Der D-Day als alternative Street Parade

25'000 Besucher feiern bei Baden die Landung der Alliierten in der Normandie – und stellen historische Kriegsszenen nach.

Fahrzeug-Raritäten, Panzer-Demos und originale Uniformen aus dem zweiten Weltkrieg: In Birmenstorf AG kommt dieses Wochenende alles zusammen. (Video: Anthony Ackermann und Jasmine Brönnimann)

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Es flattern so viele US-Flaggen wie an einer Show von Donald Trump. Und vom Sprachgewusel her wähnt man sich auf dem Jungfraujoch. Doch der Place-to-be für Militärfans an diesem ­Wochenende ist das aargauische Weinbauerndorf Birmenstorf bei Baden. «Wir sind die aargauische Street Parade», sagt Mediensprecher Louis Dreyer. «Convoy to Remember» heisst der Anlass, der Fans alter Militärfahrzeuge aus ganz Europa anzieht.

Pause auf dem Oldtimer und im Schatten: Teilnehmer in Birmenstorf. Bild: Urs Jaudas

Entstanden ist das grösste Militäroldtimer-Treffen der Schweiz vor über 20 Jahren aus einem «Alteisentreffen» von ein paar militärhistorisch Interessierten, wie OK-Präsident Adrian Gerwer sagt. 2000 Teilnehmer sind nach Birmenstorf gepilgert, die meisten übernachten in originalen Zelten, in Truppentransportern oder unter zusammengeknüpften 4-Frucht-Blachen. Sie essen Spatz aus der Gamelle oder Würste vom Grill. 600 Fahrzeuge stehen zwischen Gemüsefeldern und der Kiesgrube an der Reuss, die sich hervorragend für wilde Fahrten mit der fast kompletten Armada an Panzern eignet, die seit dem Zweiten Weltkrieg gebaut wurden.

Der letzte DDR-Major

Im Reenactors Camp kampieren 35 Vereine aus ganz Europa und stellen bis ins kleinste Detail historische Szenen nach. Da ist zum Beispiel eine 35-köpfige Truppe aus Dresden, die ihr Lager hinter einem rot-weissen Schlagbaum und Stacheldraht aufgeschlagen hat, angeführt von Thomas Gotscha, dem angeblich letzten Major der Nationalen Volksarmee.

Die Ex-DDRler sind ungeheuer herzlich und führen stolz ihre 20 Fahrzeuge vor, die sie in die Schweiz gekarrt haben, zum Beispiel einen 50-jährigen sowjetischen Lastkraftwagen Ural, der 70 bis 100 Liter pro 100 Kilometer säuft – und zwar Benzin und nicht Diesel, wegen der Kälte in Russland. Oder zwei militärische 2-Takt-Trabis, die – so Major Gotscha – dank ihrer einfachen Technik praktisch wartungsfrei laufen. Ärger hatte die DDR-Truppe bloss an der Schweizer Grenze in Konstanz: Ihren russischen Schützenpanzer mit dem jugendlichen Jahrgang 78 mussten sie zurücklassen, weil die Genehmigung für die «zeitweilige Verbringung» fehlte.

Flagge gezeigt: Ein Teilnehmer markiert sein Revier. Bild: Urs Jaudas

«Westler» aus der Rattenfängerstadt Hameln bei Hannover stellen im nächsten Lager einen Kommandoposten der 20th Ar­moured Brigade dar. «Im Kalten Krieg waren die Engländer unsere Freunde», sagt ein Siebzigjähriger, «sie gaben uns Kindern Schokolade und schützten uns vor den Russen.» Die Truppe aus Dresden bezeichnen die Hannoveraner als «unseren Feind» – scherzhaft zwar. Aber sie erinnern sich ebenso gut an die von ihren Eltern geschürten Ängste wie die Ex-DDRler, die eine Heidenangst vor den «Amis» hatten. Auf dem abgeernteten Birmenstorfer Gemüsefeld jedenfalls versöhnen sich die beiden Truppen bei viel mitgebrachtem Bier.

In nobelstem Londoner Upperclass-Dialekt und sauberer Uniform schwärmt der 15-jährige Marc Veal über die 101st Airborne Division, die über der Normandie abgesprungen ist. «Im Krieg haben viele Junge mit ihrem Alter geschummelt.» Ein Lager weiter doziert Andreas Jost aus Hinwil in Originaluniform über die Fremdenlegion. Über 30'000 Schweizer hätten seit 1831 für diese Elitetruppe gedient – quasi als Fortsetzung der Söldnertradition, bis 1927 Dienste für eine fremde Macht durchs Schweizer Militärstrafrecht verboten wurden.

Zelebriert wurde der D-Day auch am Himmel mit Akrobatikeinlagen der beiden US-Oldtimer AT-16 und Stinson L-5, letztere pilotiert vom 77-jährigen Ex-Swissair-Piloten Werner Meier. Am Freitag und Samstag donnerte die Patrouille Swiss übers Festgelände. Häufigster Witz nach dem Fehlflug in Langenbruck BL Anfang Juli: «Heute haben sie ihr Ziel ­gefunden.»

«Convoy» bis Sonntag

Erst- und letztmals dabei war auch die Armee mit einer Panzershow. Der «Convoy» kann nach acht Durchführungen in Birmenstorf nicht weitermachen, weil die Kiesgrube renaturiert wird. Die Panzer demonstrieren einen Einsatz «im urbanen Gelände». Ein 60 Tonnen schwerer Geniepanzer Kodiak zermalmt zum Beispiel einen PW wie eine Sardinenbüchse. Und ein Brückenlegepanzer baut in fünf Minuten eine 26-Meter-Brücke.

Dann gibts aber auch solche mit einem eigenen Panzer. René Junod aus Russikon hat einen Panzer 68, den sein Vater der Armee für 10'000 Franken abgekauft hatte. Heute werden solche Panzer in den USA für 200'000 Dollar gehandelt. Felix Stocker, einstiger Panzerkommandant aus Gossau ZH mit 1500 Diensttagen, hält sich eine Leopardine, ein vom Künstler Gerry Hofstetter umgespritzter Panzer 68. Beide führen mit ihren Ungetümen in der Kiesgrube Publikumsfahrten durch.

Der «Convoy» dauert noch bis am Sonntag. Abschluss bilden um 15.30 Uhr eine Panderdemo und um 16.15 Uhr die Schlussparade mit Raritätenoldies.

Erstellt: 10.08.2019, 15:00 Uhr

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