzten 18 Stunden wurden über Deutschland zudem mehr als 200'000 Blitzentladungen registriert. Ein solches Gewittersystem kennt man zu dieser Jahreszeit hauptsächlich in den USA, in Europa ist es sehr selten.

Das Wasser steht in gewissen Orten meterhoch in den Strassen – und es regnet noch immer. Verschlimmert sich die Lage weiter?
Die Pegel dürften zwar nicht mehr weiter ansteigen, aber auf hohem Stand bleiben. Wo sich Strassen in Flüsse verwandelt haben, könnte das auch in den kommenden Stunden so bleiben. In den nächsten Tagen sollte sich die Lage dann aber entspannen, grössere Niederschlagsmengen sind im betroffenen Gebiet nicht zu erwarten.

Bildstrecke – Fluten in Süddeutschland:

Sie haben die massiven Blitzentladungen über Deutschland angesprochen. Ein Betreuer wurde während eines Fussballspiels im Bundesland Rheinland-Pfalz direkt getroffen, über 30 Menschen wurden verletzt. Ein seltenes Phänomen?
Dass Menschen direkt getroffen werden, kommt immer wieder vor. Besonders gefährdet sind etwa Bergsteiger oder Wanderer, die in ein Gewitter geraten und je nachdem den höchsten Punkt der Umgebung bilden. Schlägt der Blitz in ein Fussballfeld ein, leitet der nasse Rasen den Strom und trifft alle Menschen auf dem Feld, daher die vielen Verletzten. In der Schweiz ist mir kein solcher Fall bekannt. Es kommt aber immer wieder vor, dass ein Bauer nach einem Gewitter tote Kühe auf dem Feld vorfindet, weil sie unter einem Baum Schutz gesucht haben und deswegen getroffen wurden.

Die Wasserpegel stehen nach heftigen Gewittern am Wochenende auch in der Schweiz hoch, Hochwasserwarnungen gelten für Teile der Aare, Reuss, Emme und des Rheins. Sind hierzulande ebenfalls Überschwemmungen zu befürchten?
Die Abflüsse wurden sicherheitshalber geöffnet, weil nicht klar war, wie sich die Gewitterzellen am Wochenende weiterbewegen. Die Niederschlagsmenge war aber wesentlich geringer als in Süddeutschland, etwa 10 bis 20 Liter pro Quadratmeter in den letzten 24 Stunden. In den nächsten Tagen kommt es zwar immer wieder zu Schauern und lokal zu Gewittern, die Regenmengen dürften aber gering bleiben. Vielleicht tritt mal ein Dorfbach über die Ufer, aber grössere Überschwemmungen sind hierzulande nicht zu erwarten.

Ein Video aus Braunsbach im Norden von Stuttgart. (Quelle: Facebook / Schwäbisch Hall läuft)

Leser in der Region Bern berichteten am Samstag von Hagelkörnern in der Grösse von Ping-Pong-Bällen. Ist das ungewöhnlich?
Im Mai und Juni ist generell Hagelsaison. Es dürfte wahrscheinlich jede Woche ein Gewitter geben mit Hagelkörnern von zwei bis drei Zentimeter Durchmesser. Ping-Pong-Ball-Grösse ist schon seltener. Aber auch Hagel von sechs bis sieben Zentimeter Durchmesser – so gross wie Tennisbälle – kommt in der Schweiz vor, etwa alle ein bis zwei Jahre.

Abgeschnitten: Aufräumarbeiten nach einem Erdrutsch in Madra TI. (Sonntag, 29. Mai 2016, Bild: Keystone)

Im Valle Malvaglia im Tessin sitzen wegen Erdrutschen 250 Personen im oberen Talbereich fest. Wie ist die Situation in den Bergen?
Die Böden sind ziemlich gesättigt. Heikel wird es bei starken, lokalen Niederschlägen, also wenn ein heftiges Gewitter etwa eine halbe Stunde über dem gleichen Gebiet bleibt. Dann könnte es zu weiteren Erdrutschen kommen. In den nächsten Tagen erwarten wir aber keine grösseren Gewitter.

Erstellt: 30.05.2016, 09:54 Uhr

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