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«Das ist er, boom, erledigt»

Der Mann, der Osama Bin Laden erschossen haben soll, wurde nach eigenen Angaben von der Navy fallen gelassen und ist finanziell ruiniert. Nun spricht er erstmals über die Nacht, die sein Leben veränderte.

Mit Schüssen in den Kopf getötet: Al-Qaida-Anführer Osama Bin Laden bei einem Interview im saudiarabischen TV. (April 2002)
Mit Schüssen in den Kopf getötet: Al-Qaida-Anführer Osama Bin Laden bei einem Interview im saudiarabischen TV. (April 2002)
AFP

Zum ersten Mal spricht der Navy Seal, der Osama Bin Laden getötet haben soll, über die Nacht, in der der Al-Qaida-Anführer starb. In einer ausführlichen Reportage erzählt der US-Journalist Phil Bronstein im Magazin «Esquire» dessen Geschichte. Über den Zeitraum von mehr als einem Jahr hatte sich Bronstein für den Artikel mit dem Elitesoldaten getroffen.

Der Familienvater ist laut dem Bericht ein gebrochener Mann. Er habe Ende vergangenen Jahres aus gesundheitlichen Gründen freiwillig den Dienst als Scharfschütze der Navy Seals quittiert. Weil er das vorgeschriebene Pensionsalter aber nicht erreicht habe, sei ihm nichts geblieben: «Keine Pension, keine Krankenversicherung, kein Schutz für sich und seine Familie.»

«Der Mann, der Osama Bin Laden tötete, weiss nicht, wie er seine Ehefrau und seine Kinder ernähren oder für ihre medizinische Versorgung aufkommen soll», schreibt Bronstein einleitend. Er erhebt in seinem Bericht schwere Vorwürfe gegen die US-Streitkräfte, die den Todesschützen nach seinem Austritt aus der Navy fallen gelassen hätten. Der frühere Elitesoldat versuche nun, sich als freiberuflicher Berater im Sicherheitsbereich durchzuschlagen.

Seine Familie lebt in Angst

Im Privatleben erwies sich die Teilnahme am Einsatz gegen Bin Laden für den 35-Jährigen als Bürde. Seine Familie lebe in Angst vor möglichen Racheakten, erzählte er.

Von seiner Frau habe er sich mittlerweile getrennt, die Familie lebe aber noch immer unter einem Dach – vor allem, um Kosten zu sparen. «Er hat so viel für sein Land gegeben, und nun scheint es, dass er im Staub zurückgelassen wird», sagte die Frau zu «Esquire».

Abschiedsbriefe an die Kinder

Im Artikel beschreibt der Scharfschütze ausführlich die Tötung von Osama Bin Laden. Die Konfrontation habe dabei nur 15 Sekunden gedauert: «Das ist er, boom, erledigt.» Er bestätigt die offizielle Version der US-Regierung. Demnach stürmten die Soldaten das Haus des Terrorfürsten im pakistanischen Abbottabad und kämpften sich in den dritten Stock vor, wo Bin Laden sich in seinem Schlafzimmer aufhielt. Als er einen Mann darin entdeckte, sei ihm sofort klar gewesen, dass es sich um Bin Laden handeln müsse. «Er sah verwirrt aus. Und deutlich grösser, als ich erwartet habe», sagte der Soldat. Weil der Al-Qaida-Chef seine jüngste Frau vor sich hergeschoben habe, habe er befürchtet, dass sie eine Sprengstoffweste tragen könnte. Ausserdem habe Bin Laden eine Kalaschnikow in seiner Nähe gehabt. «Er war eine Bedrohung», sagte der Soldat.

«Ich schoss ihm zweimal in die Stirn. Bap! Bap! Das zweite Mal, als er zusammensackte. Er ging neben seinem Bett zu Boden und ich traf ihn nochmals, Bap! in die Stirn. Er war tot. Bewegte sich nicht. Seine Zunge hing aus dem Mund. Ich sah ihn seine letzten Atemzüge tun, die nur noch ein Reflex waren.» Dann habe er sich gefragt: «Ist dies das Beste oder das Schlechteste, was ich je getan habe?»

Der Schütze war laut dem Bericht einer der Anführer der Spezialeinheit, die zur Tötung Bin Ladens gebildet wurde. Erst rund einen Monat vor dem Einsatz hätten sie erfahren, wer ihr Ziel sei, bis dahin seien sie ahnungslos gewesen. Er habe nicht damit gerechnet, die Mission zu überleben, sagt der Schütze. In den letzten Tagen vor dem Einsatz habe er Abschiedsbriefe an seine Kinder geschrieben, die sie im Fall seines Todes bekommen sollten. Als er sich am 1. Mai 2011 dann auf den Einsatz vorbereitet habe, habe er noch seinen Vater angerufen: «Hey, ich gehe jetzt arbeiten.»

«Es ist besser, getötet zu werden»

Anders als andere an der Mission beteiligte Offiziere wolle der Todesschütze seine Geschichte nicht vermarkten, sondern anonym bleiben, schreibt Bronstein weiter. Es falle ihm schwer, zu glauben, dass dieser Mann, der Hunderte erfolgreicher Kriegsmissionen durchgeführt und seine Karriere mit der Ermordung Bin Ladens gekrönt habe, mit leeren Händen dastehe. Dutzende Menschen würden mit dem Tod Bin Ladens nun Geld verdienen – «nur nicht der, der ihn tatsächlich tötete».

Wäre der Todesschütze beim Einsatz in Pakistan gestorben, wäre laut dem Bericht dank einer Lebensversicherung der Navy wenigstens für seine Familie gesorgt gewesen. «Aber wenn ich lebend zurückkomme und in den Ruhestand gehe, bekomme ich nichts. Es ist besser, getötet zu werden, so traurig es auch klingt.»

Mit Material von AFP

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