Das Handy als Tatwaffe – Südkoreas Problem mit Voyeuren

Der beliebte südkoreanische TV-Moderator Kim Sung-joon wurde dabei erwischt, wie er einer Frau unter den Rock fotografierte.

Mit seinen Sendungen ist es nun vorbei: Moderator Kim Sung-joon. Foto: PD

Mit seinen Sendungen ist es nun vorbei: Moderator Kim Sung-joon. Foto: PD

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Er hat eines der bekanntesten Gesichter Südkoreas: Kim Sung-joon ist ein TV-Star. Auf dem privaten Sender SBS, der landesweit ausgestrahlt wird, präsentierte er die Abendnachrichten. Er war Chefredaktor, moderierte Talkshows. Er hatte auch im Radio eine eigene Sendung, «Kim Sung-joons Nachrichtenobservatorium», in der über wichtige Ereignisse vertieft berichtet wurde. Enthüllungen ge­hörten zur Spezialität des 56-Jährigen, darunter die Untersuchung sexueller Übergriffe.

Damit ist es vorbei. Am Montag hat Kim Sung-joon seinen sofortigen Rücktritt bekannt gegeben. SBS akzeptierte die Kündigung ohne Kommentar. Vor einer Woche war Kim von der Polizei ertappt worden. Er hatte am späten Abend in der U-Bahn der Hauptstadt Seoul «die untere Hälfte einer Frau fotografiert», wie es etwas umständlich hiess: Er hatte eine Kamera, vermutlich sein Smartphone, heimlich einer Frau unter den Rock geschoben und ein Bild gemacht. Ein anderer Mann beobachtete ihn dabei, alarmierte die Frau und die Polizei, die sofort eingriff. Anfangs bestritt Kim alles – bis das Foto auf seinem Telefon entdeckt wurde.

«Molka» heisst in Südkorea die Praxis, mit versteckten Kameras intime Inhalte aufzunehmen. Das Kunstwort aus dem koreanischen «mollae», «heimlich», und dem englischen «Camera» bezeichnet ein Phänomen, das in Südkorea epidemische Ausmasse angenommen hat. Seit der Smartphone-Boom immer kleinere, immer bessere Kameras hervorgebracht hat, haben Voyeure zehntausendfach Geräte installiert, die oft kaum grösser als ein Stecknadelkopf sind. In öffentlichen Toiletten, in Hotelzimmern, auf Rolltreppen, in Umkleidekabinen. Das Problem ist so gross, dass die Stadtverwaltung von Seoul inzwischen alle mehr als 20'000 öffentlichen Toiletten regelmässig nach versteckten Kameras durchsuchen lässt.

Harte Bestrafungen sind selten

2018 wurden der Polizei 6800 solche Fälle gemeldet, die Dunkelziffer liegt Experten zufolge weit höher. Und nur wenige spektakuläre Fälle werden bekannt. Im März flog eine Bande auf, die in 30 Motels im ganzen Land Minikameras versteckt und Livestreams intimer Szenen gegen Bezahlung im Internet angeboten hatte. 1600 Hotelgäste sollen ohne ihr Wissen gefilmt worden sein. Ebenfalls im März zog sich Jung Joon-young aus dem ­öffent­lichen Leben zurück. Der 28-Jährige war Mitglied der K-Pop-Band Big Bang, hatte sich mehrfach beim Sex mit Frauen gefilmt und die Videos im Internet angeboten. Er werde sich seiner «illegalen und unethischen Taten» ein Leben lang schämen, sagte er.

Letztes Jahr demonstrierten Zehn­tausende Frauen gegen die versteckten Kameras unter dem Motto «Mein Leben ist nicht dein Porno». Sie forderten ein konsequenteres Vorgehen der Behörden gegen die Täter – fast ausschliesslich Männer. Das Gesetz droht zwar mit Strafen von bis zu fünf Jahren Haft. Aber nur die wenigsten Täter werden tatsächlich hart bestraft.

Auch bei Kim Sung-joon ist unklar, ­ob ihm eine Strafe droht. Er hofft wohl, mit einer Entschuldigung davonzukommen. Er sei betrunken gewesen und habe einen «schrecklichen Fehler gemacht», sagte er. «Ich entschuldige mich aufrichtig bei dem Opfer.»

Erstellt: 10.07.2019, 21:49 Uhr

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