Das koschere Wiki

Ultraorthodoxe Juden schreiben eine Wikipedia, die ihrer Weltsicht entspricht – Fotos von Frauen oder Jahreszahlen kommen ebenso wenig vor wie der Begriff Evolution.

Am Internet führt kein Weg vorbei: Haredim mit Laptop. Foto: Getty

Am Internet führt kein Weg vorbei: Haredim mit Laptop. Foto: Getty

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Die ultraorthodoxen Juden in Israel sind eine stark wachsende Bevölkerungsgruppe: Mehr als eine Million der gut acht Millionen Einwohner des Landes gehören zu den Haredim, die nach streng religiösen Gesetzen leben. Zwei Drittel der Haredim-Männer gehen keiner Arbeit nach, sondern widmen sich dem Studium religiöser Schriften.

In die abgeschottete Gemeinschaft der Haredim dringt nun aber auch Neuzeitliches vor: das Internet. Um dem zu begegnen, bauen die Ultraorthodoxen eine Art koschere Wikipedia auf, die ihre Weltsicht zeigt – und in Israel für Aufsehen sorgt. Initiator ist ein junger chassidischer Rabbi, und für das Projekt «Hamichlol» nutzen die Betreiber die Wiki-Technologie. Ihr Ziel ist es, «die grösste jüdische Enzyklopädie» zu schaffen mit Einträgen, die sich «mit der Thora, jüdischen Werten und der Geschichte des jüdischen Volkes beschäftigen». Es sollen Beiträge «aus allen säkularen Feldern» übernommen werden, aber «in sauberer Sprache geschrieben, die mit der jüdischen Weltsicht übereinstimmt».

Frauen wegretuschiert

Von der hebräischen Version des Onlinelexikons wurden Zehntausende Einträge übernommen. Was mit der Sicht der Haredim aber nicht in Einklang steht, wird umgeschrieben oder weggelassen. Das geht so weit, dass auf dem Foto, das den Eintrag zur aktuellen israelischen Regierung illustriert, die drei Ministerinnen des Kabinetts wegretuschiert wurden. Denn nach Meinung der ultraorthodoxen Juden sind Abbildungen von Frauen in der Öffentlichkeit verboten. Auf Plakaten werden Frauengesichter deshalb immer häufiger unkenntlich gemacht.

Da die Haredim auch wissenschaftliche Erkenntnisse wie die Evolution negieren, kommt dieses Wort in der ultraorthodoxen Wikipedia einfach nicht vor. Da sie eigene Zeitvorstellungen haben und auf die Ankunft des Messias und damit auf den Judenstaat warten, werden Jahreszahlen nicht übernommen. Das ist vor allem bei Einträgen über die Paläontologie der Fall.

Jeder darf Autor sein

Auf diese Weise entsteht eine virtuelle Parallelwelt, die den Transparenzprinzipien von Wikipedia ebenso widerspricht wie den Werten der Aufklärung. Die Autoren der hebräischen Wikipedia-Version sind über die ultraorthodoxe Variante nicht glücklich, sie beklagen einen Missbrauch. Rechtlich gegen den Ableger vorgehen aber können sie nicht. Denn Wikipedia ist ein Open-Source-Projekt, die Inhalte stehen unter frei nutzbaren Lizenzen. Es sieht jedoch auch vor, dass jeder als Autor mitmachen kann. Die ultraorthodoxen Ansichten dürften deshalb nicht lange unwidersprochen bleiben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.03.2018, 21:44 Uhr

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