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Aufstieg und Fall des Filmmoguls

Er galt als König Hollywoods. Nun beginnt in New York das erste Strafverfahren gegen Harvey Weinstein. Eine Chronologie der bisherigen Ereignisse.

Anna Fischhaber, Max Sprick
Harvey Weinstein bei einer Kautionsanhörung vor Gericht vor zwei Jahren. Nun startet in New York der Prozess. Foto: Lucas Jackson/Reuters
Harvey Weinstein bei einer Kautionsanhörung vor Gericht vor zwei Jahren. Nun startet in New York der Prozess. Foto: Lucas Jackson/Reuters

Harvey Weinstein war in den vergangenen Jahrzehnten die so ziemlich schillerndste Figur im Kinobetrieb, ein Rüpel, der aber mit Leidenschaft vorantrieb, woran er glaubte. Selbst seine Feinde gestanden ihm einen sicheren Instinkt für gute Filmstoffe zu – und für Marketing. Weinstein war einer der erfolgreichsten Produzenten Hollywoods. Einer, der Preis um Preis anhäufte und Blockbuster um Blockbuster ablieferte. Bis zum Oktober 2017 und Artikeln in der New York Times und dem Magazin New Yorker. Inzwischen beschuldigen ihn mehr als 80 Frauen der Nötigung und der Vergewaltigung.

In New York beginnt nun der erste Strafprozess gegen Weinstein. Die Anschuldigungen zweier Klägerinnen glaubt die Staatsanwaltschaft beweisen zu können. Bei einer Verurteilung droht dem Produzenten, der die Anschuldigungen bestreitet, eine lebenslange Haft. Doch bis zu einem Urteil ist es noch ein weiter Weg. Die nachfolgende Chronik zeichnet Weinsteins Aufstieg zum Filmmogul nach.

1979

Harvey (l.) und Bob Weinstein im Jahr 1997. Bild: Reuters
Harvey (l.) und Bob Weinstein im Jahr 1997. Bild: Reuters

Im Alter von 27 Jahren gründet Harvey Weinstein mit seinem jüngeren Bruder Bob ein Produktionsunternehmen, das sie nach ihren Eltern benennen: Miramax. Das Studio gründen sie zunächst zum Verleih von fremdsprachigen Filmen und Independent-Produktionen, die in den 1980er-Jahren keinen Zutritt zum starren Studio-System finden und als kommerziell unattraktiv gelten. Berühmt wird Miramax 1992 mit «Reservoir Dogs – Wilde Hunde». Es ist der erste Kinofilm des Regisseurs Quentin Tarantino.

1993 bis 2005

Gwyneth Paltrow, Hillary Clinton und Harvey Weinstein (von links) bei der Premiere von «Shakespeare In Love» 1998. Bild: Peter Morgan/Reuters
Gwyneth Paltrow, Hillary Clinton und Harvey Weinstein (von links) bei der Premiere von «Shakespeare In Love» 1998. Bild: Peter Morgan/Reuters

Miramax wird eine Tochtergesellschaft von Disney, die dem Studio ein Budget von 700 Millionen US-Dollar bereitstellt. Ein Grossteil wird zum Aufbau von Stars wie Ben Affleck, Jude Law, Gwyneth Paltrow, Quentin Tarantino und Renée Zellweger verwendet. Nachdem sich die Weinsteins 2005 mit Disney überwerfen, verlassen beide Brüder die Firma und gründen mit der Ablösesumme The Weinstein Company.

Ab 2005

Quentin Tarantino und Harvey Weinstein bei den Oscars 2013. Foto: Kevork Djansezian/Getty Images
Quentin Tarantino und Harvey Weinstein bei den Oscars 2013. Foto: Kevork Djansezian/Getty Images

«The Weinstein Company» erstellt Werke wie «The King's Speech» oder «Django Unchained». Harvey Weinstein wird zum «König Midas» in Hollywood – wegen des finanziellen Erfolgs und wegen der vielen Auszeichnungen. Der Produzent inszeniert sich als Feminist, finanziert einen Lehrstuhl zu Ehren einer Frauenrechtlerin, stiftet ein Stipendium für junge Regisseurinnen und produziert den Dokumentarfilm «The Hunting Ground» über sexuelle Übergriffe. 2012 zählt das Time Magazine Weinstein zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt.

7. Oktober 2017

Bis jetzt sind 20 Filme in der Kategorie «Bester Film» für den Oscar nominiert worden, an deren Produktion Weinstein beteiligt ist, fünf gewinnen den Preis. Dem Time Magazine zufolge beläuft sich sein Vermögen auf bis zu 300 Millionen Dollar. Meryl Streep bezeichnet Weinstein als «Gott». Dann berichten die New York Times und das Magazin The New Yorker, dass er über Jahrzehnte weibliche Angestellte und Schauspielerinnen sexuell belästigt haben soll. Der damals 65-Jährige lässt sich deshalb von seiner eigenen Firma freistellen. Er erklärt, er habe sich unangemessen verhalten und wolle eine Auszeit nehmen, um seine «Dämonen»" in den Griff zu bekommen. Er sei in den 1960er- und 1970er-Jahren aufgewachsen, in denen die Verhaltensregeln und das Arbeitsumfeld anders gewesen seien. «Das war die Kultur damals.»

8. Oktober 2017

The Weinstein Company zieht Konsequenzen aus den Belästigungsvorwürfen. In einer Erklärung heisst es: «Im Licht neuer Informationen, die über das Fehlverhalten von Harvey Weinstein in den vergangenen Tagen bekannt wurden, haben die Direktoren der Weinstein Company – Robert Weinstein, Lance Maerov, Richard Koenigsberg und Tarak Ben Ammar – beschlossen und Harvey Weinstein entsprechend informiert, dass seine Anstellung bei der Weinstein Company mit sofortiger Wirkung beendet ist.»

11. Oktober 2017

Harvey Weinstein und seine Ehefrau Georgina Chapman im Februar 2017. Foto: Reuters
Harvey Weinstein und seine Ehefrau Georgina Chapman im Februar 2017. Foto: Reuters

Weinsteins Ehefrau trennt sich von ihm. «Ich habe entschieden, meinen Ehemann zu verlassen», heisst es in einer Mitteilung von Georgina Chapman, die sie im People-Magazin veröffentlicht. Sie werde sich nun um ihre Kinder kümmern, das habe für sie oberste Priorität. Die Modedesignerin und der Produzent haben gemeinsam eine Tochter und einen Sohn, aus erster Ehe (1986-2004) hat Weinstein drei weitere Töchter.

20. Oktober 2017

Ehemals ziemlich gute Freunde: Weinstein und Regisseur Quentin Tarantino im Jahr 2003. Foto: AP
Ehemals ziemlich gute Freunde: Weinstein und Regisseur Quentin Tarantino im Jahr 2003. Foto: AP

Die Polizei von Los Angeles leitet Ermittlungen gegen Harvey Weinstein wegen sexueller Nötigung ein. Weggefährte und Freund Quentin Tarantino räumt in einem Interview ungewöhnlich offen ein, falsch mit seinem Wissen zu Weinsteins Fehlverhalten umgegangen zu sein.

Ende Oktober 2017

Im Zuge der Weinstein-Berichterstattung erheben Millionen Frauen ihre Stimme. Unter dem Hashtag #Metoo posten sie, wie sie von Männern bedrängt, begrapscht oder vergewaltigt wurden. Es gibt nicht nur einen Weinstein, sagen diese Frauen. Es gibt Millionen Weinsteins auf der ganzen Welt. Es gibt sie nicht nur im «System Hollywood», dessen Struktur Abhängigkeitsverhältnisse schafft und Ausbeutung begünstigt. Die Weinsteins lauern in der U-Bahn, auf dem Oktoberfest, im Ausbildungsbetrieb – und mitunter sogar in der eigenen Wohnung.

März 2018

Der einst mächtigste Mann Hollywoods fehlt bei der Oscar-Verleihung, seine Firma findet keinen Käufer. Nun ist sie pleite, die Weinstein Company hat einen Insolvenzantrag gestellt. Die Schulden sollen bis zu einer Milliarde Dollar hoch sein. Das Hollywood-Studio teilt zudem mit, dass es alle Geheimhaltungsvereinbarungen mit mutmasslich betroffenen Frauen aufgelöst habe. Sie müssen sich also nicht vor Klagen wegen Geheimnisverrats fürchten, wenn sie ihre Geschichten erzählen.

Mai 2018

Zahlreiche Kamerateams begleiten Weinstein, als er sich der Polizei stellt. Foto: Mike Segar/Reuters
Zahlreiche Kamerateams begleiten Weinstein, als er sich der Polizei stellt. Foto: Mike Segar/Reuters

Harvey Weinstein stellt sich der Polizei. Als er am Morgen auf einem Polizeirevier in Manhattan erscheint, warten bereits zahlreiche Kamerateams auf ihn. Später wird der damals 66-Jährige von mehreren Polizisten ins Gericht geführt, seine Hände sind mit Handschellen auf dem Rücken fixiert. Im Inneren des Gerichtsgebäudes wird anschliessend die Anklage verlesen. Es geht um Vergewaltigung und sexuelle Nötigung. Und um Weinsteins Kautionsbedingungen: Er muss eine Million Dollar hinterlegen und eine Fussfessel tragen. Seine Reisefreiheit wird eingeschränkt, seinen Pass muss er abgeben. Ins Gefängnis muss Weinstein aber vorerst nicht.

Ende Mai entscheidet ein Geschworenengremium in New York: Die Beweise genügen für einen Prozess. Bezirksstaatsanwalt Cyrus R. Vance Jr. sagt, die Anklage bringe den früheren Blockbuster-Produzenten nun «einen weiteren Schritt näher zur Rechenschaft.»

Juni 2018

Weinstein vor dem Supreme Court in New York. Foto: Drew Angerer/Getty Images
Weinstein vor dem Supreme Court in New York. Foto: Drew Angerer/Getty Images

Im dunkelblauen Anzug erscheint Weinstein zu einer ersten Anhörung vor dem Supreme Court in New York, auf die Fragen von Richter James Burke antwortet er leise und knapp. Begleitet wird Weinstein von seinem Anwalt Benjamin Brafman, der bereits zuvor die Unschuld seines Mandanten betont hat. Im voll besetzten Saal plädiert der Produzent auf nicht schuldig.

Oktober 2018 bis März 2019

Weinsteins Anwälte Ronald Sullivan (l.) und Jose Baez. Foto: AP
Weinsteins Anwälte Ronald Sullivan (l.) und Jose Baez. Foto: AP

Die juristische Aufarbeitung des Fall Weinsteins kommt nicht recht voran. Im Oktober macht das Gericht aus drei Anklägerinnen zwei. Ausgerechnet die Vorwürfe der einzig namentlich bekannten Anklägerin Lucia Evans werden nicht mehr berücksichtigt, es gibt Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit. Zudem stellt sich heraus, dass Nicholas DiGaudio, ein leitender Ermittler in dem Fall, versucht hat, Zeuginnen zu beeinflussen und eine für Weinstein entlastende Aussage der Staatsanwaltschaft vorzuenthalten. Im Januar wechselt der Filmproduzent seine Anwälte. Besonders wichtig soll es Weinstein gewesen sein, eine Frau an seiner Seite zu haben. Angeführt wird sein Verteidigerteam nun von Jose Baez und Ronald Sullivan. Heikel daran: Sie berieten auch schon die Schauspielerin Rose McGowan bei einem Drogendelikt. McGowan ist eine von mehr als 80 Frauen, die Weinstein sexuelle Übergriffe vorwerfen und eine der lautesten Stimmen der «Me too»-Bewegung.

Mai 2019

Die Anwälte der früheren Filmproduktionsfirma von Harvey Weinstein einigen sich mit mutmasslichen Opfern sexueller Übergriffe, früheren Angestellten und Kreditgebern auf einen Vergleich. Insgesamt sollen an die Kläger 30 Millionen Dollar fliessen, weitere 14 Millionen als Prozesskosten an Gerichte und Anwälte. Im zivilen Rechtsstreit um die Weinstein Company ging es um die Frage, ob die Firma ein Arbeitsklima toleriert oder gar gefördert hat, in dem Weinstein zu einem Unberührbaren werden konnte – zu einem, der sich ohne Furcht vor Konsequenzen unerhörte Dinge erlaubte. Die Summe von 44 Millionen Dollar muss Weinstein aber nicht selbst tragen.

August 2019

Annabella Sciorra (l.) mit Ronan Farrow, der für seine Weinstein-Berichterstattung mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet wurde, Rosanna Arquette und Mia Farrow (v.l.). Foto: AP
Annabella Sciorra (l.) mit Ronan Farrow, der für seine Weinstein-Berichterstattung mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet wurde, Rosanna Arquette und Mia Farrow (v.l.). Foto: AP

Das Gericht in New York entscheidet, dass der ursprünglich für September angesetzte Missbrauchsprozess gegen Weinstein erst im Januar 2020 beginnen soll. Die Staatsanwaltschaft muss eine neue Anklage präsentieren, damit sie den Fall eines weiteren mutmasslichen Opfers in den Prozess aufnehmen kann. Dabei handelt es sich um die Schauspielerin Annabella Sciorra, die einst bei den «Sopranos» mitgespielt hat. Sie wirft Weinstein vor, sie 1993 vergewaltigt zu haben. Ihr Fall ist zwar verjährt, doch die Staatsanwälte wollen mithilfe von Sciorra beweisen, dass Weinsteins Übergriffe auf Frauen einem Muster folgten

Oktober 2019

Schauspielerin Rose McGowan wirft Weinstein unter anderem Betrug, Verletzung der Privatsphäre und emotionale Bedrängnis vor. Foto: Reuters
Schauspielerin Rose McGowan wirft Weinstein unter anderem Betrug, Verletzung der Privatsphäre und emotionale Bedrängnis vor. Foto: Reuters

Rose McGowan verklagt Weinstein wegen «einer weitläufigen Schmierkampagne». Sie beschuldigt den früheren Studioboss und seine Helfer, gegen sie vorgegangen zu sein, bevor sie Weinstein der Vergewaltigung beschuldigte. Diese hätten einen «teuflischen» und illegalen Versuch unternommen, die Opfer sexueller Übergriffe zum Schweigen zu bringen, heisst es in Gerichtsdokumenten, die das Branchenblatt Variety veröffentlicht. McGowan wirft Weinstein unter anderem Betrug, Verletzung der Privatsphäre und emotionale Bedrängnis vor. Neben dem Produzenten und seinen früheren Anwälten verklagt sie auch die umstrittene Sicherheitsfirma Black Cube.

Dezember 2019

Kurz vor dem Strafprozess einigen sich Weinstein und das Management seines inzwischen bankrotten Filmstudios The Weinstein Company mit Dutzenden Frauen. Der strafrechtliche Prozess ist davon nicht betroffen, zivilrechtlich allerdings wäre Weinstein mit diesem Deal wohl zu einem grossen Teil raus. Er umfasst laut New York Times eine Gesamtsumme von knapp 25 Millionen US-Dollar. Demnach würden 18 Frauen gemeinsam 6,2 Millionen Dollar bekommen, für Einzelpersonen würden damit nicht mehr als 500'000 Dollar bleiben. Offenbar sehen die Frauen keine andere Chance, von Weinstein entschädigt zu werden.Weinstein muss eine höhere Kaution hinnehmen, um auf freiem Fuss zu bleiben. Nachdem die Staatsanwälte zahlreiche Verstösse beim Tragen der elektronischen Fussfessel moniert haben, entscheidet das Gericht, ihm eine Kaution von fünf Millionen Dollar aufzuerlegen – vier Millionen mehr als bislang.

Januar 2020

Von Anfang Januar an muss sich Harvey Weinstein in New York vor Gericht verantworten. Es ist das erste und bislang einzige strafrechtliche Verfahren. Vor Gericht werden zwei Schicksale stellvertretend für Dutzende Leidensgeschichten stehen. Die anderen Vorwürfe gelten grossteils als verjährt. Mimi Haleyi wirft dem heute 67-Jährigen vor, sie 2006 in seinem Appartement in Soho zum Oralverkehr gezwungen zu haben. Eine bislang unbekannte Frau beschuldigt Weinstein, sie 2013 in einem Hotelzimmer vergewaltigt haben. Die anderen mutmasslichen Opfer, mehr als 80 an der Zahl, müssen dem Prozess von den Zuschauerbänken aus folgen. Insgesamt fünf Anklagepunkte hat die New Yorker Staatsanwaltschaft zusammengetragen, bei einer Verurteilung droht Weinstein, der die Anschuldigungen bestreitet, eine lebenslange Haft. Doch bis zu einem Urteil wird es wohl noch dauern.

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