Der Aktienbomber

Kein Islamist, kein Rechtsextremer, kein Hooligan – ein Börsenbetrüger versuchte, die Fussballmannschaft von Borussia Dortmund zu töten.

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Es gab die Überreste der Bombe, Bilder der Überwachungskameras des Hotels, drei islamistische Bekennerschreiben am Tatort, ein linksextremistisches im Internet, ein rechtsextremistisches per elektronische Post an zwei Medienunternehmen. Jede Menge Spuren, mit denen eine Hundertschaft von Ermittlern das Bombenattentat von Dortmund aufzuklären hoffte. Die entscheidenden Hinweise kamen dann aus einer ganz ­anderen Richtung.

Nach dem Attentat meldete sich bei Borussia Dortmund ein Börsenhändler, anonym, dem aufgefallen war, dass jemand kurz zuvor mit Finanzderivaten auf einen Kursverfall der Aktie gewettet hatte. Der BVB gab die Information umgehend ans Bundeskriminalamt weiter. Kurz danach machte unabhängig davon der Onlinebroker Comdirect, eine Tochter der deutschen Commerzbank, eine Anzeige. Er hegte Verdacht wegen Geldwäscherei, weil ein deutsch-russischer Kunde bei ihm viel Geld auf einen Sturz der Aktie des Fussballvereins ­gesetzt hatte.

Nach den Bomben ein Steak

Seit dem 13. April, also zwei Tage nach dem Attentat, galt Sergei W. der Bundesanwaltschaft als Hauptverdächtiger. Er wurde von der Polizei Tag und Nacht überwacht – und auf einmal purzelten alle Puzzleteile des Rätsels von Dortmund wie von Zauberhand ineinander. Der 28-jährige Deutschrusse hatte bereits im März anlässlich des Achtelfinal-Heimspiels in der Champions League gegen Benfica Lissabon das Hotel ­L’Arrivée ausgekundschaftet, das der BVB vor wichtigen Spielen aufsucht. Nach der Qualifikation für den Viertel­final reservierte er für die möglichen Heimspieldaten im April je ein Zimmer, jeweils für drei Nächte. Er bestand auf einem Raum, von dem aus er die Route des Mannschaftsbusses übersehen konnte und beharrte auch darauf, als ihm das Hotel bei seiner Ankunft am 9. April ein anderes Zimmer zuweisen wollte.

Am 3. April hatte Sergei W. bereits einen Kleinkredit von 40'000 Euro aufgenommen. Mit einem Teil davon erwarb er am Tag des Anschlags, am 11. April, im Hotel online die gewünschten Verkaufsoptionen. Die Ermittler vermuten, dass er am Abend vom Fenster seines Zimmers aus per Funk einzeln die drei Bomben gegen den Mannschaftsbus zündete. Im Hotel brach danach grosse Aufregung aus. Sergei W. aber ass in aller Seelenruhe noch ein Steak und liess sich massieren. Wie alle Hotelgäste wurde er von der Polizei befragt, fiel dabei aber nicht weiter auf.

Sergei W.s Eltern, die aus Tscheljabinsk im Südural stammen, kamen 2003 nach Deutschland. Damals war Sergei 14 Jahre alt. Er besitzt einen deutschen und einen russischen Pass, diente in der Bundeswehr in einer Sanitätseinheit und bildete sich zum Elektroniker aus. 2015 erhielt er für seine technischen Kenntnisse einen Preis der Berufsschule. Die Ermittler halten ihn für ­fähig, die Bombe und die Zündvorrichtung selbst gebaut zu haben. Sergei W. wohnte zuletzt in Freudenstadt, unweit von Tübingen, wo er im Heizwerk der Universitätsklinik als Elektriker arbeitete. Ein Spezialkommando der Elitetruppe GSG9 verhaftete ihn am frühen Freitagmorgen auf dem Weg zur Arbeit, aus Sorge, der mutmassliche Bomber könnte seine Wohnung mit Sprengfallen versehen haben.

Zwei dilettantische Fehler

Falls Sergei W. der Täter war, hat er bei seinem ausgeklügelten Verbrechen zwei verblüffend dilettantische Fehler gemacht: Der erste war, dass er offenbar nicht wusste, dass Insidergeschäfte an der Börse schnell auffallen. Der zweite, dass er bei der Platzierung der wichtigsten Bombe patzte – zum grossen Glück der Fussballer. Nach Angaben der Bundesanwaltschaft waren die drei Bomben auf einer Länge von 12 Metern in einer Hecke neben der Strasse platziert und wurden zeitlich perfekt synchronisiert gezündet. Die wichtigste Bombe aber, die in der Mitte, stand etwas zu hoch, sodass ihre immense Spreng- und Splitterwirkung über den Bus hinwegging. So richteten nur die Bomben hinten und vorn am Sicherheitsglas Schaden an – und nur ein Spieler, Verteidiger Marc Bartra, wurde durch Splitter an Arm und Hand verletzt.

Statt viele Tote gab es also nur einen Verletzten – der Kurs der Aktie von Borussia Dortmund sank am nächsten Morgen denn auch nur kurzzeitig um wenige Prozent. Bis zum Ende des Tages lag er bereits wieder um 1,7 Prozent im Plus. Die zynische Wette auf einen massiven Kurssturz hatte sich damit innert Stunden zerschlagen.

Wie viel Geld Sergei M. zu gewinnen hoffte, haben die Ermittler bisher nicht bekannt gegeben. Nach Informationen des «Spiegels» erwarb der Deutschrusse am Anschlagstag insgesamt 65'000 Optionen, für die er rund 7000 Euro bezahlte. Es handelte sich um vier verschiedene Produkte der genossenschaftlichen DZ Bank. Die sogenannten Put-Optionen gaben ihm das Recht, ­Aktien von Borussia Dortmund zu einem festgelegten Preis an die Bank zu verkaufen. Wäre ihr Kurs an der Börse deutlich unter den festgelegten Preis gesunken, hätte er sie an der Börse billig kaufen und an die Bank zum garantierten Preis verkaufen können. Die Differenz hätte er als Gewinn eingestrichen.

Wie hoch wäre der Gewinn?

Die tödliche Wette wäre nur lukrativ gewesen, wenn der Kurs des BVB massiv eingebrochen wäre. Der «Spiegel» hat es an einem konkreten Beispiel mit einem garantierten Verkaufspreis von 4.80 Euro vorgerechnet: Wäre der Kurs nach dem Anschlag von rund 5.40 auf 1 Euro gefallen, hätte der Käufer abzüglich der Gebühren 3.68 Euro pro Option einnehmen können. Bei 15'000 Scheinen hätte ein Gewinn von 55'000 Euro heraus­geschaut – bei einem Einsatz von 1800 Euro. Mit allen Scheinen, die Sergei W. erworben hatte, wäre ein Gewinn von gut 200'000 Euro möglich gewesen.

Aus Geldgier eine ganze Fussballmannschaft auszulöschen – eine solche Niedertracht muss man sich auch erst mal vorstellen können.

Erstellt: 21.04.2017, 23:11 Uhr

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