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«Das ist eine Krise in der Krise»

Ein halbes Jahr nach dem Beben bleibt die Lage in Nepal verheerend. Von den versprochenen neuen Häusern ist nichts zu sehen. Die zuständige Spendenverwaltung existiert nicht mehr.

Hilfsorganisationen warnen vor einer neuen Katastrophe: Ein nepalesischer Junge spielt in den Trümmern eines Hauses in Bhaktapur, Nepal (20. Oktober 2015)
Hilfsorganisationen warnen vor einer neuen Katastrophe: Ein nepalesischer Junge spielt in den Trümmern eines Hauses in Bhaktapur, Nepal (20. Oktober 2015)
Niranjan Shrestha, AFP
Tausende Erdbeben-Opfer leben noch immer in Notunterkünften. (20. Oktober 2015)
Tausende Erdbeben-Opfer leben noch immer in Notunterkünften. (20. Oktober 2015)
Niranjan Shrestha, AFP
Die Bevölkerung leidet unter der Regierung, die sich in interne Querelen verstrickt anstatt für angemessene Hilfe zu sorgen. (24. Oktober 2015)
Die Bevölkerung leidet unter der Regierung, die sich in interne Querelen verstrickt anstatt für angemessene Hilfe zu sorgen. (24. Oktober 2015)
Niranjan Shrestha, AFP
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Viele Nepalesen leben auch ein halbes Jahr nach dem zerstörerischen Erdbeeden noch immer in Notunterkünften. Diese sind ungeeignet für den bevorstehenden harten Winter. Von den versprochenen neuen Häusern ist noch nichts zu sehen. Dort sollten Millionen Opfer des Erdbebens in Nepal vom Frühjahr einziehen. Doch die Organisation, die Spenden in Milliardenhöhe verwalten sollte, existiert nicht mehr.

Wegen anhaltender Proteste an der Grenze kommen dringend benötigte Hilfsgüter nicht ins Land. Hilfsorganisationen warnen angesichts des bevorstehenden Winters vor einer neuen Krise, vor allem für die schätzungsweise 400 000 Nepalesen, die auf 1500 Metern Höhe und mehr leben.

«Das ist eine Krise in der Krise»

Einige von ihnen sind immer noch in Notunterkünften im ganzen Land untergebracht. Offizielle Zahlen dazu gibt es nicht. Die Zelte und provisorischen Hütten haben die Menschen vor dem Monsunregen geschützt. Doch diese Behausungen werden nur wenig ausrichten können gegen den Schnee und die eisigen Temperaturen, die Ende November in den Gebirgsdörfern erwartet werden.

«Das ist eine Krise in der Krise», sagt Harris Nyatsanza, Notfallmanager der Hilfsorganisation Plan International. «Es ist ziemlich sicher, dass viele Leute erkranken werden. Diese Menschen leben in einfachen Unterkünften, die nicht gerüstet sind für den Winter.»

«Es wird Tote geben»

Die US-Botschaft in Nepal erklärte am Donnerstag: «In wenigen Wochen wird der Winter kommen, und die internationale Gebergemeinschaft ist nicht in der Lage, überlebenswichtige Hilfsgüter in viele gefährdete Gemeinden zu liefern. Menschenleben sind in Gefahr, und wir befürchten, dass dies in eine humanitäre Krise münden könnte.»

Viele Opfer des Bebens vom 25. April und der Nachbeben leben in Dörfern, die nur zu Fuss erreichbar sind. Während der Wintermonate wird ein Grossteil der Ortschaften komplett von der Aussenwelt abgeschnitten sein. Jeffrey Shannon vom Hilfswerk Mercy Corps sagt: «Es wird sehr schwierig werden, vor allem für Kinder und alte Menschen mit Atemwegsinfektionen. Schon jetzt erkranken Leute daran, und es wird auch Todesfälle geben.»

Frust und Wut in der Bevölkerung

Bislang wurden noch keine Seuchenausbrüche gemeldet unter den Opfern des Bebens, bei dem fast 9000 Menschen ums Leben kamen und fast eine Million Häuser beschädigt wurden. Auch sechs Monate später leben viele Opfer noch in bitterer Armut und Unsicherheit. Hinzu kommt der Frust über die Regierung, die sich in interne Querelen verstrickt anstatt für angemessene Hilfe zu sorgen.

In Bhaktapur, 13 Kilometer östlich der Hauptstadt Kathmandu, lebt die 70-jährige Kanchi Prajapati mit sechs Angehörigen in einer Wellblechhütte, seit das Beben das Haus der Familie zerstörte. Die Stadt liegt zwar unterhalb von 1500 Metern, muss aber im Winter trotzdem mit Temperaturen nur knapp über dem Gefrierpunkt rechnen.

«Alles, was wir von der Regierung bekommen haben, waren Versprechungen», sagt Prajapati, die neben einem offenen Abwasserkanal und einer Gemeinschaftstoilette für fast 40 Familien steht.

Dünne Blech-Schicht einziger Schutz

«Wir leben jetzt seit sechs Monaten in dieser Hütte und können nichts tun ausser warten», sagt sie. Sie sei wütend auf die Regierung, die nur damit beschäftigt sei, untereinander um die Macht zu kämpfen. «Wir sind von unserer eigenen Regierung vergessen worden. Wir haben nur eine dünne Schicht Blech, die uns vor diesem Winter schützen soll. Es wird sehr kalt werden, und wahrscheinlich werden wir alle krank.»

Prajapatis Nachbar Nuche Ram hat bei dem Beben seinen Bruder und das Haus der Familie verloren. Jetzt teilt er sich zusammen mit zwölf Verwandten eine Wellblechhütte nur wenige Meter von den Prajapatis entfernt. «Wir haben ein bisschen Geld bekommen, das für unser Essen draufgegangen ist, und jetzt haben wir kein Geld mehr, um unser Haus wieder aufzubauen», sagt Ram. «Ich habe zurzeit keine Arbeit, weil es im Moment einfach keine gibt.»

45 Tote bei Unruhen

«Wir haben keine Regierung, und alles, was wir hören, sind Versprechungen in den Nachrichten», sagt er, während seine Familie ihre Mahlzeit aus Reis, Linsen und Kartoffeln isst. Die eigentlich während des derzeitigen zweiwöchigen Dasain-Festes übliche Tagesration Fleisch können sich die Rams nicht mehr leisten.

Bei den Hilfsanstrengungen nach dem Beben lief von Anfang an vieles schief. Zuerst behinderte der Monsun die Auslieferung von Zelten, Planen und Blech. Dann folgten Proteste gegen eine neue Verfassung für den Himalaya-Staat, die Unruhen kosteten im August 45 Menschen das Leben. Nach der Verabschiedung der Konstitution im September blockierten Demonstranten wichtige Grenzübergänge, so dass die Hilfslieferungen erneut gebremst wurden und zudem inzwischen eine Benzinknappheit herrscht.

Fehlende Richtlinien

Unter keinem guten Stern stand auch die nach monatelangem Ringen gegründete Nationale Wiederaufbaubehörde, die die internationalen Hilfen und Kredite in Gesamthöhe von 4,1 Milliarden Dollar (3,8 Milliarden Euro) verwalten sollte. Sie platzte aus formalen Gründen nach nur elf Tagen. Ihre geplante Wiedereinsetzung stockt.

Das Fehlen der Behörde lähmt auch die Arbeit der Hilfsorganisationen. «Wir können keinen Wiederaufbau leisten oder an der Infrastruktur arbeiten, weil es keine Regelungen gibt», sagt Jason Katz von World Vision. «Wir haben das Material zur Verfügung, können es aber nicht einsetzen, weil wir keine Richtlinien haben.»

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