Den unbezwingbaren Wilden bezwingen

Der K2 ist mit 8611 Metern der zweithöchste Berg der Welt – und bislang im Winter unbezwungen. Zwei Expeditions-Teams wollen das ändern.

Jeder Vierte, der den K2 besteigen wollte, ist bisher ums Leben gekommen. Foto: iStock

Jeder Vierte, der den K2 besteigen wollte, ist bisher ums Leben gekommen. Foto: iStock

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Der K2, so sagt es Artem Braun, «ist ein Berg wie ein Fels in der Brandung». Das ist das Bild, das für ihn diesen riesenhaften Berg am besten beschreibt: Die Winde umspülen ihn wie Wellen im Ozean. Nur, dass der K2 nicht von Wasser, sondern vom ewigen Eis des Baltoro- und des Godwin-Austen-Gletschers umgeben ist. Der mit 8611 Metern zweithöchste Berg der Welt ist der nördlichste aller Achttausender. Und der einzige, der bisher im Winter unbezwungen ist.

Artem Braun, 43-jähriger Russe, will das ändern, er organisiert den Besteigungsversuch einer Gruppe von russischen, kirgisischen und kasachischen Alpinisten. Seit ein paar Tagen ist sein Team im Basislager, genau wie ein Team von Spaniern, das kurz nach Brauns Gruppe im Basislager eintraf. Es ist die fünfte Winterexpedition am K2 im Karakorum-Gebirge.

Der Berg hat den Ruf des «Savage Mountain», des unbezwingbaren Wilden unter den Achttausendern. Die Einheimischen nennen ihn «Chogori», grosser Berg, kein anderer ist so schwierig zu erreichen, das nächste Dorf liegt 80 Kilometer entfernt. Seine Flanken sind steil und abweisend, ähnlich einer Pyramide aus Eis. Seit der Erstbesteigung des K2 standen mehr als 300 Menschen am Gipfel; fast jeder Vierte, der den Gipfel erreichen wollte, bezahlte das mit seinem Leben.

Doch im Winter ist so ein Berg naturgemäss noch schwieriger zu bezwingen als im Sommer: Die Temperaturen können auf minus 50 Grad sinken, und der Jetstream – der am K2 seine ganze Kraft entfaltet, weil der Berg das grösste Hindernis auf seinem Weg ist – bläst den Schnee stetig ab. Die Bergsteiger bewegen sich also auf poliertem Eis. Aber manchmal spielen die Temperaturen verrückt, und wenn es zu warm wird, schmilzt das Eis und gibt Steine frei, die zu gefährlichen Geschossen werden. Noch dazu sind die Tage im Winter kürzer. Die Zeit, voranzukommen, minimiert sich auf wenige Stunden.

Auf der Suche nach dem «Wetterfenster»: Der Russe Artem Braun. Foto: Privat

«Die Kunst ist es, bei diesen Bedingungen ein passendes Wetterfenster zu finden», sagt Artem Braun am Telefon kurz vor dem Aufbruch. Seine Schwester Anna Braun, die in Düsseldorf lebt, ist per Konferenzschaltung dabei und übersetzt. Im Winter sei man da oben auf sich allein gestellt, für Extremsituationen haben sie Sauerstoff und Medikamente dabei. Und: Sie haben eine Kaution in Höhe von 12'000 Euro hinterlegt, damit das pakistanische Militär notfalls mit Helikoptern ausrückt.

Die pakistanische Regierung muss die Besteigung des Berges genehmigen, neben Brauns Team hat in diesem Winter auch der Baske Alex Txikon eine Erlaubnis bekommen. 2016 gelang dem 37-Jährigen bereits die erste Winterbesteigung des Nanga Parbat (8125 Meter) im Westhimalaya. Txikon landete am 3. Januar in Islamabad, Braun flog in der Silvesternacht in die pakistanische Hauptstadt, und jetzt also sind sie beide im Basislager auf 5000 Metern Höhe. Ein Wettrennen? Im Sommer, sagt Artem Braun, ja, da wäre das so. Aber nicht jetzt: «Eine Konkurrenzsituation wird es am K2 im Winter nicht geben», sagt Braun. Bei den schwierigen Bedingungen im Winter sei das höchste Ziel, überhaupt oben anzukommen – und zu überleben. «Das Schicksal wird entscheiden, ob man während der Expedition zusammenfindet und gemeinsam den Gipfel erreicht.»

«Die Gipfeltour macht nur 40 Prozent des ganzen Prozesses aus»

Auch Alex Txikon ist sich der Gefahren am Berg bewusst, weshalb er seine Gipfelambitionen relativiert. «Die Gipfeltour macht nur 40 Prozent des ganzen Prozesses einer Expedition aus», sagt Txikon Ende Dezember per Video-Telefon. Er trägt ein weisses T-Shirt, Dreitagebart, ist braun gebrannt und wirkt gut gelaunt. Er sitzt während des Gesprächs im Auto, er stehe vor der pakistanischen Botschaft in Madrid, sagt er, wo er sein Visum abgeholt habe: «Heute habe ich mit dem Botschafter einen Tee getrunken, in zwei Wochen bin ich im Basislager.» Welche Route er für den Aufstieg wählt, das will er von den Bedingungen am Berg abhängig machen.

Grafik: SZ
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In den vergangenen Tagen nun waren die Bedingungen so, wie Braun und Txikon es erwartet hatten: unberechenbar. Braun berichtet in einem Blog aus dem Basislager, er schreibt, es gebe viel Wind und viel Schnee, das Wetter sei insgesamt instabil, und er selbst habe sich kurz eine Infektion eingefangen. Sie haben mehrere Zelte aufgestellt, mit einer Küche in der Mitte, und, immerhin: Der Koch sei grossartig.

Ein gutes Dutzend Routen führt auf den K2, nur zwei gelten für eine Winterbesteigung als machbar. Das Team von Artem Braun wird die einfachste Route auf den K2 nehmen, den sogenannten Abruzzi-Sporn, es gilt als wahrscheinlich, dass Txikon ebenfalls diesen Weg wählen wird. Die Route über den Südostgrat wählten auch die Erstbesteiger 1954. «Wir wollen damit unsere Chancen erhöhen und Verluste in jeglicher Form vermeiden», sagt Braun.

Vier Höhenlager werden errichtet

Bis zum Basislager setzten die Teams auf die Hilfe von Trägern. Ein Teil des Materials ist schon im Dezember hinaufgeschafft worden. Die Ausrüstung und persönlichen Gegenstände wiegen etwa 50 Kilogramm pro Person, hinzu kommen die Verpflegung für drei Monate, eine Wetterstation und 2000 Meter Seil zur Absicherung der Route. Zusätzlich zum Basislager werden vier Höhenlager am Berg errichtet, das letzte in 8000 Meter Höhe. Die Teams werden sich etwa drei Monate im Gebiet aufhalten. Für die Gipfelbesteigung, also den «Summit Push», sind drei Wochen veranschlagt. Zunächst wird es aber darum gehen, die Routen einzurichten, Fixseile zu legen. Und sich an die unwirtlichen Bedingungen und die Höhe zu gewöhnen.

Auch er will auf den K2: Alex Txikon, 37, aus Spanien. Foto: Privat

Die Zeit ist begrenzt: Erstbegehungen in der kalten Jahreszeit gelten nur als solche, wenn sie im kalendarischen Winter zwischen 21. Dezember und 21. März stattfinden. In einer strengen Auslegung der Norm sollte die gesamte Expedition und nicht nur der Gipfeltag in diesem Zeitraum liegen – oder gar die Besteigung mit dem 28. Februar abgeschlossen sein.

Zuletzt versuchte es ein polnisches Team im Winter 2018. Es wartete vergeblich auf gutes Wetter. Die Unternehmung endete in einem Alleingang von Denis Urubko, der aufgrund schlechter Sicht auf 7600 Metern umkehren musste. Für kommende Saison hat wieder ein Team aus Polen eine Expedition geplant – vielleicht ist es dann aber schon zu spät für den Titel der Erstbesteigung.

Erstellt: 22.01.2019, 18:12 Uhr

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